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Toter Flüchtlingsjunge: Mohamed flüchtete, um hier zu leben

Seine Familie kam aus Bosnien nach Deutschland, sie lebten in Berlin. Vor genau vier Wochen verschwand der vierjährige Mohamed im Gedränge der Aufnahmestelle für Flüchtlinge.  Nun ist das Schreckliche Gewissheit: Mohamed ist tot.

Von Erik Häußler

Gedenken an den kleinen Mohamed

Gedenken an den kleinen Mohamed

Seit einem Jahr war die Familie des kleinen Mohamed bereits in Deutschland. Sie sind aus Bosnien geflohen, um in Deutschland ihre neue Heimat zu haben, Freunde zu finden, zu leben. Nun ist Mohamed tot. Offenbar getötet.

Am Morgen des 1. Oktober war Mohamed mit seiner Mutter Aldiana, seiner neunjährigen Schwester Melina und seinem erst fünf Monate alten Bruder Kevin auf dem Weg in die Turmstraße in Berlin-Moabit. Sie wollen zum Lageso, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales. Dort befindet sich die Erstaufnahmestelle für Flüchtinge. Nach ihrer Ankunft werden die Neuankömmlinge dort registriert und später auf ihre Unterkünfte verteilt. Das Amt ist seit Monaten überlastet. Es gibt lange Wartezeiten.


Suche in unübersichtlichem Amt vergeblich

Eine Prozedur, die Mohamed und seine Familie bereits hinter sich hatten. Die Ersterfassung war lange gelaufen, sie waren nach ihrer Ankunft in Deutschland vor einem Jahr registriert worden. Allerdings lebte die Familie bis zu diesem Tag nur geduldet in Berlin. Ihnen drohte die Abschiebung.

Seine Mutter hatte an diesem Mittag einen Termin bei einem Sachbearbeiter des Amtes. Es ging um Bargeldleistungen, die der Mutter zustanden. Wie in Ämtern üblich, griff sich die junge Mutter eine Wartenummer. Einen kleinen Moment nur hatte sie ihren Blick abgewendet, ihren kleinen Sohn nicht mehr im Auge. Mohamed war verschwunden. Ausgerechnet hier. Das Lageso ist seit langem überfüllt, es herrschen teils chaotische Zustände dort, bemängelte der Flüchtlingsrat noch vor kurzem. Es gebe enorm lange Wartezeit für Flüchtlinge vor der Registrierung, oft müssten sie Wochen lang ausharren. Es stehen Zelte auf dem Gelände, es herrscht dichtes Gedränge.

In all diesem Durcheinander suchte die Mutter stundenlang ihren 4-jährigen Sohn - vergeblich. Um 16.30 Uhr ruft sie die Polizei an und meldet Mohamed als vermisst. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Mohamed das Gelände bereits verlassen, wie Videoaufnahmen später zeigten. Er ging an der Hand eines bis dahin unbekannten Mannes. Als die Polizei am frühen Abend das Amtsgelände absuchte, war der mutmaßlich spätere Täter bereits lange weg - und mit ihm Mohamed. Wie die Ermittlungen ergaben, hatte er offenbar ein Auto zur Verfügung.

32-Jähriger gesteht seiner Mutter die Tat

Mit etlichen Beamten suchte die Polizei in den Tagen nach dem Verschwinden des Jungen im Umkreis des Lageso nach Hinweisen, sichteten Videomaterial des Amtes und befragten Anwohner. Dabei stießen sie auch auf Videomaterial eines nahen Lokals, das die entscheidenden Hinweise brachte. Auf dem Video ist ein bärtiger Mann zu sehen, er trägt einen hellen Pullover und hält eine Plastiktüte in der Hand. Die Fahndung wird öffentlich. Es werden Flyer verteilt, das Foto des kleinen Jungen mit den braunen Augen geht durch die Medien. Alle hoffen auf einen glimpflichen Ausgang für Mohamed.

Etliche Hinweise gehen daraufhin bei der Polizei ein. Der Mann sei häufiger auf dem Gelände des Lageso gewesen, er war Anwohnern aufgefallen. Warum er dort war, weiß bislang niemand. Auch ob er schon früher Kontakt zu Kindern, vielleicht sogar zu Mohamed hatte, ist nicht klar. Diese Videoaufnahmen sieht auch eine Frau in Brandenburg. Sie ist die Mutter des heute festgenommenen 32-Jährigen. Sie erkennt ihren Sohn und sucht das Gespräch. Er gesteht ihr die Tat, so berichtet die Polizei. Daraufhin ruft die Mutter auf dem Infotelefon der Polizei an, berichtet ihr vom Geständnis ihres Sohnes. Sofort machen sich Beamte des Landeskriminalamtes auf den Weg.

Als sie dort eintreffen, ist der 32-Jährige nicht zu Hause. Auch von Mohamed ist keine Spur. Ihr Sohn, so sagt die Mutter den Beamten, sei unterwegs, um Beweismaterial zu holen. Kurze Zeit später fährt ein weißer Van vor, hinterm Steuer sitzt der Gesuchte. Er zeigt den Beamten den grausigen Inhalt des Kofferraums: eine Kinderleiche liegt in einer mit Katzenstreu gefüllten Wanne. Ob es wirklich Mohamed ist, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Die Kinderleiche sei ersten Einschätzungen nach schon längere Zeit tot gewesen, sagte die Polizei am Tag der Festnahme. Der Tatverdächtige gesteht sofort. Er wird noch am Haus der Mutter festgenommen.

Viele Fragen - Familie wird betreut

Wieso war der 32-Jährige öfter in Berlin unterwegs, wo er doch in Brandenburg lebt? Wieso war er offenbar häufiger auf dem Gelände des Lageso? All das konnte noch nicht geklärt werden. Erste Ermittlungen der Polizei sehen keinen direkten Bezug zu Berlin, auch auf eine fremdenfeindliche Tat deute momentan nichts hin. Ebenso wenig auf einen sexuellen Hintergrund. Mutmaßlich hätte er als Einzeltäter gehandelt. Er sei, bis auf ein Bagatelldelikt, polizeilich völlig unauffällig gewesen. Die Ermittlungen laufen, der 32-Jährige wird vernommen. Vieles wird erst in einigen Tagen bekannt werden.

Die Mutter des kleinen Mohamed erfuhr bereits vor der öffentlichen Bekanntgabe durch die Polizei vom Fund in Brandenburg. Sie werde nun betreut. Außerdem gebe es Opferschutzprogramme, in die nun auch die Familie von Mohamed aufgenommen werde. Sie werden ihr weiteres Leben an einem anderen Ort, weg von Berlin, verbringen, so die Polizei.