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Politischer Streit in Italien "Invasion" der Borstentiere – in Rom sind die Wildschweine los

Ein erwachsenes Wildschwein schaut in die Kamera
Wildschweine haben sich in Italien in letzter Zeit stark vermehrt. Schätzungsweise 10.000 Verkehrsunfälle verursachen die Borstentiere dort jährlich.
Seit Jahren hat Italien Probleme mit der übergroßen Population von Wildschweinen. Verbände fordern Bürgermeisterin Raggi schon lange zum Handeln auf. Doch die verklagt jetzt lieber eine Kommune.

Wildschweine und Rom: Eigentlich reicht dieses Setting schon für den nächsten Asterix-Comic. Doch den Bewohnern von Italiens Hauptstadt steht der Sinn gerade überhaupt nicht nach Geschichten von aufmüpfigen Galliern, die auf offenem Feuer Wildschweinbraten zubereiten. 

Denn die Anzahl der Borstentiere nimmt überhand. In den vergangenen Jahren ist die Population so stark angewachsen, dass jetzt sogar Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi rechtliche Schritte gegen die Regierung der Region Lazio eingereicht hat. Raggi begründet ihre Klage mit der "starken und unkontrollierten Präsenz von Wildschweinen in Italiens Hauptstadt".

Das Problem ist schon seit Jahren bekannt

Während der vergangenen Jahre haben sich Bürger und Landwirte rund um Rom immer wieder über die Wildschweine beschwert. Insbesondere weil sie Felder verwüsten und immer wieder in tödliche Autounfälle verwickelt sind. Laut Schätzungen gehen in Italien rund 10.000 Verkehrsunfälle jährlich auf Wildschweine zurück. 

Bürgermeisterin Raggi von der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung sieht die Regionalregierung Lazio unter dem ehemaligen Vorsitzenden der Demokratischen Partei, Nicola Zingaretti, als verantwortlich für diese Situation, die sie als "Wildschwein-Invasion" bezeichnet und gegen die die kommunalen Amtsträger "keine effektiven Pläne" hätten.

Bauern forderten Raggis Regierung schon 2016 zum Handeln auf

Ein Vorwurf, der auch ihr schon gemacht wurde. Bereits 2016 forderten Landwirte Massenschlachtungen der Paarhufer. Die Stadtregierung lehnte dies damals ab und rief die Bevölkerung auf, einen Bogen um die Tiere zu machen. Dann sei eine "friedliche Koexistenz" möglich, berichtet die Neue Zürcher Zeitung.

Eine Fehleinschätzung. Kurze Zeit später wurden Fälle bekannt, in denen Wildschweine in ländlichen Regionen Wachhunde, Schafe und andere Nutztiere getötet hatten. Richtig angefacht wurde die Diskussion um den Umgang dann vom ersten menschlichen Todesfall: Auf Sizilien wurde ein älterer Mann beim Versuch getötet, seinen Hund gegen einen Wildsauangriff zu schützen.

Die Verbraucherschutzorganisation "Condacons" warf der Stadtregierung schon 2016 vor, sie lasse Rom verwahrlosen. Die Stadt ziehe Allesfresser wie Wildschweine besonders an, weil das Müllentsorgungssystem nicht funktioniere und sich die Müllberge in den Straßen türmen.

Stadtregierung schiebt Kommunen die Verantwortung zu

Auch der größte Bauernverband Italiens "Coldiretti" kritisierte Raggi und ihre populistische Bewegung damals scharf. Die Landwirte im Umland Roms sind am stärksten von den Tieren betroffen, da diese ihre Saat oder Ernte zerstören und Felder umpflügen. Der Vorschlag, zumindest die Tiere in den Naturschutzgebieten rund um die italienische Hauptstadt in Käfige zu locken und zu Schlachtern in der Umgebung zu bringen, stieß auf taube Ohren. Die Fünf-Sterne-Bewegung hat sich den Tierschutz auf seine Fahne geschrieben und wollte von solch drastischen Maßnahmen nichts wissen. Nun schiebt Raggi den Kommunen die Verantwortung zu.

Angefacht wurde die Diskussion um den Umgang mit den Wildschweinen durch ein Video in den sozialen Netzwerken, in dem sechs Wildschweine eine Frau auf einem Supermarkt-Parkplatz "überfielen". 

Die Borstentiere folgten der Frau vom Eingangsbereich des Supermarktes bis zu ihrem Auto. Sie versuchte die Tiere in Schach zu halten, musste aber schlussendlich ihre Einkäufe fallen lassen, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. 

"Nach Covid kommt die Wildschweinplage"

"Coldiretti" betont: "Die wachsende Anzahl der Tiere ist nicht nachhaltig. Wir müssen so schnell wie möglich handeln und wenn nötig auch das Militär einschalten." Italienische Bauern, Viehzüchter und Schäfer forderten schon im Juli bei einem Protest gegen die "Invasion" vorzugehen. Die von der Coronakrise schwer getroffenen Branchen beklagten: "Nach Covid kommt jetzt die Wildschweinplage."

Eine Forderung die im Sande verlief, auch weil Bürgermeisterin Raggi die Verantwortung nun in die nächst kleinere Instanz verschiebt.

Quellen: "The Guardian", "Neue Zürcher Zeitung"


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