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Kolumne Winnemuth: Sofort die Hand an der Hupe – Wie geht man cool mit Aggro-Pöblern um?

Schon bei Nichtigkeiten bepöbeln und beleidigen manche ihre Mitmenschen. Wie reagiert man am besten auf diese grassierende Unart?

Von Meike Winnemuth

Wegen Nichtigkeit auf 180 – Wie geht man cool mit Aggro-Pöblern um?

Wegen Nichtigkeiten auf 180: Die Hemmschwelle ist gesunken

Gerade, beim Gassigehen: Eine Radfahrerin, nicht mehr ganz jung, kommt mir mit Karacho auf dem Bürgersteig entgegen. Ich, im Beiseitespringen über meinen Hund stolpernd: "Ey!" Was Schlaueres fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Sie, schon 20 Meter weiter, laut über die Schulter: "Halt doch deine dumme Fresse!" Ich brach in leicht theatralisches Gelächter aus, das Einzige, was in solchen Fällen hilft. Zumindest mir. Ich hätte ihr auch ein herzliches Dankeschön hinterherrufen können (tue ich hiermit), denn damit hat sie mir den Einstieg in diese Kolumne beschert, über die ich beim Spazierengehen nachdenken wollte.

Wegen Nichtigkeiten auf 180: Die Hemmschwelle ist gesunken

Möglicherweise hätte ich die Radlerin nicht mal gebraucht, denn keine hundert Meter weiter sehe ich eine Frau am Steuer ihres Autos, die sich mit ausgestrecktem Arm auf die Hupe stemmt und nicht mehr loslässt. Was hat sie nur so erbost? Dass vor ihr ein Taxi einen alten Herrn aussteigen lässt, was nicht ganz so zackig vonstatten geht, wie die hupende Wutbürgerin das gern hätte.

Gereiztheiten wie diese erlebt man neuerdings öfter, bilde ich mir ein. Überall platzen kleine giftgrüne Blasen unerklärlicher, weil völlig unangemessener Aggressivität auf, die nach dem Tretminenprinzip in der Regel völlig Unbeteiligte trifft. Es gärt lange im Verborgenen, geht urplötzlich hoch, und die Splitter spicken die zufällig Danebenstehenden. Erst neulich rammte mir eine Frau auf einem Supermarktparkplatz mit den Worten: "Was glotzt du, Fotze?" einen Einkaufswagen in die Knie, weil ich anscheinend zu interessiert zu ihr hinübergeschaut hatte; zuvor hatte sie so laut in ihr Handy gekeift, dass der halbe Parkplatz guckte, ich war halt nur am nächsten dran.

Eine Erklärung habe ich nicht, nur eine Vermutung: Wer jahrelang ungestraft in der Anonymität der sozialen Netze gepöbelt hat, glaubt irgendwann, damit auch im wahren Leben davonzukommen. Die Hemmschwelle ist gesunken, erst im Netz, dann im Schutz von Pegida-Märschen, inzwischen im täglichen Umgang. Alle scheinen leichter entzündlich zu sein als früher, die Hand ständig auf der Hupe.

Vorerst ist das allerdings nur eine private Beobachtung. Anekdotische Evidenz, gefühlte Wahrheit. Vielleicht sollte ich noch nicht mal darüber schreiben, denn die Kerbe namens "Es wird immer schlimmer" wird ohnehin täglich tiefer gehauen, das allgemeine Krisengerede und Katastrophengeraune stetig lauter. Medien spielen in der Erregungs- und Empörungsspirale eine entscheidende Rolle: Wenn jedes abgebrochene Sondierungsgespräch sofort zur Staatskrise aufgeplustert wird und die Untergangsrhetorik keinen Feierabend mehr hat, dann wird Hysterie allmählich zum Normalfall der Kommunikation. "Krisotainment" nannte Trendforscher Matthias Horx das mal, "Skandalokratie": Alles wird heiß gekocht und sofort blubbernd und dampfend serviert. Zwischen all den angeblichen Apokalypsen gibt es kaum noch Zeit zum Luftholen, zum Durchschnaufen und Abkühlen. Schon wird man von der nächsten Sau überrannt, die durchs Dorf getrieben wird.

Nur was schiefgeht, wird beachtet

Wie gesagt: Mich ärgert, dass die Pöbler und Miesnickel sich nun auch in meinem Kopf so breitgemacht haben. Eine amerikanische Redensart lautet: "The squeaky wheel gets all the grease", geölt wird nur das quietschende Rad. Im übertragenen Sinn: Nervensägen bekommen die größte Aufmerksamkeit. Oder auch: Nur was schiefgeht, wird beachtet.

Aber was ist das Gegengift? All die Idioten "noch nicht mal ignorieren", wie Karl Valentin riet? Übermenschlich. Ich arbeite an meinem Immunsystem, aber vorerst fällt mir nichts Besseres ein, als "Ey!" zu rufen und zur Seite zu springen.

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