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Sachsen: Graben nach dem Nazischatz

Hat Hermann Göring hier seinen Besitz verbraben? Der Bürgermeister des sächsischen Deutschneudorfs glaubt zumindest daran. Deshalb wird in dem Erzgebirgsort fleißig gebudelt und nach dem Schatz aus der Nazizeit gesucht.

Eines ist dem Bürgermeister von Deutschneudorf, Heinz-Peter Haustein, schon jetzt gelungen: Er hat den kleinen Erzgebirgsort an der deutsch-tschechischen Grenze weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt gemacht. Doch nun ist der energiegeladene Unternehmer und FDP-Bundestagsabgeordnete auch einem enormen Erfolgsdruck ausgesetzt. Während sich die Bohrer auf der Suche nach dem Hohlraum in die Erde drehen, dreht sich unermüdlich das Rad der Zeit, und mit jeder Stunde erhöht sich die Anspannung: Wird man die Kisten mit den 1,9 Tonnen Nazigold bald finden, oder hallt in einigen Tagen das Lachen der Berggeister durchs Erzgebirge?

"Hier in Deutschneudorf sind hundertprozentig Schätze aus der braunen Zeit versteckt", ist sich der Hobby-Schatzsucher Haustein sicher. "Wir wissen bloß noch nicht, wo sie sich genau befinden." Klar, dass es auch Zweifler und Neider gebe, aber die Angelegenheit dürfe nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Vor einiger Zeit habe er ein anonymes Schreiben mit dem Satz "Haustein, hüten Sie sich vor Sprengfallen!" erhalten, sagt er. Seitdem hätten sie die gefährliche Suche mit dem Bagger eingestellt.

Nun hoffen sie auf das beauftragte Unternehmen, die Bergsicherung Schneeberg. Sie nimmt seit Dienstag systematisch Rasterbohrungen im Abstand von einem Meter jeweils in zehn Metern Tiefe vor. Die Koordinaten hatte der Schleswig-Holsteiner Hobby-Schatzsucher Christian Hanisch auf alten Karten seines verstorbenen Vaters entdeckt, der als Funker und Navigator dabei geholfen haben soll, "kleine, aber sehr schwere Kisten" von der Schorfheide zu einem Behelfsflughafen in der Nähe von Deutschneudorf zu fliegen.

Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg, Hermann Göring, hatte in seinem Jagdschloss Carinhall in der Schorfheide geraubte Gemälde und Kunstschätze gehortet. "Diese Koordinaten, mit Verlaub, sind aus dem Zweiten Weltkrieg. Die können auch um zehn bis 20 Meter abweichen", sagt Bürgermeister Haustein und geht damit auf vorsichtige Distanz zu Hanisch. Dieser hatte vor Beginn der groß angekündigten Aktion mit einem Spezialgerät an der Stelle Metall geortet und erklärt, das könne unmöglich Eisen sein. Der Computerausdruck habe "eindeutig auf Gold verwiesen. Oder auf Silber"... Ein halbes Dutzend Bohrungen an den Stellen, die Hanisch zuvor mit roter Signalfarbe markiert hatte, brachten bisher keinen Erfolg. Darum wurde am Mittwochnachmittag das Bohrgerät auf einen höher gelegenen Punkt umgesetzt, wobei auch ein Baum gefällt werden musste. Vielleicht mag sich der Bürgermeister, der seit zehn Jahren leidenschaftlich nach dem Bernsteinzimmer sucht, jetzt so ähnlich fühlen wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr bändigen konnte?

Oberbergamt schließt unterirdischen Schatz nicht aus

In der Region um Deutschneudorf, wo einst Kupfer abgebaut wurde, erzählt man sich an den Abenden erstaunliche Geschichten: Von Zwangsarbeitern, die zu Kriegsende Verbringungsdepots anlegen mussten, in denen die Nazis ihre Beutekunst versteckten. Von geheimen Unterlagen und dazugehörigen Karten, die in Privatarchiven im Westen der Bundesrepublik verschwunden sein sollen. Von einer Frau, die im Keller ihres Hauses für sie wertlose Behälter weggebracht hatte. Später habe sich herausgestellt, dass sie schweres Wasser für die Atomindustrie enthalten hätten. Der Sprecher des Oberbergamtes Freiberg, Peter Horler, sagte, das für die Region zuständige Amt habe keinerlei Informationen darüber, was zu Kriegsende in der Region Deutschneudorf geschehen sei. Es sei nicht ausgeschlossen, dass dort Schätze aus der NS-Zeit in der Erde liegen könnten. "Wir haben keine positiven Hinweise." Das Amt sei dafür auch nicht zuständig. Es müsse dafür sorgen, dass beim Eindringen in unterirdische Hohlräume keine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgehe, sagte Horler.

AP/sh / AP
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