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Talkshow-Master Jürgen Fliege: Mit Glauben zu Geld

Bekannt geworden ist Jürgen Fliege als Talkmaster im Ersten. Inzwischen verkauft er geweihtes Wasser. Und organisiert ein "spirituelles Woodstock".

Von Anna Miller

Jürgen Fliege ist in medialer Bedrängnis. Der emeritierte evangelische Pfarrer, der von 1994 bis 2005 eine eigene Talkshow im Ersten hatte, nahm in der "Bild am Sonntag" nun Stellung zu seinen Esoterik-Geschäften. Vergangene Woche hat die Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta mit ihrem "Schwarzbuch Esoterik" Wellen geschlagen - unter anderem, weil sie die Zugehörigkeit von diversen Prominenten zu okkulten Kreisen anprangert. Darunter fällt auch Fliege. Mit seiner "Essenz", die er auf seiner Homepage vermarktet, sei Fliege "vom evangelischen Pastor zum Esoteriker mutiert", schlussfolgert sie.

Das wollte der 64-Jährige nicht auf sich sitzen lassen, und gab in der "Bild am Sonntag" ein Interview, das sein Image wieder gerade rücken sollte. Doch mit Aussagen, dass er auch Brötchen segnen würde, wenn nur einer fragt, oder der Idee, dass Geistheiler an Arztpraxen gebunden werden sollten, machte er es nur noch schlimmer.

Auf Flieges Website ist alles zu finden, was verzweifelten Menschen Trost spenden könnte - und Fliege Geld in die Kassen spült. Kerzen, die online angezündet werden können, spirituelle Reisen, eine eigene Zeitschrift im Abo, diverse Bücher (darunter seine Autobiografie "der Menschenflüsterer") und eben seine höchst umstrittene "Fliege Essenz". Das Wässerchen, das er auf seiner Website für 39,90 Euro zuzüglich Versand pro 95 ml Flüssigkeit verkauft, ist faktisch nichts weiter als geweihtes Wasser mit einer reduzierten Masse aus frischem Gemüse, Nüssen und Früchten.

"Mit Medizin wird doch auch ein Geschäft gemacht"

Fliege ist nicht verrückt, sondern geschäftstüchtig. Und so sagt er der "BamS": "Wahrscheinlich ist der Mensch, der diese Essenz kauft, einsam". Wenn er sie dreimal am Tag nehme und dabei sage "Ich liebe, ich glaube, ich will zuversichtlich sein", dann sei das "wie Meditation, wie Selbsthypnose".

Fliege hat sich in christlichen Kreisen viele Feinde geschaffen. Auch, weil er neben dem Esoterik-Geschäft sehr liberale Ansichten vertritt und diese entsprechend freimütig äußert. Die katholische Kirche habe es "in 2000 Jahren nicht geschafft, etwas so Großes und Heiliges wie Sexualität zu integrieren", sagt er im Interview. Die Kirche rede sowieso "nur mit sich selber und irgendeinem eingeflogenen Bischof aus Namibia", sagte er der Seite evangelisch.de.

In der "Süddeutschen Zeitung" sagte Fliege vor einem Jahr: "In den USA ist es gang und gäbe, mit Religion Geschäfte zu machen, mit Medizin wird doch auch ein Geschäft gemacht." Und: "Wo die Kirchen versagen, da wachsen die Sekten".

"Als würde einer sagen: Kauft nicht bei Juden"

An einem Kirchentag nahm Pastor Fliege, der 2009 das Bundesverdienstkreuz erhielt, zuletzt 2007 teil. Er macht die Kirchentage lieber selbst. Zum Beispiel im Kneippkurort Bad Wörishofen. "Flieges Wörishofener Herbst", ein jährliches Festival der Spiritualität, ein "Fest für Körper, Geist und Seele", findet dieses Jahr im Oktober wieder statt. Das mehrtätige Programm verspricht Vorträge von esoterischen Experten, einer ist sogar Träger des "alternativen Nobelpreises". Der Eintrittspreis für das Spektakel liegt bei über 200 Euro. Über 2000 Besucher hatte der Event vor zwei Jahren, als er erstmalig durchgeführt wurde. Fliege bezeichnet den fünftägigen Event als "spirituelles Woodstock".

Für Fliege wird das Seminar ein Heimspiel. Kritiker hat er in den eigenen Reihen nicht zu fürchten. Doch privat macht er sich nicht nur Freunde: Erst im April soll er dem Astrologen Winfried Noé die Frau und deren Tochter ausgespannt haben, wie die "Bunte" berichtete.

Fliege hat auch mit dem Einsatz für Aquapol für Negativschlagzeilen gesorgt, einem Raumtrockner, der angeblich Feuchtmoleküle im Mauerwerk umpolen und ins Erdreich zurückschicken kann. Kostenpunkt: 4000 bis 10.000 Euro. Das hinderte Fliege nicht daran, für das Produkt zu werben. Der Chef der Herstellerfirma ist der Österreicher Wilhelm Mohorn, ein Scientology-Mitglied. Zu Scientology sagt Fliege im Interview: "Caberta sagt: Kauft nicht bei Scientologen. Wie früher in ungleich gefährlicheren Zeiten gesagt wurde: Kauft nicht bei Juden."

Am 23. August spricht Jürgen Fliege wieder - als Gast bei Markus Lanz. Der mediale Wirbel um Herrn Fliege geht also vorerst weiter. Sein Geschäft damit auch.