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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Erinnerungen sind so stabil wie Kinderknete – wie das Gedächtnis uns Streiche spielt

Erinnerungen, sagt man, sind uns "ins Gedächtnis gebrannt", doch unser Erinnerungsvermögen ist labil! Die Bilder in unserem Kopf verändern sich, führen ein Eigenleben, spielen uns böse Streiche.

Erinnerungsvermögen: Das Gedächtnis spielt uns Streiche

Verlässt man sich auf sein Erinnerungsvermögen, gerät man manchmal ganz schnell auf dünnes Eis.

Dies hätte eine spektakulär gute Kolumne werden können, wenn ich mich nur an das Thema erinnern könnte, das mir vorgestern eingefallen war. Ich hatte meine beste Freundin vom Zug abgeholt, wir quatschten während der Fahrt, kamen auf irgendwas, ich sagte: "Das ist ein Spitzenthema", sie fand es auch. Heute: weg. Sie weiß auch nicht mehr, was es war. Das Einzige, woran wir uns beide entsinnen: Das war ein Spitzenthema, echt jetz ma.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit war es das nicht. Gerade hörte ich eine neue Folge des Podcasts "Revisionist History" von Malcolm Gladwell, in dem es um missverstandene, übersehene oder schlicht vergessene Aspekte der Geschichte geht, die es neu aufzurollen gilt. Geschichte war stets ein Prozess der Neuinterpretation des Vergangenen, der Versuch, den Pudding unter Einbeziehung jüngster Erkenntnisse und veränderter Sichtweisen auf immer wieder andere Art an die Wand zu nageln. Was ist der Erinnerung wert, was der Beachtung? Welche Story soll durch Auswahl welcher Fakten bewiesen oder widerlegt werden? Diese Fragen stellen sich im Großen der Weltgeschichte wie im Kleinen der persönlichen Erinnerung – der Geschichte also, die man über sich und sein eigenes Leben erzählt.

"Wo waren Sie, wie haben Sie es erfahren?"

Bei Malcolm Gladwell ging es um den Fall des amerikanischen TV-Moderators Brian Williams, einer Art Ulrich Wickert des US-Fernsehens – bis er in einer Talkshow schilderte, wie er während des Irak-Kriegs 2003 in einem Armeehubschrauber von einer Panzerfaust abgeschossen wurde. Es stellte sich heraus: So war es nicht. Er saß in einer Maschine, die viel später bei der verunglückten landete. Williams wurde zum Gespött der Nation und verlor seinen Job. Mit dieser offenkundigen Lüge hatte er jegliches Ansehen verspielt.

Was so interessant ist an diesem Fall: Die Lüge war möglicherweise gar keine, zumindest keine absichtliche. Wie unzuverlässig das Gedächtnis ist, haben zahlreiche Studien nachgewiesen: Erinnerungen sind keine dauerhaft abgespeicherten Dokumente auf dem Harddrive unseres Gehirns, sondern verändern sich, vermischen sich mit später Hinzugekommenem, werden umgedeutet.

Selbst sogenannte Blitzlichterinnerungen an Weltereignisse, deren Umstände sich ins persönliche Gedächtnis gebrannt haben wie der Anschlag auf das World Trade Center oder der Fall der Mauer, sind so stabil wie Kinderknete. Die New Yorker Psychologen William Hirst und Liz Phelps befragten über 3000 Studienteilnehmer nach ihren Erinnerungen an 9/11: Wo waren Sie, wie haben Sie es erfahren, wie haben Sie sich dabei gefühlt? Diese Fragen wurden den Teilnehmern unmittelbar nach den Ereignissen, ein Jahr später, nach zwei und nach zehn Jahren gestellt. Schon nach einem Jahr schlichen sich Diskrepanzen ein, nach zehn Jahren erzählten die Befragten im Schnitt 60 Prozent völlig anders. Und doch beharrten sie darauf, sich genau erinnern zu können. Wenn man sie mit ihren damals niedergeschriebenen Schilderungen konfrontierte, schworen sie, dass sie sich geirrt haben mussten, die heutige Version sei die einzig richtige Erinnerung. Klar sei das ihre Handschrift, aber…

Erinnerungsvermögen – ganz dünnes Eis

Seit diesem Podcast bin ich mächtig ins Wackeln gekommen. Ich klopfe ab, ich zweifle an. Erinnere ich mich tatsächlich an dieses Ereignis in meiner Kindheit – oder habe ich nur etwas zusammengerührt aus Erzählungen und einem Foto von 1964, das die Erinnerung zu beweisen scheint? Ganz schnell gerät man so auf dünnes Eis.

Höchstwahrscheinlich war also das Spitzenthema nicht weiter der Rede wert. Sie haben nichts verpasst. Glaube ich. Wenn ich mich nur erinnern könnte...

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