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Falschinformation: Fake News, Verschwörungen und Gerüchte: Die irreführenden "Fakten" von Chemnitz

Rund um die tödliche Messerstecherei und die anschließenden Ausschreitungen in Chemnitz kursierten in den vergangenen Tagen verschiedene Gerüchte und Falschinformationen im Netz. Der stern hat einige näher unter die Lupe genommen.

Fake News Combo

In den vergangenen Tagen waren einige irreführende Informationen im Umlauf

UPDATE: Dieser Artikel wurde nach dem Erscheinen aktualisiert. Die ergänzten Passagen sind kursiv und fett ausgezeichnet.

1) Hitlergrüße wurden von links inszeniert, um rechte Demonstranten in Verruf zu bringen 

Auf mehreren Bildern aus Chemnitz war ein Mann in einem blauen Kapuzenpullover zu sehen, der inmitten der rechten Demonstranten den Hitlergruß zeigt. Im Interview mit "Vice" skandiert er unter anderem "Unser Schlachtruf ist töten" und "Wir sind die Nazis, ihr seid die Schweine". Bei Twitter und Facebook machten in der Folge Gerüchte die Runde, der Mann sei von Seiten der Linken eingeschleust worden, um die Gegenseite durch gezielte Provokationen in ein schlechtes Licht zu rücken. Unter anderem war von "Merkels Schauspieler" die Rede. 

Als vermeintlicher Beweis diente eine angebliche "RAF"-Tätowierung auf der Hand des Mannes, die auf einem in Umlauf gebrachten Bild zu sehen ist:

Allerdings zeigt der Großteil der Aufnahmen des Demonstranten anscheinend eine untätowierte Hand: 

Wieder anderen Informationen zufolge soll es die Tätowierung zwar geben, sie soll aber so extrem verblasst sein, so dass sie auf Fotos möglicherweise nicht zu erkennen ist.  

Einer weiteren Theorie aus dem rechten Spektrum zufolge handelt es sich bei dem Mann um den Pressefotografen Thomas Victor, der auch schon für den stern arbeitete. 

Abgesehen von der Tatsache, dass Victor für "Zeit Online" in Chemnitz  selbst Fotos von dem Mann schoss, sehen sich die beiden auch nicht wirklich ähnlich. 

Fazit: Die Identität des Mannes mit dem erhobenen Arm ist nicht bekannt. Sicher ist, dass es nicht Thomas Victor ist. Über die Tätowierung auf seiner Hand kursieren unterschiedliche, teils widersprüchliche Informationen. Es ist zudem noch kein einziger Beleg dafür aufgetaucht, dass er tatsächlich ein eingeschleuster linker Provokateur ist. 

2) Plakat zeigt angeblich deutsche Frauen, die Opfer von Ausländerkriminalität wurden

bunt Blut

Demonstanten halten ein Plakat mit der Aufschrift "Wir sind bunt bis das Blut spritzt" in die Höhe. Die Aufnahme stammt von einer Demonstration in Hamburg, in Chemnitz tauchte das Banner vor einigen Tagen wieder auf

Picture Alliance

Auf der Webseite des "Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus" ist auf einem Foto zusehen, wie drei Menschen ein Plakat hochhalten. Einer von ihnen zeigt den Hitlergruß. Auf dem Banner ist der Schriftzug "Wir sind bunt bis das Blut spritzt" zu lesen. In der Mitte wiederum ist eine Collage mit zwölf, teils übel zugerichteten Gesichtern zu sehen - vermeintlich, so wird es suggeriert, deutsche Frauen, die Opfer von Ausländerkriminalität wurden. Das Fact-Checking-Portal "Mimikama" hat sich mit dem Motiv auseinandergesetzt. 

Das Ergebnis: Bei den abgebildeten Personen handelt es sich tatsächlich bis auf eine Ausnahme - ein Make-Up-Model - um Gewaltopfer. Allerdings ist kein einziges deutsches Opfer von Ausländergewalt dabei. Es handelt sich dagegen um ganz unterschiedliche Fälle, etwa häusliche Gewalt. Lediglich eine der Personen könnte demnach überhaupt aus Deutschland stammen. Sehen sie hier das Ergebnis der "Mimikama"-Recherche.

3) Journalismusverband warnt vor deutscher Presse

In den vergangenen Tagen kursierte ein angeblicher Zeitungsartikel bei , in dem der internationale Verband "European Press Watch" mit Sitz in Stockholm vor der Berichterstattung in deutschen Medien warnt. Diese sei unter anderem "einseitig und irreführend", heißt es darin unter anderem. Und weiter: Zulässiger Protest würde "inkriminiert", die AfD systematisch verleumdet. 

Problem: Der erwähnte Verband existiert überhaupt nicht, wie sich recht schnell feststellen lässt. Aus dem verbreiteten Zeitungsausriss ist darüber hinaus nicht zu ersehen, in welchem Medium der vermeintliche Artikel erschienen sein soll.

4) Gerüchte um einen zweiten Toten, sexuelle Belästigung und 25 Messerstiche

Bereits kurz nach der tödlichen Messerstecherei machten im Netz Gerüchte die Runde, Daniel H. wäre mit 25 Messerstichen regelrecht abgeschlachtet worden. Ein weiterer niedergestochener Mann wäre später seinen Verletzungen erlegen. Die beiden hätten Frauen vor sexueller Belästigung beschützen wollen, das wäre ihnen zum Verhängnis geworden. 

Unter anderem schrieb der stellvertretende Landesvorsitzender der Sachsen-AfD am Sonntag, 26. August in einem Tweet von zwei Opfern: 

Die Polizei bemühte sich schnell um Richtigstellung: 

Sachsens Landespolizeipräsident Jürgen Georgie sagte darüber hinaus am Dienstag in einer Pressekonferenz, dass den tödlichen Messerstichen kein sexueller Übergriff vorausgegangen wäre. Auch die Gerüchte von den 25 Messerstichen wurden nirgendwo bestätigt. In dem von einem Justizbeamten illegal verbreiteten Haftbefehl heißt es, die beiden Hauptverdächtigen hätten insgesamt fünf Mal auf Daniel H. eingestochen. 

Ungeachtet der Richtigstellungen sind etliche Beiträge mit den falschen Informationen noch immer online auffindbar, etwa beim Magazin "Compact" und in rechtsgerichteten Blogs:

compact
blog

Mit dieser Überschrift war ein Beitrag eines rechtsgesinnten Blogs überschrieben. Er ist noch immer online.

 


Demonstrationen in Chemnitz: Herz gegen rechte Parolen: Szenen aus einer gespaltenen Stadt
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