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Massenproteste im Iran Die Kinder fressen die Revolution. Ich bin eines dieser Kinder. Wir fürchten uns nicht mehr

Eine Frau zeigt auf einer Demonstration für die Menschenrechte im Iran das Victory-Zeichen vor einer iranischen Fahne
Eine Frau zeigt auf einer Demonstration für die Menschenrechte im Iran das Victory-Zeichen vor einer iranischen Fahne
© Cecilia Fabiano/LaPresse via ZUMA Press / DPA
Seit dem Tod von Mahsa Amini reißen die Proteste im Iran nicht ab. Auch, wenn die Regierungskräfte auf die Demonstrierenden einprügeln und sie töten, ihr Wille bricht nicht. Der deutsch-iranische Journalist und Künstler Michel Abdollahi fordert mehr Einsatz von westlichen Regierungen – und von uns allen.
Von Michel Abdollahi

Seit 43 Jahren richtet die islamische Republik seine Bevölkerung hin. Seit fünf Wochen kann es die Welt endlich sehen. Dank Social Media. Der Schlachtruf der Revolution trägt den Namen von Mahsa Amini, jener Frau, die die Schergen des menschenverachtenden Regimes getötet haben, weil sie ihr Kopftuch nicht "richtig" trug. Wie sie es schon so viele Male gemacht haben. Doch diesmal haben sie ihre Tat unterschätzt. Diesmal schauen ihnen plötzlich alle dabei zu. Gestern, an ihrem 40. Todestag pilgerten 100.000 Menschen an ihr Grab. Ungeachtet dessen, was ihnen angedroht wurde. Ihr Tod

Unermüdlich posten Iraner:innen aus der ganzen Welt die Fotos und Videos der Gräueltaten der Islamischen Republik. Und die anderen teilen sie. Erst die Mutigen und danach alle.

Sie teilen, wie sie auf Demonstrant:innen einprügeln. Wie sie Menschen ermorden. Wie sie Männer und Frauen vergewaltigen, um ihren Willen zu brechen. Wie sie Schulkindern in den Kopf schießen. Wie sie Gefängnisse in Brand setzen. Doch die Menschen geben nicht auf. Nichts ist mehr wichtiger, als dieses Regime zu stürzen. Nicht mal ihr eigenes Leben. Anders als vor einiger Zeit, als noch Mütter und Väter ihre Kinder baten, nicht bei Unruhen mitzumachen, weil sie oft genug gesehen haben, wie ihr Liebsten verschwunden und nie wieder aufgetaucht sind, gehen sie heute mit ihnen selbst auf die Straßen. Auf Straßen, auf die zu gehen, es nur schwer vorstellbaren Mut braucht. Ich habe sie gesehen.   

Ich bin eines dieser Kinder. Wir fürchten uns nicht mehr.

"Alle Sanktionen sind in der jetzigen Situation irrelevant"

Wir alle Iraner:innen, die uns im Ausland befinden, begeben uns bei jedem Aufbegehren gegen diese Diktatur in Gefahr. Viel mehr tun es unsere Landsleute im Iran. Es ist das Mindeste, sie unermüdlich in ihrem Kampf um die Freiheit zu unterstützen. Ihre Freiheit ist unsere Freiheit. Die Welt braucht keine Islamische Republik. Sie braucht vor allem keine mit Atomwaffen. Dieses Regime ist am Ende. Die Zeit ist gekommen, sie vor Gericht zu stellen und für ihre Taten zu bestrafen. Derweil im Westen, in jedem Westen, der uns weismachen will, die Demokratie erfunden zu haben, im mahnenden Westen, der die Menschenwürde in seinen Verfassungen über allem stellt.

"Die Zeit" schrieb in einem jüngst veröffentlichen Artikel: "In Berlin und Brüssel geht man dennoch davon aus, es noch eine Weile mit diesem Regime zu tun zu haben. Deutsche Diplomaten scheinen allerdings ins Grübeln zu kommen. Zu oft habe man zuletzt 'konservativ' gedacht, räumt einer in einem Hintergrundgespräch ein, zu oft habe man unwahrscheinlich erscheinende Ereignisse nicht ausreichend berücksichtigt."

Als Bürger dieses Landes erwarte ich von meinem Land, meinem anderen Land, jenem Land, dem ich, seit man mich hierherbrachte, so unermüdlich die Treue gehalten habe, zu handeln. Alle Sanktionen sind in der jetzigen Situation irrelevant. Der zynische Slogan der letzten 20 Jahren "Wandel durch Handel" ist gescheitert. Wir haben in den letzten Wochen gelernt: Viel wichtiger ist Solidarität. Sie stützt die Menschen. Solidarität kann Berge versetzen. Mit Sanktionen kann man diesem Regime nicht schaden. Sonst wäre es schon seit Jahrzehnten Geschichte. Diese Regierung ist kein Fall für Diplomatie. Sie ist ein Fall für Den Haag.

Die Menschen im Iran hören uns. Sie sehen uns. Sie schreiben mir und sie danken uns. Und wir müssen sie sehen. Glauben Sie nicht, dass das Teilen eines Bildes nichts bringt. Glauben Sie nicht, dass Sie Millionen an Follower brauchen, um auf Unrecht aufmerksam zu machen. 

"Eigentlich hätte sich der Bundeskanzler schon längst zum Iran äußern müssen"

43 Jahre hat der Westen mit diesen Terroristen Geschäfte gemacht. Jetzt hat er die Möglichkeit, es zumindest wieder in die richtige Richtung zu rücken. Indem nicht nur wir Solidarität zeigen, wir, die wir zu Millionen im Internet unsere Stimme erheben, sondern auch unsere Regierung mit den Iraner:innen Solidarität zeigt. Denn wenn die Aufmerksamkeit weggeht, wie sie überall weggeht, weil wir hierzulande so schnell müde werden, werden sie die Menschen noch brutaler töten als jetzt. Darauf warten sie nur. Das war schon immer ihre Strategie. Wer übrig bleibt, gewinnt. Bisher war es am Ende immer die Islamische Republik. Aber diesmal haben sie sich geirrt. Der Atem der Freiheit ist länger.

Eigentlich hätte sich der Bundeskanzler schon längst zum Iran äußern müssen. Dieses Schweigen in Angesicht des Blutbades ist unerträglich. Anstatt auf Twitter der neofaschistischen Regierung Italiens zum Wahlsieg zu gratulieren, sollte er seine Stimme für Wichtigeres nutzen. Aber das machen jetzt andere. Zum Beispiel Natalie Amiri. Oder Golineh Atai. Oder Gilda Sahebi. Oder Enissa Amani. Oder Hunderttausende andere Frauen, die sich von den Mullahs nicht diktieren lassen wollen, wie sie zu leben haben. Oder Joko und Klaas um 20.15 Uhr auf ProSieben. Sie geben zwei iranischen Aktivistinnen ihre Social-Media-Accounts. Danke dafür. Danke euch allen. Diese Revolution wird nicht von der Politik gemacht, sondern von den Menschen.   

Liebe:r Leser:in dieses Artikels, sei auch einer dieser Menschen. Schau nicht weg, teile ,was du siehst. Gleiches machen wir auch für dich.

Massenproteste im Iran: Die Kinder fressen die Revolution. Ich bin eines dieser Kinder. Wir fürchten uns nicht mehr

Als ich ein Kind war, brachte man mir ein Gedicht bei. Es ist tausend Jahr alt und stammt von Saadi, einem der Nationaldichter meines Landes. Nachdem einer jener Straßen in Teheran benannt ist, in der seit fünf Wochen jeden Tag die Menschen ihr Leben riskieren. Ein Gedicht, was jedes Kind im Iran aufsagen kann, wenn man es nachts weckt. Ein Gedicht von solcher Kraft, dass es selbst die mörderische Regierung der Islamischen Republik nicht aus den Schulbüchern gestrichen hat. Es prangt über dem Eingang der Vereinten Nationen:

Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht, als Glieder eines Leibs von Gott dem Herrn erdacht.

Geschieht ein Leid nur einem dieser Glieder, so klirrt ihr Schmerz in ihnen allen wider.

Den Menschen, den nicht der Not der Menschenbrüder rührt, verdient es nicht, dass er noch länger des Menschen Namen führt.

Und wenn er noch leben würde, er hätte schon längst den Brüdern auch die Schwestern an die Seite gestellt. Seit dem Tod von Mahsa Amini sowieso. Denn diese Revolution haben die Frauen gemacht. Und es ist das Mindeste, dass wir ihnen beistehen. Bis zum Schluss.

rw

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