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Posse im Bundestag: Schriftführer zanken um Krawattenzwang

Als Gerhard Schröder 1980 als erster Bundestagsabgeordneter eine Rede ohne Krawatte hielt, rief ihn Vizepräsidentin Annemarie Renger zur Ordnung. Drei Jahre später wetterte ein CDU-Politiker gegen schlipslose Grüne. Jetzt gibt es im Hohen Haus einen neuen Krawatten-Kampf.

Sven-Christian Kindler ist empört. Eigentlich hätte er am Donnerstag im Bundestag neben dem Präsidenten als Schriftführer Platz nehmen sollen. Doch ebenso wie Andrej Hunko von den Linken durfte der Grünen-Abgeordnete nicht - weil er sich weigerte, dafür extra eine Krawatte umzubinden. "Ich werde als offiziell ernannter Schriftführer an meiner Arbeit gehindert", erregte sich Kindler. Danach eskalierte der parlamentarische Kulturkampf um die Krawatte.

Losgetreten hatte die Posse der CDU-Parlamentarier Jens Koeppen. In einem Brief, den der Obmann der Schriftführer im Dezember an seine Kollegen schickte, stand der klare Hinweis, künftig auf jeden Fall "neben dem Sakko auch eine Krawatte oder dem Entsprechendes" umzulegen. Die überzeugten Schlipsboykotteure konnte der Elektromeister aus der Uckermark damit aber nicht zum Umdenken bewegen. Weißes Hemd und Jackett reichen, entschied Kindler für sich die Stilfrage und konterte: "Es ist sehr fragwürdig, ob so manche Blümchenkrawatte von Koalitionsabgeordneten die Würde des Hauses hebt."

Doch auch das Pro-Krawatten-Lager zeigte sich unnachgiebig. Die beiden Abgeordneten wurden kurzfristig für den Einsatz auf dem Podest unter dem Bundesadler im Plenarsaal gestrichen - "ohne Begründung", empörte sich Hunko. "Das ist völlig absurd." Sein Fraktionskollege Alexander Süßmair zeigte sich solidarisch und erschien am Donnerstag ebenfalls ohne Binder - prompt wurde auch er abgelöst. Dagegen hatte die Linke Agnes Alpers keine Probleme: Sie versuchte es mit Ironie, griff für ihren zweistündigen Auftritt auf dem Podium zu einer roten Krawatte und durfte bleiben.

Kleiderkampf im Bundestag hat lange Geschichte

"Aus dem überflüssigsten Kleidungsstück der Welt hat die Mehrheit des Ältestenrats eine Prinzipienfrage gemacht", schimpfte die Fraktionsgeschäftsführerin der Linken, Dagmar Enkelmann. Der Grünen-Kollege Volker Beck forderte von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) höchstpersönlich ein Machtwort. Zwar gehöre sich angemessene Kleidung. "Dies kann jedoch nicht mit der Statuierung einer Krawattenpflicht einhergehen - weder für Männer, noch für Frauen", argumentierte Beck. In der Geschäftsordnung sei dazu jedenfalls nichts zu finden

Für den FDP-Schriftführer Sebastian Körber ist das auch nicht nötig. "Aus Respekt vor dem Hohen Hause gehört die Krawatte für einen Mann mit dazu." Auch der Ältestenrat schaffte nach einer turbulenten Aussprache keine Klärung. Lammert verwies darauf, dass für solche Fragen der Würde der jeweils amtierende Sitzungsleiter zuständig sei. Beck kündigte an, er werde keinen schlipslosen Schriftführer abberufen. Zu befürchten sei, dass bald nicht mehr genügend Abgeordnete für das ohnehin nicht besonders beliebte Amt zur Verfügung stünden.

Der Kleiderkampf im Parlament hat schon eine lange Geschichte. Erst vor einiger Zeit musste ein von den Grünen eingeladener Schüler sein T-Shirt mit der Aufschrift "Make Love Not War" am Eingang verdecken. Legendär ist der Ärger, den die Rauschebärte und Wollpulliträger der Grünen nach ihrem Einzug 1983 in den Bundestag bei den Etablierten auslösten. Ein CSU-Politiker forderte schon damals die Änderung der Geschäftsordnung, damit "diese Typen" wenigstens "nicht ohne Krawatte im Parlament herumsitzen".

Basil Wegener/DPA / DPA