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M. ABDOLLAHI Liebe weiße Mehrheitsgesellschaft, wir müssen reden!

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht im Plenum im Deutschen Bundestag
Menschen mit Migrationsgeschichte sind ein Teil der deutschen Gesellschaft, der nicht ausreichend in der Politik repräsentiert wird, meint stern-Stimme Michel Abdollahi
© Michael Kappeler / DPA
Im Deutschen Bundestag sitzen kaum Menschen mit Migrationsgeschichte. Ein großer Teil der Bevölkerung wird damit nicht repräsentiert. Und wenn sie sich doch politisch engagieren, dann wird ihnen mit dem Tod gedroht, wie stern-Stimme Michel Abdollahi kritisiert.
Liebe weiße Mehrheitsgesellschaft,
kennst du Tareq Alaows? Er ist Syrer, er kam vor wenigen Jahren nach Deutschland, er spricht fließend Deutsch, er ist Jurist, er wollte in den Bundestag. Und dann bekam er täglich das hier zugeschickt:
"Raus aus Deutschland, du Terrorist. Wir wissen, wo du wohnst und deine scheiß Familie. Deine Unterstützer besuchen wir, wenn du nicht verschwindest. Du undankbares Schwein. Dieses Land und Europa schulden dir nichts. STIRB!"
Jetzt kandidiert er nicht mehr.
Er hat es nicht mehr ausgehalten.
In der Dokumentation "Weißer Bundestag" haben wir unzählige solcher Stimmen gesammelt. Von Politiker:innen mit Migrationsgeschichte. Ich weiß nicht, wie man das jeden Tag aushalten kann. Ich weiß nicht, wie man sich jeden Tag für ein besseres Morgen einsetzt, während dir der Tod gewünscht wird. Ich weiß nicht wie diese Politiker:innen jeden Tag ihre Postfächer öffnen können. Ich weiß es nicht.
Menschen mit Migrationsgeschichte prägen seit Generationen die Gesellschaft in Deutschland mit. Viele fühlen sich aber als Wähler:innen übergangen und werden in der Politik und in der Öffentlichkeit immer noch angefeindet. Dabei sprechen wir von einem Viertel der Bevölkerung. Die Parteien machen keine Politik für diese Menschen, sie sind selbst durchsetzt von Ressentiments und Klischees. In der Union haben von den Bundestagsabgeordneten nicht mal drei Prozent eine Migrationsgeschichte. Nicht mal drei Prozent! Sie wollen aber das ganze Land repräsentieren. Seit 16 Jahren. Das geht nicht. Und wenn die Menschen mit Migrationsgeschichte das nicht hinnehmen und selbst versuchen zu partizipieren, dann heißt es „STIRB!". Bis sie aufgeben.

Menschen mit Migrationsgeschichte dürfen oft nicht wählen

Ungefähr ein Drittel der Menschen mit Migrationsgeschichte geht nicht wählen. Wozu denn auch, wenn alle Entscheidungen, die sie betreffen, ohne sie gemacht werden.
Du kannst das nicht verstehen? Da muss man was machen? Nicht zu wählen ist nicht die Lösung?
Da steht ein Vater ohne Wahlrecht, der mir sagt:
"Wir haben hier gebaut, wir leben hier, wir zahlen hier Steuern. Also denken eigentlich auch, dass wir dazugehören. Aber irgendwo bestimmen andere Leute und ich muss das halt so hinnehmen."
Da steht ein junger Mann im Anzug vor mir.
"Gehst du wählen?"
"Wenn ich dürfte!"
"Bist du hier geboren?"
"Ja."
Michel Abdollahi: Die Lösung ist ganz einfach
Ohne mit der Wimper zu zucken geht er auf Tuchfühlung mit Rassisten und Faschisten. Er zerlegt den Kunstmarkt genauso wie die German Angst, zieht Vergleiche heran, die sich die wenigsten trauen. Geboren in Teheran, aufgewachsen in Eidelstedt, merkte Abdollahi schnell, dass seine Heimat die Bühne ist. Er gründete mit "Kampf der Künste" das international größte Label für Poetry Slams, lebte vier Wochen im mecklenburgischen Nazidorf Jamel und ergründet bei seiner Talkshow "Käpt‘ns Dinner" im U-Boot die Tiefen der menschlichen Psyche.
Dieses Land besteht aus ganz viel Glas. Gläserne Decken, gläserne Fenster und gläserne Türen, gegen die wir Menschen mit Migrationsgeschichte jeden Tag laufen. Die Türen scheinen offen, sind sie aber nicht. Der Himmel scheint erreichbar, ist er aber nicht. Wir kreiden das an. Und dann so etwas: Auf der Instagram-Seite des WDR zu unserer Dokumentation entdecke ich diesen Kommentar. Er war der am meisten gelikte. Er stand ganz oben. Unwidersprochen. 
"Sorry, aber ich verstehe das nicht so ganz. Wenn ich mich entscheide in ein anderes Land zu immigrieren, dann muss ich damit rechnen, das der Hase anders läuft als in der Heimat. Da sollte man sich im Vorfeld informieren, ob das für einen taugt."

Die weiße Mehrheitsgesellschaft macht nicht mit

Kommentare sind kein Quatsch. Man sollte sie lesen. Sie spiegeln die Gesellschaft wider, insbesondere, wenn sie unwidersprochen bleiben. Gib es zu. Du hast auch schon mal so gedacht. Oder kennst zumindest Leute, die so denken. Verwandte, Freunde, Menschen, mit denen du abends ein Bier trinken gehst oder die in einer WhatsApp-Gruppe sind. Und du hast nicht widersprochen, als sie so etwas sagten. Du hast vermutlich gar nichts gesagt. Weil du eben du bist und die eben die. Ein bisschen stimmt es ja. Man muss sich schon anpassen. Und nicht immer meckern. Man kann ja auch mal etwas Dankbarkeit zeigen.
Der SPD-Abgeordnete Danial Ilkhanipour sagte uns: "Wenn man hier aufgewachsen ist, wenn man hier lebt, wenn man sich hier beteiligt, muss man nicht ewig dankbar sein. Es ist eine Selbstverständlichkeit."
Es ist eben keine Selbstverständlichkeit.
Ich möchte dich bitten die Dokumentation anzuschauen. Weil es besser ist, in die Gesichter zu schauen, als sie sich vorzustellen. Die Gesichter werden dich verletzen. Insbesondere, wenn du die Augen schließt und nur den Geschichten zuhörst. Aber du wirst es nicht machen. Weil du dich dafür gar nicht interessierst. Weil dir ein Viertel der Menschen in deinem Land völlig egal sind. Weil du es bist, weiße Mehrheitsgesellschaft, die nicht mitmacht, bei diesem hässlichen Spiel Namens Integration, das du dir selbst ausgedacht hast, aber ständig die Regeln veränderst in diesem Land aus Glas; und du jeden Tag tausend neue Gründe findest, warum du nicht schuld bist, sondern die anderen.
Nur, wir sind nicht die anderen. Wir sind wir. Für mich jedenfalls. Auch dann, wenn du es anders siehst.
rw

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