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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Schussel-Alarm oder: Bei mir piept's wohl!

Wer ohne Gurt fahren will, wird von lautem Piepen gewarnt. Man kann das nervig finden. Oder hoffen, dass auch die Haustür piepen lernt.

Meike Winnemuth über die alltägliche Schusseligkeit und was dagegen helfen könnte

Meike Winnemuth über die alltägliche Schusseligkeit und was dagegen helfen könnte

Exakt in der Nanosekunde, als die Wohnungstür ins Schloss fiel, wusste ich es. Schlüsselstecktimschlossaufderanderenseite. Aargh! Verdammte *******! (Denken Sie sich hier einen schönen Strauß wüster Flüche, es würde die ganze Seite füllen, wenn ich sie alle aufschriebe.) Wenn man allein wohnt, verlässt man in der Regel nie das Haus, ohne vorher noch mal in der Jackentasche zu tasten, ob der Schlüssel drin ist. Also wirklich, wirklich drin ist. Sonst ist das immer ein Automatismus, in Fleisch und Blut übergegangen spätestens nach dem zweiten 150-Euro-Einsatz des Schlüsseldienstes. Aber heute eben nicht. Wo war ich nur wieder mit dem Kopf, das ist mir schon ewig nicht mehr passiert, sonst klappt das doch immer … Und so weiter.

Technik könnte bei Vergesslichkeit Abhilfe schaffen

"Sonst" ist das Zauberwort für alles, was schiefläuft. Sonst macht er das nie (Hund). Sonst ist hier nie Wildwechsel (Auto). Sonst liegen im Wald nie Äste auf dem Weg, über die man stolpern könnte, und zwar direkt in Pferdekötel, die da sonst auch nie liegen (fragen Sie nicht). Sätze mit "sonst", normalerweise in Zeiten gesprochen, in denen etwas mächtig aus dem Ruder läuft, sprechen eigentlich insgeheim von der unfassbaren Tatsache, dass es ja tatsächlich in 99,9 Prozent aller Fälle gut geht, das Leben, magischerweise, mysteriöserweise.

"Sonst" bedeutet: Man ist sich eigentlich ziemlich sicher, dass man halbwegs unbeschadet durch den Tag kommt und vor allem den Schlüssel nicht stecken lässt. Mal kurz überschlagen: Ich wohne seit sieben Jahren hier, gehe wg. Hund mindestens dreimal täglich raus und rein, macht 7665 Mal Schlüsselindietaschestecken und dreimal nicht, macht 0,04 Prozent Fehlerrate. Ich würde sagen, damit könnte man Atomkraftwerke betreiben.

Trotzdem würde ich mir wünschen, dass es für die Dusseligkeiten des Alltags Frühwarnsysteme gäbe. Etwa in der Art, wie man vom Auto angepiept wird, wenn man sich nicht angeschnallt hat, wenn man das Licht angelassen hat, wenn man den Schlüssel hat stecken lassen. Wieso geht das in Autos und nicht in Wohnungen? Kann das nicht mal jemand erfinden? Und könnte er mich für diese Spitzenidee nicht mit circa 15 Prozent Genieprovision am Umsatz beteiligen?

Wenn es Rauchmelder gibt, müsste es doch auch Dummheitsmelder und Schusseligkeitswarner geben. Technisch kann das nicht so kompliziert sein. Ein Sensor könnte registrieren, wenn die Tür geöffnet wird und sich zu schließen droht, und sofort losraunzen: "Ey Alte! Du hast schon wieder den Schlüssel stecken lassen." Oder das Handy vergessen oder den Hund oder was auch immer. Gegen alles sind wir versichert, und vor allem werden wir gewarnt. Nur nicht vor uns selbst.

Am Ende war die Sache mit dem Schlüssel übrigens gar nicht so schlimm. Ich hatte das Handy dabei und einen Fuffi in der Hosentasche und das Wissen, dass in gut drei Stunden eine Freundin mit Ersatzschlüssel greifbar sein würde. Mit einem Handy und Geld und drei Stunden Zeit kann man viel Schönes anstellen, wenn man sich erst mal aus dem Ärgermodus herausbegeben hat und aus dem sinnlosen "Ich wollte eigentlich" und "Ich müsste jetzt aber". Schönes wie Spazierengehen ohne Ziel, irgendein Buch kaufen, das nächstbeste Café ansteuern. Hin und wieder von der eigenen Dusseligkeit ausgebremst zu werden ist vielleicht nicht das Allerbeste, was einem passieren kann (da fielen mir schon noch ein paar andere Sachen ein), aber bei Weitem auch nicht das Schlechteste.

Eigentlich möchte ich doch lieber nicht vor mir gewarnt werden. Wie öde wäre das Leben, wenn es nie entgleisen könnte.

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