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"Weihnukka": Die Mischung macht's

Weil das christliche Weihnachtsfest und das jüdische Lichterfest Chanukka zeitlich meist beieinander liegen, nutzen Israelis gerne die Gelegenheit und feiern "Weihnukka". Doch nicht alle Gläubigen mögen diese Vermischung religiöser Traditionen.

Ein Sex-Kino auf der Allenby Street in Tel Aviv wirbt mit drei halbnackten Schaufensterpuppen in Weihnachtsmann-Kostümen auf Watteschnee. Wenige dutzend Meter weiter bieten ein Spielwarenladen und Geschäfte russischer Einwanderer Christbaumkugeln, Sterne und Plastiktannen an, fertig geschmückt für umgerechnet 120 Euro. Weihnachten naht und auch im jüdischen Staat Israel mehren sich die Vorzeichen auf das große Christen-Fest. Zwar neidet kein gläubiger Jude den Christen den Geburtstag ihres Propheten Jesus, aber auf Liberale färbt das stimmungsvolle Fest doch ab. Und jüdisch-christliche Paare wissen längst: die Mischung macht's - und feiern "Weihnukka".

Die aus Deutschland stammende Leonie und Elad sind seit rund einem Jahr verheiratet, haben aber schon mehrere gemeinsame "Weihnukkas" hinter sich. Der interreligiöse Tannenbaum mit Kugeln und kleinen Chanukka-Leuchtern stand genauso in ihrem Wohnzimmer wie die internationalen Weihnachtsbäume im "deutsch-israelischen Stil" und im "britischen Stil" für den mit einer Britin liierten Bruder von Leonie, berichtet Elad.

Tag für Tag eine Kerze

Weihnachten und Chanukka haben einiges gemeinsam. Das jüdische Lichterfest findet am 25. Kislew, dem neunten Monat im jüdischen Mondkalender, also meistens im Dezember, statt. Auch das Anzünden von Lichtern zur Zeit der Sonnenwende ist eine Gemeinsamkeit: die Christen haben ihren Adventskranz und die Kerzen am Baum, die Juden entzünden Tag für Tag eine Kerze des achtarmigen Chanukka-Leuchters.

Die Annäherung beider Feste ist eine Folge von Säkularisierung und Kommerzialisierung. Keine Weihnachten ohne Christkindl-Märkte und Rabattaktionen - das färbt auf Chanukka ab, das an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels 165 vor Christus erinnert. Inmitten des christlichen Vorglühens verspüren insbesondere jüdische Eltern einen Konflikt, der in den USA als "December Dilemma" bekannt ist: Die lieben Kleinen quengeln, bis es doch Geschenke gibt.

Chanukka hat mit Geschenken wenig zu tun

Eliezer Segal, jüdischer Religionswissenschaftler an der Universität Calgary und der Hebräischen Universität Jerusalem, weist darauf hin, dass Chanukka mit Geschenken traditionell wenig zu tun habe, schon gar nicht mit dem "Shopping-Wahnsinn" vieler Glaubensbrüder in den USA. Zeugnisse von Chanukka-Geschenken gebe es erst aus dem 19. Jahrhundert: In osteuropäischen Gemeinden bekamen Kinder "Chanukka-Geld". Aber nicht nur in den USA ist der Kult-Mix ohne Glaubensbekenntnis unter liberalen Religionsanhängern längst üblich. So organisiert etwa das Jüdische Museum in Berlin seit Jahren in seinem Innenhof einen Chanukka-Markt.

Keren Tomer von der Organisation Noam für jüdische Immigranten aus Deutschland stammt aus Berlin. Die Ex-Punkerin, die sich nach rebellischen Jahren in Kreuzberg auf ihre jüdischen Wurzeln besann und nach Israel auswanderte, hält wenig von Weihnachten. Aber nicht aus Glaubengründen: "Ich mochte diesen Konsum schon als Jugendliche nicht." Nur Lebkuchen vermisse sie.

Weihnachten ohne Nostalgie

Jalon Gräbe fehlt nicht einmal das. Zwar will der Ex-Bundesgrenzschützer aus Heiligenhafen seinen beiden Kindern auch einmal deutsche Weihnachten zeigen, aber ohne Nostalgie. Gräbe trat 1987 vom Protestantismus zum Judentum über und wanderte aus. Seine Frau ist Jüdin. "Ich habe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt", sagt der 50-Jährige, der nach Israel mit dem klaren Bekenntnis ging: "Wenn, dann richtig." "Weihnukka" ist deshalb für ihn kein Thema.

Elad freut sich dagegen schon - "vor allem auf den Glühwein und das Schmücken des Baums". In diesem Jahr feiert das Paar wieder bei Elads Schwiegereltern im deutschen Schwetzingen. Traditionell und deshalb "diesmal ohne israelische Fähnchen im Tannenbaum", sagt Leonie. "Und mit Geschenken", ergänzt Elad.

Daniel-Karl Jahn/AFP / AFP