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stern-Kolumne Winnemuth: Himmel, wir werden immer hysterischer!

Schon die simpelsten Alltagsentscheidungen sollen wir nicht mehr allein treffen. Digitale Berater wissen es besser. Willkommen in Hysteristan. 

Von Meike Winnemuth

Nachdenkende junge Frau

Gehirn statt App einschalten: Selbst simpelste Alltagsentscheidungen lassen wir inzwischen unser Smartphone treffen

Liebe stern-Redaktion, dies ist der erste Leserbrief, den ich an Euch schreibe. Was ja etwas seltsam ist, da ich hier schließlich selbst ... Aber mehr noch als Eure Schreiberin bin ich Eure Leserin, und so las ich neulich ziemlich weit vorn im Heft die kleine Meldung, dass kalifornische Forscher (wer sonst?) einen Schraubverschluss entwickelt hätten, der verdorbene Lebensmittel erkennt. "Ein Sensor im ‚Smart Cap‘ misst den Bakteriengehalt, ein drahtloser Sender schickt die Ergebnisse etwa an ein Smartphone. Bei Milchpackungen reicht schon ein kurzes Schütteln für die Analyse."

All das stand da so, als ob es eine verdammt gute Idee sei, und reichte bei mir sofort für ein langes Schütteln. Nein, das ist keine verdammt gute Idee. Es ist im Gegenteil eine weitere dumme Idee, die wie so viele in der Geschichte der dummen Ideen die allmähliche Entmündigung des Menschen zum Ziel hat. Mein Handy sagt mir, was ein Sensor an meiner Milch erschnüffelt hat? Und ich kann nicht etwa selbst die Nase dranhalten und riechen, ob sie noch gut ist? Um dann ohne jegliche elektronische Unterstützung zu entscheiden, ob ich sie in den Tee gieße oder in den Ausguss?

Leben längst in Hysteristan

Wann genau hat es eigentlich angefangen, dass wir jede noch so banale Alltagsentscheidung delegieren an Sensoren und Apps und sonstige Zivilisationskrücken, die wir ums Verrecken nicht brauchen? Müssen wir wirklich das Nordic-Walking-Prinzip – topgesund an Stöcken gehen – auf jeden Lebensbereich übertragen?

Was mich in diesem Fall so besonders in Wallung bringt, ist die Tatsache, dass wir beim Thema verdorbene Lebensmittel ohnehin längst in Hysteristan leben. Einige meiner besten Freunde (Du weißt genau, wen ich meine, K.) werfen angeekelt jeden Joghurt weg, der das Mindesthaltbarkeitsdatum auch nur schrammt, und grabbeln aus Prinzip im Kühlregal ganz hinten nach dem vermeintlich Frischesten. Ich habe schon viele kostbare Stunden mit Vorlesungen über den Wahnsinn der Lebensmittelverschwendung zugebracht, über die Tatsache, dass es Mindesthaltbarkeit heißt, dass es für die angesetzten Fristen keinerlei gesetzliches Regelwerk gibt, dass also jeder Hersteller lustig auf die Packung drucken kann, was er für richtig hält, und dass immer mehr Hersteller es für richtig halten, von der unberechtigten Angst der Verbraucher und ihrer Wegwerflust zu profitieren, indem sie eher knapp bemessene Mindesthaltbarkeitsdaten draufdrucken, auf dass der Käufer schnell was Neues kauft. Das er dann auch wieder so lange aufbewahrt, bis er es endlich wegwerfen darf.

Inmitten daueralarmierter Angstjunkies

An dieser Stelle mache ich dann gern einen mindestens bis vor drei Monaten haltbaren Quark auf und esse ihn live und in Farbe vor Zeugen und komme sodann zum zweiten Teil meines Vortrags: dass ich nämlich 1,83 Meter groß geworden bin und schön und blond und klug dank der Körbe voller abgelaufener Lebensmittel, die mein Vater, der Edeka-Händler, am Samstag nach Hause mitgebracht hat. Ich bin der lebende Beweis dafür, wie weit man es mit der MHD-Diät, dem ausschließlichen Verzehr von Lebensmitteln nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum, bringt. Wenngleich es einen sehr, sehr einsam machen kann inmitten lauter daueralarmierter Angstjunkies, die ihren eigenen Sinnen nicht mehr trauen, obwohl (oder vielleicht weil) sie in einem der sichersten Länder der Welt leben.

Und deshalb, lieber stern, dieser Leserbrief. Ich wünsche mir mehr Meldungen etwa dieses Inhalts: "Ein Sensor namens Nase misst den Zustand einer Milchtüte, ein Nerv schickt die Ergebnisse an ein Gehirn." Das wäre mal eine Nachricht.