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Bayern Gehörlose Frau ruft bei der Polizei an – und wird vom Beamten angeschrien

Julia Probst im Büro
Julia Probst im Büro
© Daniel Reinhardt/ / Picture Alliance
Für gehörlose Menschen sind Dolmetscher bei Behörden-Anrufen eine wichtige und notwendige Unterstützung. Wie schlecht einige Beamte auf solche Situationen vorbereitet sind, zeigt ein aktueller Fall aus Bayern.

Es ist etwas, was wohl niemand erleben möchte: In der eigenen Wohnung riecht man plötzlich schwelenden Brandgeruch und weiß weder, woher er kommt, noch, ob eine ernste Ursache dahintersteckt. Genau so ging es Julia Probst, Aktivistin für Barrierefreiheit und bekannte Twitter-Nutzerin, am Montagabend.

Als am späten Montag in vielen Teilen Deutschland Gewitter aufziehen, riecht Probst einen ungewöhnlichen Geruch in ihrer Wohnung: Nicht lange, nicht intensiv, aber es riecht nach Brand. Kurze Zeit später ist es in ihrer Wohnung dunkel – Stromausfall. Auch der Stromausfall lässt sich schnell beheben, doch nach einigen Stunden bemerkt Probst etwas Alarmierendes in ihrer Küchenwand. Dort, wo eigentlich eine Steckdose unter Putz verbaut ist, klafft jetzt ein Loch, aus dem die Steckdose herausragt.

Durch die Kombination der Geschehnisse alarmiert, entschließt sich Probst, den Notruf zu wählen. Könnten der Brandgeruch, der Stromausfall und das entstandene Loch miteinander zusammenhängen? Der Brandgeruch womöglich auf einen Kabelbrand hindeuten? Diese Fragen möchte Probst gerne klären, bevor sie sich hinlegt. Was für sie die Situation noch schwieriger macht: Probst ist gehörlos und kann sich daher im Brandfall nicht auf das Piepsen eines Rauchmelders verlassen.

Dolmetscher unterstützen Gehörlose bei Polizei-Anrufen

In Deutschland sind Polizei und Feuerwehr grundsätzlich auch auf Anrufe von gehörlosen Menschen vorbereitet. Julia Probst ruft also über den Telefonvermittlungsdienst für Gehörlose bei der 110/112 an. Die Dolmetscherin ist der Meinung: Ein Notfall ist das nicht, aber sie solle bei der normalen Dolmetscherhotline anrufen und sich mit der örtlichen Polizeidienststelle verbinden lassen. Dort ist man offensichtlich deutlich schlechter auf den Anruf eines, bzw. einer Gehörlosen vorbereitet. Noch nicht einmal die Vorstellung der Dolmetscherin ist geschafft, da vermutet der Polizist am anderen Ende der Leitung schon einen "Spaßanruf“.

Ähnlich unerfreulich geht es weiter: Statt eine fachgerechte Überprüfung der möglichen Gefahrenstelle zu veranlassen, schreit der Polizist Probst und die Dolmetscherin an. Zuerst soll sie ihren Namen erneut nennen, dann das längst geschilderte Problem erneut benennen. Erst als Probst erneut versichert, es handele sich um keinen Spaßanruf, beruhigt sich der Polizist schließlich etwas.

Polizei schlägt "Riechtest" vor

Damit nicht genug: Als Lösung für ihr Problem schlägt der Beamte lediglich vor, eine Streife vorbeizuschicken. "Man werde riechen, ob es riecht und dann entscheiden, ob die Feuerwehr kommt". Eine direkte Untersuchung durch die Feuerwehr kommt für ihn anscheinend nicht in Frage. Für Probst endet das Gespräch so unzufriedenstellend wie potenziell gefährlich: Eine Untersuchung der möglichen Gefahrenstelle erhält sie nicht. Auf Twitter schreibt sie: "Ich hätte mir gewünscht, dass die Feuerwehr oder sonst wer mit Kenntnis befragt wird und auf Basis meiner Antworten entschieden wird, ob jemand kommt. Oder der Vorschlag gemacht wird, dass ich die Sicherung raustue. Irgendetwas handfestes.“

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Stattdessen bleibt sie in Sorge und kann lange nicht einschlafen. Von der Polizei gibt es bislang keine Erklärung oder gar Entschuldigung für das Verhalten ihres Beamten.

Update, 28.06.: Inzwischen hat sich die Polizei laut eigener Aussage bei Probst für das Verhalten ihres Beamten entschuldigt. Man werde den Vorfall aufarbeiten und die Beamten sensibilisieren. Der Anruf einer Dolmetscherin sei ein sehr seltenes Ereignis, das aber nichtsdestotrotz hätte seriöser behandelt werden müssen.


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