HOME

Indien: Heilige Kühe mit Personalausweisen

Im Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesch tragen Kühe seit einiger Zeit Ausweise mit Passbildern - oft an den Hörnern. Zwar muten die dafür nötigen Foto-Shootings von Besitzern mitsamt Vieh bisweilen kurios an, die Pässe erfüllen jedoch einen bitterernsten Zweck.

Von Eva-Maria Senftleben

Das Bild zeigt ein außergewöhnliches Foto-Shooting mit außergewöhnlichen Models: Zu sehen ist ein einfach ausgestattetesFotostudio mit bunt gefliestem Boden. Vor einer Fototapete mit kitschigem Landschaftsmotiv sitzt ein Mann auf einem Schemel. Er trägt Shorts, der Oberkörper ist nackt. Etwas misstrauisch blickt er in die Kameralinse. Neben dem Mann steht eine Kuh.

Was anmutet wie die Collage eines Surrealisten ist das Dokument einer hochoffiziellen Handlung, abgedruckt in der "South China Morning Post", einer in Hongkong erscheinenden Tageszeitung: Die Aufnahme des Fotografen Shaikh Azizur Rahman zeigt, wie Passbilder aufgenommen werden - nicht von dem Herren oben ohne, sondern von dessen Kuh. Denn das Tier soll eine "Cattle-ID" erhalten, einen "Vieh-Ausweis".

"Es gibt eine echte Vieh-Mafia"

Bürger der Europäischen Union kennen die Prozedur kaum noch: Passkontrollen. Was jedoch für uns langsam zur Seltenheit wird, soll für indische Kühe neu eingeführt werden. In einem kleinen Teil des indischen Grenzgebiets zu Bangladesch gibt es seit sechs Monaten Personalausweise für Kühe. Der Anlass: Viehschmuggelei. Hier werden Kühe nach Bangladesch gebracht - illegal. Sie werden - wie Drogen - geschmuggelt, manchmal sogar gestohlen. Die indischen Behörden haben sich deshalb etwas einfallen lassen, um dem Treiben Einhalt zu gebieten.

Die Idee ist einfach: Wenn eine Kuh einen Ausweis bei sich trägt, kann sie an der Grenze erkannt werden. Die Grenzposten zwischen Indien und Bangladesh sind bisher nämlich häufig machtlos: "Bisher können wir nichts ausrichten, wenn die Leute behaupten, es seien ihre Kühe. Wir finden erst später heraus, dass sie gestohlen worden sind", zitiert die "Times of India" einen Beamten der Verwaltung im indischen Distrikt Behampore.

Der Schmuggel ist ein gutes Geschäft

Shaikh Azizur Rahman erklärt, warum an der Grenze nach Bangladesh ausgerechnet Kühe geschmuggelt werden: "Die Bevölkerung Bangladeschs besteht zu einem großen Teil aus Muslimen. Es gibt einen großen Bedarf an Rindfleisch. Indien exportiert jedoch kein Rindfleisch, weil die Regierung auf die religiösen Gefühle der Bevölkerung Rücksicht nimmt: Die meisten Inder sind Hindus - für sie sind Kühe heilig." Rahman spricht von einer regelrechten "Vieh-Mafia": "Etwa 90 Prozent der Kühe in den Schlachthäusern Bangladeshs kommen illegal aus Indien."

Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Schmugglern und Polizei, sogar zu bewaffneten Angriffen. Denn es geht um ein sehr gutes Geschäft: In Bangladesh ist Rindfleisch drei Mal so teuer wie in Indien. Viehhändler bringen die Kühe aus dem ganzen Land in die Region, dann gibt es verschiedene Wege, sie nach Bangladesch zu bringen: Bestechung der Grenzbeamten oder nächtlicher Schmuggel im Schutze der Dunkelheit. "Manchmal gibt es aber auch Kontrollstationen, die fünf bis sechs Kilometer von der eigentlichen Grenze entfernt sind. Die Schmuggler geben sich dann als Bauern aus, die ihre Kühe an der Grenze grasen lassen wollen. Sie gehen mit vier Kühen hin und kommen alleine zurück", erzählt Rahman.

Kuhfladen im Fotostudio

Die Ausweiskarten sollen nun die Lösung des Problems sein: Jeder Kuh wird eine laminierte Plastikkarte mit einer persönlichen Nummer ausgestellt, die sie um den Hals trägt. Auf der Karte ist ein Foto mit dem Besitzer zu sehen, außerdem Angaben zu Größe, Farbe, Geschlecht, Länge der Hörner und besonderen Merkmalen des Tieres. Kühe, die keine Karte haben, werden sofort sichergestellt. Wird eine Kuh verkauft, muss der Besitzer sich eine neue Karte ausstellen lassen. Jeder Ausweis ist zwei Jahre gültig. Wie Rahman in der "South China Morning Post" berichtet, wird das neue System positiv aufgenommen: 5000 Ausweise seien in diesem Jahr bereits ausgestellt worden. Die Ausweiskarten wurden jedoch bisher nicht flächendeckend eingeführt und sind noch freiwillig. "Aber sie sollen bald Pflicht werden. Die Regierung plant, sie an der gesamten Grenze einzuführen", so Rahman. Für Fotografen und Besitzer sind vor allem die Aufnahmen der "Passbilder" eine Herausforderung: "Das ist ein echtes Chaos. Im Studio liegen überall Kuhfladen herum und die Kühe mögen die ungewohnte Umgebung und den Blitz des Fotoapparates nicht", sagt Shaik Azizur Rahman. Deshalb werden die "Passfotos" meistens draußen gemacht. Für Kuh-Besitzer Farid Hussain sei es sehr anstrengend gewesen, seine vier Kühe fotografieren zu lassen: "Ich habe zwei ganze Tage im Fotostudio verbracht, um Bilder von ihnen zu bekommen. Eine meiner Kühe hat die Beleuchtungsanlage zerstört. Ich musste 800 Rupien - die Hälfte meines Monatsgehaltes - zahlen, um den Schaden zu begleichen", wird er von Rahman zitiert. Dennoch sei er froh, die Ausweiskarten jetzt zu haben: "Das ist das Ende der nächtlichen Razzien und der Belästigung durch die Grenzposten."