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Beihilfe zum Massenmord Beim ersten Gerichtstermin tauchte sie unter – jetzt schweigt die angeklagte KZ-Sekretärin

Irmgard F.
Vor zwei Wochen war sie abgetaucht, nun wurde die 96-Jährige Irmgard F. im medizinischen Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren
© Christian Charisius / DPA
Im Alter von 96 Jahren sitzt Irmgard F. vor Gericht. Der Vorwurf: Beihilfe zum Massenmord. Die frühere KZ-Sekretärin soll bei der systematischen Tötung von Gefangenen geholfen haben. Zu den Vorwürfen schweigt die Angeklagte.

Im Prozess gegen eine ehemalige KZ-Sekretärin vor dem Landgericht Itzehoe hat die Angeklagte am Dienstag zu den Vorwürfen geschwiegen. Seine Mandantin werde sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern und auch keine Fragen beantworten, sagte ihr Verteidiger Wolf Molkentin. Die 96-jährige Irmgard F. wurde wegen Beihilfe zum Mord in über 11.000 Fällen angeklagt. (Die Hintergründe zu den Vorwürfen lesen Sie hier)

Sie hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Juni 1943 bis April 1945 in der Kommandantur des deutschen Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig gearbeitet. Als Stenotypistin und Schreibkraft habe sie den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von Gefangenen Hilfe geleistet, erklärte die Staatsanwältin. Als Zivilangestellte im Dienst der SS-Totenkopfverbände habe sie sämtliche Schreiben des damaligen Lagerkommandanten Paul Werner Hoppe erfasst, sortiert oder abgefasst. Dadurch habe sie Kenntnis von allen Geschehnissen im Lager und von den Tötungsarten gehabt.

96-Jährige vor erstem Prozesstermin untergetaucht

Die 96-Jährige wurde in einem medizinischen Rollstuhl in den Gerichtssaal in einem Logistikunternehmen geschoben. Zum eigentlichen Prozessbeginn am 30. September war die Angeklagte nicht erschienen. Sie war nach Angaben des Gerichts untergetaucht. Stunden später wurde die Frau von der Polizei in Hamburg festgenommen. Das Gericht erließ einen Haftbefehl. Nach fünf Tagen wurde die 96-Jährige unter Anordnung von Sicherungsmaßnahmen aus der Haft entlassen. Am Dienstag trug sie ein elektronisches Armband am linken Handgelenk.

Durch ihre zeitweise Flucht vereitelte die Angeklagte die Verlesung der Anklageschrift zum Auftakttermin, dies wurde nun nachgeholt. Die gegen die Beschuldigte verhängte Untersuchungshaft hob das Gericht nach einigen Tagen gegen nicht näher genannte "Sicherungsmaßnahmen" auf. Es sei sichergestellt, dass sie zum Prozess erscheine. Für das Verfahren sind bereits Verhandlungstermine bis weit ins kommende Jahr geplant.

KZ Stutthof für extrem lebensfeindliche Bedingungen bekannt

In Stutthof hatte die SS im Zweiten Weltkrieg mehr als hunderttausend Menschen unter erbärmlichen Bedingungen gefangen gehalten, darunter viele Juden. Etwa 65.000 Gefangene starben nach Erkenntnissen von Historikern. Das Lager war berüchtigt für die absichtlich völlig unzureichende Versorgung der Gefangenen, die extrem lebensfeindliche Bedingungen zur Folge hatte.

Die meisten Gefangenen starben an Krankheiten und Entkräftung, dazu kamen Folter sowie unmenschliche Zwangs- und Sklavenarbeit. Es gab jedoch auch eine Gaskammer und eine getarnte Genickschussanlage, in der Gefangene gezielt massenhaft getötet wurden.

cl DPA AFP

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