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"Welt"-Recherche: Wie die Scientology-Sekte auf Datingseiten neue Anhänger finden will

Die Scientology-Sekte geht auf der Suche nach Anhängern neue Wege: Auf Datingseiten sollen offenbar gezielt Mitglieder angeworben werden. Der Verfassungsschutz warnt vor der Organisation.

Sitz der Scientology-Sekte in Berlin

Der Sitz der Scientology-Sekte in Berlin

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Die Scientology-Sekte nutzt offenbar gezielt Datingseiten im Internet, um neue Anhänger zu finden. Das geht aus Recherchen der "Welt am Sonntag" hervor. Demnach melden sich Mitglieder der Organisation auf Partnervermittlungsseiten an und treten dort mit Singles in Kontakt. Nach einem Kennenlernen und dem Aufbauen von Vertrauen werde eine Einladung in eine Scientology-Geschäftsstelle ausgesprochen. Dort beginne die Sekte, die Betroffenen in sogenannte Persönlichkeitstests und in kostenpflichtige Kurse zur angeblichen Persönlichkeitsentwicklung zu lotsen. Die Gehirnwäsche beginne. Statt der großen Liebe folge der große Aderlass. Scientology knüpfe den Menschen mitunter mehrere zehntausend Euro ab, heißt es.

Scientology laufen die Mitglieder davon

Die geschilderten Fälle sind offenbar Masche. Die "Welt am Sonntag" zitiert die langjährige Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta: "Bei mir melden sich immer wieder Frauen und Männer, die über Partnerschaftsvermittlungen an Scientologen geraten." Auch der Verfassungsschutz der Hansestadt kommt zu Wort: "Diese verdeckte Masche der Mitgliedergewinnung" füge sich in die praktizierte Taktik der Sekte ein. Datingportale passten zur Strategie und den Ausweichmanövern der Organisation, sagt Sabine Riede, Leiterin der Beratungsstelle Sekten-Info Nordrhein-Westfalen, dem Blatt. Den Beratungsstellen in mehreren Bundesländern seien derartige Fälle bekannt.

Scientology mache sich zunutze, dass Singleplattformen kaum überwacht werden könnten, erklärt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Die Sekte ist dringend auf der Suche nach neuen Mitgliedern, denn die Zahl der Anhänger hierzulande schrumpft seit Jahren. Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind es im vergangenen Jahr 3400 gewesen, 1600 weniger als noch vor zehn Jahren. Scientology selbst gibt laut "Welt am Sonntag" deutlich höhere Mitgliederzahlen an.

Immer wieder machen Behörden darauf aufmerksam, dass die Sekte versucht, sich einen bürgerlichen oder fürsorglichen Anstrich zu verpassen, um neue (zahlungsfreudige) Anhänger zu finden. So liegen unter anderem in Kneipen Flyer aus, die vordergründig Drogenberatung versprechen, jedoch in Wirklichkeit ebenfalls der Mitgliederwerbung dienen ("Sag nein zu Drogen – Sag ja zum Leben").

Verfassungsschutz beobachtet die Sekte

Die Scientology-Organisation selbst erklärt auf "Welt am Sonntag"-Anfrage, es sei Privatsache der Mitglieder, was diese auf Datingseiten täten. Und dennoch: Den Recherchen zufolge betreibt Scientology über eine Unterorganisation inzwischen sogar eine eigene Partnerbörse. Im Impressum steht der Name von L. Ron Hubbard, dem Gründer der Sekte. 

Anmerkung: 30. Juli: In einer E-Mail an den stern bestreitet ein Vertreter von Scientology einen Zusammenhang des Portals mit der Organisation. "Dieses Dating Portal wird seit mehr als einem Jahrzehnt  von einem privaten Anbieter betrieben", heißt es in dem Schreiben.

Wer den Verdacht hat, ins Visier der Scientologen geraten zu sein, kann sich an die Beratungsstellen, zum Beispiel die des Verfassungsschutzes im jeweiligen Bundesland, wenden.

Die Sekte gilt als verfassungsfeindlich, weil die Schriften des Gründers L. Ron Hubbard für Scientologen richtungsweisend seien. "In ihnen wird deutlich, dass in einer Gesellschaft nach scientologischen Vorstellungen wesentliche Grund- und Menschenrechte wie beispielsweise die Menschenwürde und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit ebenso wenig gewährleistet sind wie das Recht auf Gleichbehandlung", so das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Quellen: "Welt am Sonntag" (kostenpflichtiger Artikel), Bundesamt für VerfassungsschutzVerfassungsschutz Hamburg

wue