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1039 Tage Gefangener von Islamisten: Schweizer erzählt, wie er den Abu Sayyaf entkam

Nach fast drei Jahren in Gefangenschaft ist Vogelkundler Lorenzo Vinciguerra zurück in der Schweiz. Bei seiner Flucht schlug er einen Entführer mit der Machete nieder. Wie er entkam, erzählte er nun.

Zurück in der Schweiz: Am Freitagvormittag landete Lorenzo Vinciguerra wieder in der Heimat

Zurück in der Schweiz: Am Freitagvormittag landete Lorenzo Vinciguerra wieder in der Heimat

Ein seinen islamistischen Geiselnehmern in den Philippinen entkommener Schweizer hat bei seiner Rückkehr auf dem Zürcher Flughafen über die Umstände seiner Flucht berichtet. Der abgemagerte und schwach wirkende Vogelkundler Lorenzo Vinciguerra äußerte am Freitag "riesige Erleichterung", nach fast drei Jahren in der Gewalt der philippinischen Abu-Sayyaf-Gruppe wieder in der Heimat zu sein. Bei einem Handgemenge auf seiner Flucht am vergangenen Wochenende hatte er einen seiner Entführer mit einer Machete erschlagen.

An seinem 49. Geburtstag im November habe er beschlossen, dass er kein drittes Weihnachten auf der Insel Jolo verbringen wolle. Als seine Entführer eine Hochzeit feierten, sah Vinciguerra seine Chance gekommen, da er und eine weitere Geisel weniger gut bewacht wurden. Er ergriff die Flucht, wurde aber kurz darauf von einem mit einem Sturmgewehr bewaffneten Bewacher entdeckt, schreibt die Schweizer Nachrichtenseite "Blick am Abend".

Doch es gelingt Vinciguerra, den kleineren und etwa 60 Jahre alten Entführer in einen dramatischen Kampf zu verwickeln. Der Schweizer schlägt mit der Handkante gegen die Gurgel seines Bewachers. "Ich wollte ihm nicht wehtun, ich wollte nur nach Hause", sagt er. Doch der Entführer eröffnet das Feuer, schießt aber nur in den Boden, da er sich mit dem langen Lauf nicht so schnell drehen kann. Vinciguerra greift das Gewehr und verbrennt sich am heißen Lauf die Hand.

Vinciguerras dramatische Flucht

Um den Bewacher außer Gefecht zu setzen, tritt er ihm zwischen die Beine. "Das wirkt immer Wunder", sagt Vinciguerra. Mit einem Buschmesser schlägt er ihm außerdem in den Nacken. Blut fließt. Der Schweizer schafft es, seinem Entführer das Gewehr zu entreißen, dafür verliert er das Messer. Der Bewacher schlägt Vinciguerra mit der Machete ins Gesicht – er verliert drei Zähne und hat jetzt eine lange Narbe auf der linken Gesichtshälfte.

Er wirft das Gewehr in den Busch und rennt davon. Der Bewacher rappelt sich auf und schießt Vinciguerra hinterher – doch er vermutet ihn in der falschen Richtung und verfehlt den Fliehenden. Vinciguerra kriecht erschöpft auf allen Vieren durch den Dschungel und läßt sich an einem Bach fallen. In der Nähe hört er Terroristen auf Motorrädern, doch sie finden ihn nicht. Am nächsten Tag finden ihn Soldaten der philippinischen Armee.

Die Beschreibung der Flucht sei authentisch, sagt der Leiter des Krisenmanagement-Zentrums, Ralf Heckner. Lösegeld sei keines bezahlt worden.

Der Schweizer Vinciguerra (r.) mit einem philippinischen Freund kurz vor seiner Entführung im Februar 2012

Der Schweizer Vinciguerra (r.) mit einem philippinischen Freund kurz vor seiner Entführung im Februar 2012

"Meidet das Gebiet großräumig"

Danach wollte Vinciguerra zu seiner Familie. Er habe "so viel verpasst". Ein zusammen mit Vinciguerra verschleppter Niederländer schaffte es nicht in die Freiheit. Die beiden Männer waren im Februar 2012 gemeinsam in die abgelegene Provinz Tawi-Tawi gereist, um seltene Vögel zu fotografieren. Bewaffnete Täter verschleppten die beiden und übergaben sie später an die Gruppe Abu Sayyaf. Die Islamisten hielten Vinciguerra und Ewold Horn in einem Versteck im dichten Dschungel auf Jolo fest. 1039 Tage war Vinciguerra gefangen.

Die Gruppe Abu Sayyaf wurde in den 90er Jahren mit Geld von Al-Kaida-Führer Osama bin Laden gegründet. Sie wurde durch die Entführung zahlreicher Ausländer bekannt; erst im Oktober hatte sie zwei Deutsche nach einem halben Jahr in Geiselhaft freigelassen. Kurz darauf veröffentlichte sie ein Video, auf dem das angeblich für die Freilassung gezahlte Lösegeld von umgerechnet 4,6 Millionen Euro zu sehen sein soll.

"Ich bin so froh, hier sein zu dürfen", sagte Vinciguerra nach seiner Rückkehr. "Die Familie habe ich schon gesehen. Wir freuen uns auf ein baldiges Nachhausegehen." Als erstes wolle er dort sein bestes Bild von einem Nashornvogel ins Internet stellen und darunter schreiben: "Geht nicht hin. Meidet das Gebiet großräumig, es ist zu gefährlich."

Matthias Kahrs mit AFP