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Rettungsflugwacht: Einsatz mit Schnitzel im Bauch

Wenn Christoph 41 abhebt, ist Not am Mann und Eile geboten. Der Hubschrauber der Deutschen Rettungsflugwacht in Leonberg bringt Notärzte schnell zum Einsatzort. Binnen 60 Sekunden ist die dreiköpfige Besatzung in der Luft. stern.de hat sie begleitet.

Von Peter Ilg

"So schlimm wie in diesem Jahr war es noch nie", klagt Pit Micheel. "Irgendwann fressen uns die Biester noch auf", jammert Tim Viergutz, und Volker Dejung sagt: "Bei 479 habe ich vorgestern aufgehört zu zählen." In dem Moment schlägt er mit der Fliegenklatsche eine Mücke auf dem Tisch tot. Micheel vermutet, dass die Mücken von den umliegenden, frisch gemähten und gedüngten Feldern kommen.

Im Luftrettungszentrum der Deutschen Rettungsflugwacht in Leonberg bei Stuttgart herrscht an diesem Sonntag Nachmittag Langeweile. Dabei haben Rettungsdienste eigentlich am meisten zu tun, wenn andere frei haben. In der Freizeit passieren die meisten Unfälle.

Nach 60 Sekunden hebt Christoph ab

Der Piepser meldet sich. Als sei ein Hebel umgelegt worden, wird aus den drei gelangweilten Männern ein hochprofessionelles Team. Jeder weiß, was er zu tun hat, alle Handgriffe sind hundertmal erprobt und sitzen perfekt. Die DRK-Leitstelle in Böblingen hat einen Motorradunfall gemeldet. Knapp 60 Sekunden nach dem Notfallruf hebt Christoph 41 ab. Über Funk erhalten sie weitere Informationen: den genauen Unfallort und wahrscheinliche Verletzungen; Rettungsassistenten sind bereit im Einsatzwagen vor Ort. In 500 Metern Höhe über den verstopften Autobahnen und Schnellstraßen des südlichen Stuttgarts erreicht Christoph 41 mit Tempo 225 das Flugziel in sechs Minuten.

Arzt und Assistent springen mit eingezogenem Kopf aus dem Hubschrauber und laufen zum Unfallort. Gerannt wird nicht: Sicherheit ist das erste Gebot, denn es nützt dem Verletzten nicht, wenn sich der Doktor die Füße bricht. Nach einer knappen halben Stunde ist der Einsatz vorbei. "Der Verletzte wird mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht", sagt Doktor Tim Viergutz. Lebensgefährliche Verletzungen hat der Motorradfahrer nicht. Er ist in einer Kurve auf Rollsplitt ins Schleudern geraten und gestürzt.

Zurück in Stützpunkt. Ein Rotkreuz-Kollege aus dem benachbarten Kreiskrankenhaus bringt das Mittagessen. Schnitzel mit Pommes und viel Soße, wie es im Schwabenland üblich ist. Am Samstag hatten sie keine Zeit zum Essen. Sechs Einsätze sind sie geflogen, waren von 7 Uhr bis 19:30 Uhr unterwegs. Im Hitze-Juli 2006 hat die Deutsche Rettungsflugwacht (DRF) 2822 Einsätze geflogen, so viele wie noch nie zuvor in einem Monat seit Dienstbeginn im Jahr 1973.

Gründung nach tragischem Tod

Der tragische Anlass für die Gründung der DRF war der Tod des achtjährigen Björn Steiger, der am 3. Mai 1969 auf dem Weg vom Schwimmbad nach Hause von einem Auto angefahren wurde. Trotz sofort alarmierter Polizei und Krankenwagen dauerte es beinahe eine Stunde, bis medizinische Hilfe eintraf. Björn starb auf dem Transport ins Krankenhaus. Noch im selben Monat gründeten seine Eltern die Björn-Steiger-Stiftung mit dem Ziel, die Rettung zu beschleunigen und ihre Qualität zu erhöhen. 1972 wurde der erste Hubschrauber mit Spendenmitteln finanziert und mit der DRF die erste zivile Luftrettungsorganisation Deutschlands gegründet. Im März 1973 nahm sie in Stuttgart ihren Betrieb auf. Nach wechselnden Stationen hat Christoph 41 vor 20 Jahren am Kreiskrankenhaus in Leonberg sein Zuhause gefunden.

Christoph ist die Abkürzung von Christopherus, des katholischen Schutzpatrons der Reisenden, und die Zahl 41 steht für den Standort Leonberg. Die DRF hat in Deutschland, Italien und Österreich mit ihren Partnern 44 Luftrettungszentren mit 50 Hubschraubern. Der Flieger in Leonberg ist erst zwei Monate alt, kostete rund 3,5 Millionen Euro, wiegt 2,8 Tonnen und hat 743 PS. Pilot Dejung ist 33 Jahre alt und hat mehr als 4000 Flugstunden auf dem Buckel. 2000 Flugstunden sind das vorgeschriebene Minimum, um bei der DRF als Pilot eingestellt zu werden. "Bei der Bundeswehr kommt man in zwölf bis 14 Jahren auf diese Zahl", lobt Rettungsassistent Pit Micheel seinen Kollegen.

Micheels kam über den Zivildienst im Rettungsdienst zur DRF. Heute ist der 48-Jährige mit 20 Dienstjahren der Dienstälteste im Team. Dejung ist Angestellter der Rettungsflugwacht, Micheels beim Deutschen Roten Kreuz. Im Zwei-Wochen-Rhythmus wechselt er zwischen Rettungswagen und Hubschrauber.

Doktor Tim Viergutz ist Anästhesist an der Uniklinik in Mannheim und arbeitet zusätzlich an zwei Tagen der Wochenenden pro Monat in Leonberg - auch weil er gerne fliegt. Notfallmediziner sind häufig Anästhesisten, weil sie es gelernt haben, Menschen in schwierigen Situationen medizinisch zu stabilisieren. Der 33 Jahre alte Arzt hat über die DRF-Station in Leonberg seine Doktorarbeit geschrieben. Er ging dabei der Frage nach, ob die Notfallversorgung den heutigen Ansprüchen gerecht wird. "Zweifelsfrei", fasst er das Ergebnis zusammen. Laut Gesetz muss jeder Patient in Deutschland binnen 15 Minuten medizinisch versorgt werden können. Innerhalb einer Minute sind die drei in der Luft. Dafür allerdings nehmen sie die Mückenplage in Kauf: während ihres Dienstes, der um 7 Uhr beginnt und mit Sonnenuntergang endet, müssen sie in unmittelbarer Nähe des Notfalltelefons sein. "Weil wir ein Team sind, stellen wir uns gemeinsam der Plage", sagt Rettungsassistent Micheel. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.

In den ersten sechs Monaten des Jahres war der Hubschrauber fast 500 Mal im Einsatz. Drei Piloten, sechs Rettungsassistenten und 19 Notärzte teilen sich den Schichtbetrieb. Das Büro des Luftrettungszentrums ist rund, völlig verglast und etwa 25 Quadratmeter groß. Im hinteren Gebäudeteil befinden sich sanitäre Anlagen und ein kleiner Raum mit Betten. Neben dem Büro ist der Hangar, die Garage des Hubschraubers. Auf einer Plattform stehend wird er über Schienen bewegt. Die Crew trägt orangefarbene Overalls und im Hubschrauber liegen griffbereit Schutzhelme mit Mikrofonen. Trotz an Bord befindlicher Navigationssysteme ist die Crew ausnahmslos im Sichtflug unterwegs.

Landung auf der Autobahn

Wieder meldet sich der Piepser. "Herzgeschichte in Freudenstadt", heißt es von den drei. Zwar ist der Einsatzort weiter weg als der vorangegangene. Doch auch in diesem Fall dient der Hubschrauber als schneller Notarztzubringer, da der ortsansässige Notarzt bei einem anderen Fall ist. "Am Samstag sind wir auf der Autobahn beim Stuttgarter Dreieck gelandet, obwohl die Polizei noch nicht da war", sagt Dejung. Es hatten sich mehrere Autos ineinander verkeilt, der Verkehr stand. Als Arzt und Assistent bereits bei der Arbeit waren, kam eine Polizistin zwischen den Autos angelaufen, weil es weder für das Polizeiauto noch den Krankenwagen ein Durchkommen gab. "Staus können uns nicht aufhalten", sagt der Pilot. Eine der Stärken der Luftrettung.