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Riten am 1. Mai: Von Maibäumen und Kreuzberger Krawallen

Kein Feiertag ist so überfrachtet mit Bräuchen wie der 1. Mai. Ob Hexen im Harz, liebestolle Burschen in Bayern oder Steinewerfer auf dem Kiez. Hier erläutern wir, was es mit der Folklore auf sich hat.

Von Sebastian Huld

Die Nächte sind lau, es ist Paarungszeit, die Natur ist im Aufbruch. Und irgendwie scheint sich diese natürliche Aufgeregtheit auch auf die menschliche Kultur übertragen zu haben: Kein Feiertag ist mit Riten, Festen und Bräuchen so überladen wie der 1.Mai, in Deutschland der Tag der Arbeit. Den Auftakt macht die Walpurgisnacht, der Übergang vom 30. April zum 1. Mai. Während in vielen Städten Diskotheken und Clubs zum "Tanz in den Mai" laden, pilgern bis zu 100.000 Touristen in den Harz - den Ursprungsort der Walpurgisnacht. Hier wurde schon zu vorchristlicher Zeit an diesem Datum der Frühjahrsbeginn gefeiert. Den "Dancefloor" der Heiden-Party bildete der Brocken, der höchste Berg des Mittelgebirges. Er galt als Sitz von Göttern und Geistern. Als Mitteldeutschland von den Katholiken missioniert wurde, hat die Kirche die Feier einfach umgedeutet: Fortan sollten in dieser Nacht mit Lagerfeuer und Tanz die alten Geister und Götter vertrieben werden.

Den Namen verdankt die Nacht übrigens der Benediktiner-Äbtissin Walpurga, die für ihre Missionar-Arbeit im Jahr 779 heilig gesprochen wurde. Auch die Hexen gehen wohl auf die Kirche zurück: Als im 15. Jahrhundert in Deutschland die Hexenverfolgung einsetzte, entwickelte sich der Mythos vom Brocken als Ort des Bösen, an dem sich Frauen zur Walpurgisnacht dem Teufel hingaben. Ein so sündiges Treiben, dass Johann Wolfgang von Goethe die Legende in seinem "Faust" verarbeitete. Seitdem ist die Walpurgisnacht in ganz Deutschland bekannt, und seit 1896 werden auf dem Brocken Walpurgisnacht-Feiern veranstaltet.

Ein Baum von einem Mann

Nicht weniger traditionell geht es im Süden der Republik zu. In Städten und Dörfern haben die jungen Männer zum Maibeginn eine ganz besondere Aufgabe: Sie entfernen die Äste von einem möglichst großen Baum und schmücken ihn je nach Tradition mit buntem Krepppapier, Bändern oder auch Handwerks-Symbolen. Dann wird der "Maibaum" auf dem Festplatz aufgerichtet. Je nach Region geschieht das schon am Vorabend oder unter den Augen der Feiernden am 1. Mai. Am ersten Maitag wird dann um den Baum getanzt, es gibt meist Bier, Bratwurst und Livemusik. Junge Männer, die ihr Interesse an einer Frau bekunden wollen, stellen der Angebeteten den Maibaum vor das Haus. Ein weithin sichtbarer Liebesbeweis.

Der Ursprung der Maibaum-Tradition ist umstritten. Die landläufige Erklärung, das Maibaumaufstellen sei ein Fruchtbarkeitsritus der Kelten gewesen, geht auf die Nationalsozialisten zurück. Die schreckten auch nicht davor zurück, die Spitzen der Maibäume mit Hakenkreuzflaggen zu schmücken. Inzwischen nimmt man an, dass sich die Maibaumfeiern im Bayern des 16. Jahrhunderts etablierten, als Städte und Dörfer zunehmende Freiheiten genießen konnten. Der gemeinsame Tanz um den geschmückten Baum war demnach ein Ausdruck des Gemeinschaftsbewusstseins.

Lesen sie auf der nächsten Seite über die Krawalldemonstrationen in Berlin und den Ursprung des Tages der Arbeit

Diebe, Vandalen und Krawalltouristen

Das würde auch die Konkurrenz zwischen den Dörfern und Gemeinden erklären: Denn wenn im Norden Walpurgisnacht ist, feiert der Süden Freinacht. Die Nacht, in der die Jugend den Nachbargemeinden Streiche spielt. Die Mutigsten versuchen, den Maibaum des Nachbardorfes zu stehlen. Ein Streich, der in einigen bayerischen Dörfern zu Jahrzehnte andauernden Zwistigkeiten geführt hat. Heute jedoch beklagt die Polizei, dass in der Freinacht vor allem Vandalismus herrscht. Sachschäden beschäftigen die Beamten, während kaum noch einer der etwa 45.000 Maibäume, die allein dieses Jahr in Deutschland aufgestellt werden, heimlich verschwindet. Der Diebstahl ist inzwischen ein öffentliches Ritual während des 1. Mai.

Doch der bayerische Vandalismus ist noch harmlos im Vergleich zu den Ausschreitungen in Berlin, Hamburg und anderen Großstädten. Allein in Berlin sind dieses Jahr bis zu 6000 Polizisten im Einsatz, um die verschiedenen Demonstrationen, Kundgebungen und Veranstaltungen friedlich zu halten. Dabei gibt es dieses Jahr zwei Brennpunkte: Am Samstagvormittag wollen im Bezirk Prenzlauer Berg 1000 bis 3000 Rechtsextreme aufmarschieren. Bei der Gegendemonstration "1. Mai Nazifrei", zu der SPD, Die Linke, die Grünen und Gewerkschaften aufgerufen haben, werden bis zu 10.000 Menschen gegen die NPD-Veranstaltung demonstrieren. Am Nachmittag findet dann in Kreuzberg die "Revolutionäre 1. Mai-Demonstration" statt, bei der es in den letzten Jahren zu teilweise massiven Ausschreitungen kam. Brennende Autos, verletzte Demonstranten und Polizisten gehören in der Hauptstadt zum Frühling wie Blütenstaub und Softeis. Viele gewalttätige Teilnehmer sind dabei gänzlich unpolitisch und sind vor allem so genannte Krawalltouristen.

Arbeiter aller Länder

Dabei ist der Ursprung der 1. Mai-Demonstrationen ein friedlicher: An diesem Tag setzten amerikanische Arbeiter im Jahr 1885 mit landesweiten Demonstrationen den Achtstundentag durch. Fünf Jahre darauf machten Arbeiter in zahlreichen Ländern am 1. Mai mit Massenkundgebungen auf ihre Forderungen aufmerksam, der "Tag der Arbeit" ist in vielen Ländern gesetzlicher Feiertag geworden.

Wie bei den Maibäumen versuchten die Nationalsozialisten auch diese Tradition für ihre Propaganda zu nutzen. Seit dem 1. Mai 1933 wurde dieser Tag zum "Feiertag der nationalen Arbeit" ausgerufen, ausgerichtet von der parteitreuen Einheitsgewerkschaft "Deutsche Arbeitsfront". Doch der "Tag der Arbeit" überlebte die Nazi-Herrschaft und wird seit Kriegsende vom neugegründeten Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ausgerichtet. Dieses Jahr sollen nach Angaben des DGB bundesweit 450 Gewerkschaftsdemonstrationen stattfinden. Das Motto lautet "Wir gehen vor. Gute Arbeit. Gerechte Löhne. Starker Sozialstaat."

Auch wenn es deutlich mehr Demonstrationen gibt als noch 2009, sind die Teilnehmerzahlen insgesamt rückläufig. Bei einer stern-Umfrage im vergangenen Jahr gab nur noch jeder fünfte Befragte an, den Maifeiertag als Tag der Arbeit zu sehen. Die große Mehrheit der deutschen (74 Prozent) sieht in dem Tag vor allem eines: willkommene Freizeit für Freunde und Familie. Eine Freude, die nicht einmal das voraussichtliche Aprilwetter an diesem Wochenende trüben kann.

mit DPA/AP / AP