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stern-reportage

Prekäre Jobs in Logistikbranche: Slums auf Rädern: Das Leben im Lkw voller Einsamkeit und Alkohol

Lastkraftwagen aus Osteuropa stauen sich an den Wochenenden auf Deutschlands Rasthöfen. Die Fahrer hausen in ihren Trucks, monatelang fern der Heimat.

Octaviu* brüllt. Es ist eine lange, wütende Tirade. Wer immer ihn an diesem frühen Abend anspricht, muss sie über sich ergehen lassen. Zu verstehen ist er kaum, selbst für die, die Rumänisch können. Umständlich steigt er aus seinem Lkw, barfuß und im dünnen Sweatshirt. Dabei sind es hier, auf dem Rasthof Köln-Eifeltor an der A 4, gerade einmal zwei, drei Grad, und es nieselt. Octaviu droht mit der Faust, torkelt umher, schimpft herum, bis er schließlich, endlich zurück auf den Bock klettert und die Musik aufdreht. Balkan-Pop. In seiner Kabine liegen leere Bierdosen.

Octaviu ist einer von Hunderttausenden Lkw-Fahrern aus Osteuropa, die mit ihren 40-Tonnern Tage und Nächte auf Straßen und Rastplätzen verbringen. Sie kommen aus dem Baltikum, Polen, Ungarn, aber vor allem aus Bulgarien und Rumänien. Sie sind die Arbeitsnomaden Europas, machen den Job, den deutsche Fahrer längst nicht mehr wollen: immer allein auf der Fernstrecke, immer am Limit der erlaubten Fahrzeiten, immer fern von zu Hause. Offiziell verdienen sie meist den deutschen Mindestlohn, um die 2000 Euro im Monat. Das stimmt aber nur, weil Tagesspesen um die 50 Euro reingerechnet werden und die Männer in ihren Lkws hausen. Ein Leben in der Kabine. Ein Scheißleben – im Auftrag möglichst niedriger Transportkosten. Im Dienst für den billigen Massenkonsum.

Lärmschutzwände und Industriegebiete

Wenige Stunden zuvor an diesem feuchtkalten Samstag hatte Octaviu seinen blauen, noch ziemlich neuen Volvo-Lastzug in zweiter Spur auf dem engen und etwas verwinkelten Rasthof geparkt. Er kam spät, die besten Plätze waren längst vergeben, er musste rangieren, bis die verbleibende Gasse groß genug war, damit andere noch vorbeikommen. Ein klein gewachsener Mann, leicht untersetzt, einer wie so viele hier, die zu wenig Bewegung haben. Octaviu setzte eine große, warme Kappe mit Ohrenschützern auf, öffnete die Tür und nickte freundlich.

Lkw-Fahrer duzen sich.

Bleibst du auch das Wochenende hier?

Er lächelte verlegen, zuckte die Schultern und rang nach Worten.

Do you speak English?

Er schüttelte den Kopf.

Wie heißt du?

Er lächelte. Er hatte verstanden. "Octaviu", sagte er, deutete auf sich und fügte "România" hinzu. Mit wenigen Worten und Händen und Füßen ging die Unterhaltung weiter: Zwei Monate werde er die Familie in Rumänien nicht sehen. Er zeigte Fotos seiner blonden Frau und seiner Tochter im Teenageralter. Dann, ganz plötzlich, erlosch sein Lächeln, er sah traurig aus, rang nach Worten. Seine Frau und er, "Probleme", so viele Probleme. Er blickte lange auf die Bilder, kletterte schließlich wortlos in seine Kabine und schloss die Tür.

Samstagabend auf dem Rasthof Frechen bei Köln: während des Sonntagsfahrverbots das trostlose Quartier für Dutzende Trucker

Samstagabend auf dem Rasthof Frechen bei Köln: während des Sonntagsfahrverbots das trostlose Quartier für Dutzende Trucker

Der "SVG Autohof Eifeltor" bei Köln ist kein schöner Ort: Die zweistöckigen Zweckbauten brauchten dringend Farbe, durch die betongefassten Grünanlagen verlaufen matschige Trampelpfade. Man blickt auf Lärmschutzwände und Industriegebiete. Kulinarisches Highlight ist der Tresen einer Burgerkette. Diese Raste nutzen fast nur Lkw-Fahrer. Alles ist auf sie ausgerichtet: Stellplätze kosten zehn Euro am Tag, und neben Kaffee, Würstchen und Bier verkauft der Tankstellen-Shop auch billige Arbeitskleidung: Karohemden und dicke Jacken in Signalfarben mit Reflektoren gehen besonders gut.

Vor dem Gelände ist der Parkstreifen der einsamen Industriestraße mit uralten Wohnwagen vollgestellt. Verkehrstüchtig im klassischen Sinn sind sie angesichts der platten Reifen nicht mehr. An einem steht mit Sprühfarbe "Penis GmbH" und "Ficken macht frei". In den meisten rekeln sich in Fensterhöhe schon seit dem Nachmittag kaum bekleidete Frauen auf überdimensionierten Schaumstoffmatratzen.

Der Tag ist schon schwer zu ertragen, doch jetzt, mit dem Einbruch der Dunkelheit, wird der Rasthof endgültig zum Hort der verlorenen Seelen: Zwischen den Lkws torkeln betrunkene Fahrer, mal lautstark wie Octaviu, oft aber auch still für sich. Einer steht schwankend zwischen zwei Zugmaschinen und starrt ins Dunkel. Ein anderer hat sich halb ausgezogen und läuft lamentierend über die Fahrspur. Jeder ignoriert den anderen, so gut er kann. Bringt nur Ärger. Vor ein paar Wochen gab es eine Schlägerei. Deshalb kommt nachts ab und an die Polizei vorbei.

Polnische Lastkraftwagen legten 5,4 Milliarden Kilometer in Deutschland zurück

Wenige Meter von Octaviu entfernt hat Alexandru* seinen Lkw geparkt, auch er stammt aus Rumänien. "Das Leben als Fahrer ist grausam", sagt er, "aber man lässt die anderen machen. Sie haben ihre Gründe, und man weiß, dass es einem mal ähnlich gehen kann."

З днем автомобіліста!!!

Gepostet von Андрій Сеник am Sonntag, 29. Oktober 2017

Lastzüge aus dem Ausland machen inzwischen fast die Hälfte des Lkw-Verkehrs auf deutschen Autobahnen aus. Viele westeuropäische Speditionen haben Tochterunternehmen in Osteuropa gegründet, um dort günstig Fahrer zu beschäftigen und Lastwagen anzumelden. Deutsche Nummernschilder sind auf der Raste am Eifeltor kaum zu sehen, und an Unfällen sind immer öfter Trucks aus dem Osten beteiligt: Sie landen in Leitplanken, krachen in Stauenden, rammen Fahrzeuge von der Straße, Menschen sterben – und gerade nach den Wochenenden ist nicht selten Alkohol im Spiel.

Als die Autobahnpolizei bei Worms an einem Sonntag im Januar abfahrende Lkws kontrollierte, hatten sieben von 16 Fahrern so viel Alkohol im Blut, dass sie nicht weiterfahren durften. Bei einem wurden 1,8 Promille gemessen. Ein anderer war so blau, dass er den Alkoholtest gar nicht mehr schaffte. Nur das Fahren des 40-Tonners, das traute er sich irgendwie noch zu. Die Zahl osteuropäischer Lkws stieg 2017 um rund acht Prozent. Polnische Laster legten im vergangenen Jahr rund 5,4 Milliarden Kilometer in Deutschland zurück, gefolgt von tschechischen und rumänischen. Zusammen stellen sie mehr als die Hälfte der ausländischen Lastwagen. Das liegt nicht an der boomenden Wirtschaft dieser Länder. Eher im Gegenteil. Die Löhne sind die niedrigsten in der EU.

Octaviu ist schon seit vier Wochen unterwegs. Er karrt alles Mögliche über den Kontinent. Zuletzt holte er Müll aus Großbritannien und brachte ihn zur Verbrennung nach Amsterdam. Er fährt für eine Spedition in Österreich, sein Sattelschlepper ist in Rumänien zugelassen, aber Octaviu hat ihn in Deutschland von einem Kollegen übernommen. Nach Hause kommt der Lkw höchst selten: Fracht für Rumänien ist rar.

Aufträge kommen per Handy vom Disponenten

Aufträge kommen per Handy vom Disponenten

Also sitzt Octaviu nun wieder mit seinem Auflieger auf einer deutschen Raste und hat zu viel Zeit. Am Montagvormittag, in knapp 48 Stunden, soll er die Ladung im Großraum Köln abliefern. So lange wird er auf dem Autohof leben, seine "Freizeit" im Lkw verbringen. Genau wie an den vergangenen vier Wochenenden. Und an den kommenden vier ebenfalls, denn zwei Monate, so erklärt er, fahre er umher. Wohin? Weiß er noch nicht. Ist ihm auch egal. Ein Disponent seiner Spedition schickt ihm die Aufträge aufs Smartphone, und er fährt los.

Maximal 56 Stunden dürfen Fahrer an sechs aufeinanderfolgenden Tagen insgesamt unterwegs sein, plus Lade- und Wartezeiten – dann müssen sie pausieren. Bevor in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 0 Uhr das Fahrverbot beginnt, suchen sich die Fahrer einen Stellplatz. Wer nicht rechtzeitig kommt, muss wie Octaviu in zweiter Reihe stehen. Wochenende für Wochenende entstehen so die Slums auf Rädern: Zwischenwelten gestrandeter Männer, die in fahrbaren Blechhütten hausen, zwar mit Kühlschrank, Fernseher und Standheizung, aber fernab von Familie und Freunden, zusammengewürfelt nach Willkür der Disponenten-Taktung.

"Ich verdiene im Schnitt um die 900 Euro im Monat"

Wer hier einen Freund trifft, zum Reden, zum Trinken, der hat verdammt großes Glück. Trotz Hunderter PS unterm Hintern sind Lkw-Fahrer am Wochenende nicht mobil. Keinen Meter, keine Minute dürfen sie in der Pause fahren. Am Sonntag sowieso nicht, und einen 40-Tonner kann man nirgends einfach so parken. Man braucht einen richtigen Stellplatz. Unbedingt.

Ein paar Kilometer weiter, auf dem Rasthof Frechen, freuen sich Draco* und Peter* also tatsächlich über ein großes Glück. Die beiden hatten sich genau hier und genau für diesen Abend verabredet, und es hat geklappt. Zusammen stehen sie unter der Plane in Dracos aufgeklapptem Trailer. Seine Ladung: Druckpapier. Dahinter bleiben den Männern noch etwa zwei Meter zum Kochen, Sitzen und Essen. Sie wollen es sich heute gemütlich machen, trinken dänisches Faxe-Bier aus Literdosen. Spontan haben sie noch ihren Kollege Mircea* eingeladen.

Ein Abend zu dritt.

Mircea ist klein, dick, fröhlich und wie sie aus Rumänien. Er fährt allerdings einen Mercedes-Sprinter mit nur einer Tonne Ladekapazität und winziger Schlafkabine auf dem Dach. Diese Kleinlaster kennen kein Tempolimit und verlangen weder Fahrtenschreiber noch Lkw-Führerschein. All das drückt die Kosten und erhöht den Ertrag, aber die Zwerg-Trucker gehören zur untersten Klasse des Fahrer-Prekariats.

Mircea kommt aus einer der abgelegensten Ecken der EU, einem kleinen Dorf 50 Kilometer entfernt von der serbischen Grenze. Die hessische Spedition, die ihn beschäftigt, hat ihn über ihre rumänische Tochter angestellt. Das ist längst das gängige Modell. Mircea verdient Mindestlohn, erzählt er. "Nein, nicht den deutschen, den rumänischen: etwa 250 Euro im Monat." Dazu bekomme er 35 Euro Spesen am Tag, aber nur, wenn er im Ausland fährt. Seine Bezahlung klingt sogar halbwegs legal, denn in der komplizierten europäischen Regelwelt der Lkws werden die Beträge so addiert, dass der deutsche Mindestlohn zumindest theoretisch während der jeweiligen Tour erreicht wird.

Bei schlechtem Wetter wird der zugige Anhänger zum Wohnzimmer

Bei schlechtem Wetter wird der zugige Anhänger zum Wohnzimmer

Mircea schläft immer drei Wochen am Stück in seiner winzigen Dachkabine. Länger hält er es nicht aus. Dann fährt er für zwei Wochen in seine Heimat, zu Familie und zwölf Schafen, zu den paar Schweinen und Hühnern. "Ich verdiene im Schnitt um die 900 Euro im Monat", sagt er und erklärt, damit ganz zufrieden zu sein. Er zeigt Bilder auf seinem Handy: von seinen Zwillingstöchtern, zwölf Jahre alt und mit langen braunen Haaren, von seiner Frau und dazwischen immer wieder welche von ihm selbst, am Strand in Griechenland, in Gibraltar, in Kroatien und Frankreich. Nicht aus dem Urlaub, sondern auf Tour.

Peter trinkt einen Becher Wodka gegen die verdammte Kälte. Sein 40-Tonner steht gleich nebenan. Er hat es von den dreien am besten getroffen, verdient bei einer belgischen Spedition etwa 2600 Euro im Monat. Ein gutes Gehalt, mit dem Peter seine Familie zu Hause unterstützt: In Rumänien wohnen seine Frau und zwei schon fast erwachsene Söhne, von denen einer lernbehindert ist. Zu Hause gehöre er zu den Wohlhabenden, erzählt er: Wohnung in der Stadt, Datsche auf dem Land, Auto. Bloß ist er selten da.

Deutsch spricht er fließend, "elf Jahre in der Schule", sagt er stolz, bloß bringe ihm das nicht viel. "So wie wir jetzt miteinander reden", sagt er, "das passiert in Deutschland sonst nicht. Niemand redet mit uns." Peter hat zu Hause Wirtschaft studiert und in einer Bank gearbeitet, bevor er sich ans Steuer setzte – wegen des Geldes. "Alle denken immer nur, wir würden Deutschen den Job wegnehmen", sagt er und guckt still in seinen Becher. Nach einer kurzen Pause sagt er: "Aber wir sind doch auch Europäer" – und da spürt man: einen Anflug von Zorn.

Wo sollen wir hin?

Eigentlich ist dieses Rasthof-Leben der Trucker verboten. Eigentlich dürfen Peter, Draco und Mircea ihre gesetzlich vorgeschriebene "lange Pause" von 45 Stunden je Woche nicht hier verbringen. Bis zu 500 Euro Strafe für den Fahrer und bis zu 1500 Euro Strafe für den Unternehmer sieht der deutsche Bußgeldkatalog vor. Trotzdem sind die Stellplätze am Wochenende brechend voll.

Verbindung nach Hause: Das Smartphone ersetzt das Familienleben

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Direkt neben Dracos Truck steht die Wache der Autobahnpolizei. Immer wieder fahren Streifenwagen im Schritttempo vorbei. Die Polizisten gucken zu den Männern auf dem Anhänger hoch, doch keiner sagt was. Für das Übernachtungsverbot ist nicht nur die Polizei, sondern auch das Bundesamt für Güterverkehr zuständig. Doch auch das kontrolliere, sagen die Fahrer, am Wochenende fast nie.

"Wir wissen, dass wir nicht auf Rastplätzen stehen dürfen", sagt Peter, "aber wo sollen wir hin? Hotels haben doch keine Parkplätze für Lkws." Er nimmt einen Schluck aus seinem Becher, und da ist wieder der Zorn. "Sollen uns die Polizisten doch zum Hotel bringen, wenn sie wollen, dass wir da schlafen!", sagt er, und seine beiden Kollegen nicken. Aber natürlich sind sie froh, das Geld zu sparen. Sie öffnen eine Flasche Aldi-Wein. "Den kaufe ich immer", sagt Draco und schenkt Mircea ein.

Ein paar Minuten entfernt, auf dem Rasthof Eifeltor, wird der gekachelte Aufenthaltsraum in den Abendstunden zur guten Stube. Das Neonlicht blendet grell von der Decke, an der Wand hängen alte Spielautomaten, und die Trucker trinken Bier. Sie haben es in Plastiktüten mitgebracht. Manche lösen auch den Verzehrgutschein über 7,50 Euro ein, er wird beim Bezahlen der Parkgebühr verteilt. Dicke Bockwürste mit trockenem Weißbrot und Senf stehen auf dem abgeschabten Tisch.

Absteige: Prostituierte arbeiten in ausgedienten Wohnwagen

Absteige: Prostituierte arbeiten in ausgedienten Wohnwagen

Eine Prostituierte läuft von einem der Wohnwagenwracks herüber. Unter einem Pelzimitat gucken ihre hageren nackten Beine hervor und enden in rosa Puschen. Sie verschwindet kurz auf der Rasthof-Toilette und schlendert dann gemächlich an den Lkw-Fahrern vorbei. Einer raunt: "30 Euro, aber du musst aufpassen, die sind schmutzig. Alles von der bulgarischen Mafia kontrolliert." Wenn es nach Ärger riecht, rollt sofort und wie aus dem Nichts ein Kapo im tiefergelegten Mercedes heran.

Er dreht sich um und pinkelt ans Vorderrad

Gegen halb elf klettert Octaviu noch einmal aus seiner Kabine. Die Musik dröhnt aus der offenen Tür. Das Thermometer nähert sich dem Gefrierpunkt, und Octaviu läuft vor seinem Truck herum, halb torkelnd, halb tanzend, immer noch barfuß, aber jetzt nur noch in T-Shirt und Jogginghose, der typischen Nachtkluft hier. Octaviu grölt. Dann dreht er sich um und pinkelt ans Vorderrad.

Er hat Mühe, wieder in seinen Laster zu kommen. Schließlich schafft er es doch, schaltet Zündung und Licht ein und kurbelt wie wild am Lenkrad. Einen Moment sieht es aus, als wolle er losfahren. Aber dann werden die Lenkbewegungen langsamer und langsamer. Und schließlich bleibt es still.

*Namen von der Redaktion geändert.

Mitarbeit: Jan Bergrath
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