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Drogenbericht 2011: Synthetik-Drogen verdrängen Koks und Cannabis

Die Deutschen konsumieren weniger Kokain und Cannabis, dafür stehen synthetische Rauschmittel hoch im Kurs. Das Problematische daran: Die Folgen dieser Drogen sind kaum vorherzusehen.

Synthetische Drogen werden zunehmend beliebter, wohingegen Kokain und Cannabis auf dem Rückmarsch sind. So lautet das Fazit des Drogenberichts 2011 der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD). ERDD-Direktor Wolfgang Götz forderte angesichts dieser Entwicklung eine neue Ausrichtung der europäischen Drogenpolitik. "Europas Drogenpolitik muss sich neu ordnen, um dieser Herausforderung des Jahrzehnts entgegenzutreten", sagte Götz bei der Vorstellung des Berichts in Lissabon. Synthetische Substanzen, sogenannte Legal Highs, hätten "rapide" zugenommen. Laut EBDD sind derzeit rund 150 dieser Substanzen in Europa bekannt. Allein 39 neue Substanzen wurden seit Beginn dieses Jahres registriert.

"Das größte Problem bei synthetischen Drogen besteht darin, dass die Leute nicht wirklich wissen, was sie nehmen", sagte Götz. "Bei einem Joghurt steht auf der Packung, was drin ist, bei einer Pille nicht. Wenn die Leute diese Substanzen dann auch noch mit anderen legalen oder illegalen Drogen mischen, dann kann es zu großen gesundheitlichen Problemen und auch zum Tod führen", so der Deutsche.

"Zu wenig über Risiken vieler neuer Drogen bekannt"

Götz erklärte, dass die Hauptschwierigkeit beim Kampf gegen diese Drogen in der Verflechtung der Märkte für legale Amphetamine und illegale Pillen liege. Der EBDD-Drogenbericht nennt die Zahl von mittlerweile 600 Firmen, die psychoaktive Substanzen vertreiben. Die Mehrzahl von ihnen seien synthetische Cannabis-Produkte und synthetische Derivate von Medikamenten wie Schlaf- oder Schmerzmitteln.

Der Leiter der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD), Tim Pfeiffer-Gerschel, erklärte in Berlin, dass bisher "zu wenig über mögliche Risiken des Konsums vieler der neuen Drogen" bekannt sei. Ein Verbot neuer synthetischer Drogen kann der Bundesdrogenbeauftragten Mechthild Dyckmans (FDP) zufolge in Deutschland erst nach einem aufwendigen Verfahren erfolgen, nachdem diese unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt wurden. Um dies zu vermeiden, wechselten die Anbieter häufig die Namen der Produkte und geringfügig ihre Zusammensetzung.

Optimistischer sah Götz die Entwicklung bei Kokain und Cannabis. "Kokain hat offenbar seinen Zenit überschritten, und der Cannabiskonsum bei Jugendlichen sinkt weiter", erklärte Götz. Länder wie Dänemark, Spanien, Italien und Großbritannien, die in den vergangenen Jahren hohe Konsumentenzahlen bei Kokain aufgewiesen hätten, berichteten jetzt über ein Nachlassen der Nachfrage. Laut der ERDD könnte die Wirtschaftskrise ein Grund für das sinkende Interesse an Kokain sein. Ein Gramm dieser Droge kostet laut ERDD zwischen 50 und 80 Euro.

Haschisch bleibt beliebteste Droge Europas

Dyckmans erklärte in Berlin, der Drogenkonsum in Deutschland sei im vergangenen Jahr stabil geblieben. Entsprechend dem Europatrend sei bei Cannabis ein Rückgang des Konsums bei Jugendlichen zu verzeichnen.

Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland beim Cannabis-Konsum einen Platz im unteren Drittel ein. Bei der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen liegt Tschechien vorne. Rund 29,5 Prozent der Befragten dieses Alters hatten in Tschechien laut ERDD in den vergangenen zwölf Monaten Haschisch konsumiert. Auf Platz zwei und drei liegen Spanien (23,9 Prozent) und Italien (22,3 Prozent). Der europäische Durchschnitt beträgt 15,2 Prozent. In Deutschland lag der Anteil bei 12,7 Prozent bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren. Vergleichszahlen für die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen lagen nicht vor.

Götz führte den Rückgang beim Cannabis-Konsum auf die sinkende Zahl der Raucher zurück, da beides häufig gemeinsam konsumiert werde. Er betonte, dass Haschisch trotz des Rückgangs der Konsumentenzahlen "die beliebteste Droge Europas" bleibe.

fro/DPA/AFP / DPA