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Riesenhirsch testet Terrain: Die Elche kommen nach Deutschland zurück

Wolf, Bär, Biber und nun auch noch der Elch. Einst ausgerottete Wildtiere fühlen sich in Deutschland wieder heimisch. Experten sind optimistisch, dass sich auch der Riesenhirsch hier wieder ansiedelt.

Im August stand plötzlich ein Elchbulle vor einem Verwaltungsgebäude in Dresden. Experten halten es für gut möglich, dass sich der Hirsch hier wieder ansiedelt.

Im August stand plötzlich ein Elchbulle vor einem Verwaltungsgebäude in Dresden. Experten halten es für gut möglich, dass sich der Hirsch hier wieder ansiedelt.

Wer einen Elch in freier Wildbahn sehen möchte, muss dafür nicht unbedingt nach Schweden fahren. Mit viel Glück bekommt man die Riesen neuerdings auch in Deutschland zu Gesicht. "Vor allem die halbstarken jungen Tiere ziehen los, um die Welt zu entdecken", sagt Andreas Kinser, Forst- und Jagdreferent der #link;http://www.deutschewildtierstiftung.de/;Deutschen Wildtier Stiftung# in Hamburg. Immer öfter wandern Elche aus Polen und Tschechien über die Grenze nach Ostdeutschland.

Die Stiftung geht aber davon aus, dass nur eine Handvoll Tiere dauerhaft in Deutschland leben. "Die meisten Elche durchstreifen die Gegend nur auf ihrer Wanderschaft." Pro Jahr zählt die Stiftung rund 25 Elchsichtungen - die meisten in Brandenburg.

Seit etwa drei Jahren entdecken Förster oder Spaziergänger immer wieder bestimmte Elche vor allem in Ostbrandenburg. "Von einer richtigen Population kann man aber nicht reden", sagt Ina Martin, Biologin am Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde. Sie erfasst Daten zum Elch und hat im Auftrag des Landes einen Elch-Management-Plan zum Umgang mit den Tieren erstellt. Etwa drei Elche sind demnach regelmäßig in der Uckermark, der Schorfheide (Barnim) und in den Landkreisen Oder-Spree und Märkisch-Oderland unterwegs. Seit etwa dem Jahr 2000 kommen demnach verstärkt Elche von Polen über die Grenze.

In Polen sind die Bestände nach Schätzung der Deutschen Wildtier Stiftung auf rund 4000 Exemplare angewachsen, seitdem die Elche nicht mehr gejagt werden dürfen. Auf der Suche nach neuen Revieren zieht es vor allem junge und männliche Tiere gen Westen. Auch in Tschechien gibt es eine kleine Population, von der Tiere nach Niederbayern wandern. Als eine Touristin vor zwei Jahren im Böhmerwald gleich drei Elche auf einmal vor die Kameralinse bekam, wurde das als kleine Sensation gefeiert. Elche gelten als sehr scheu. Rund um den Stausee Lipno an der Grenze zu Österreich leben laut Nationalpark heute rund 15 Tiere.

Autoverkehr hindert die Ausbreitung der Elche

Sobald ein Elch in Bayern gesichtet wird, schaut sich der Elchbeauftragte der Regierung, Reiner Karsch, die Stelle genau an. Er sucht nach Biss- und Kotspuren sowie Abdrücken. Generell sei der Bayerische Wald ein guter Lebensraum für den Elch, sagt Karsch. "Der Elch ist ein Katastrophenfolger. Die Bestände explodieren nach Waldbränden sowie Schäden durch Borkenkäfer und Windwurf." Auf den so entstandenen Kahlflächen finde der wählerische Elch junge Bäume und Bodenbewuchs. In Niederbayern sind seit 2007 insgesamt mindestens 19 Elche gesichtet worden, drei wurden 2007 bei Verkehrsunfällen getötet.

#link;http://www.stern.de/wissen/natur/rueckschlaege-bei-wiederansiedelung-woelfe-werden-in-deutschland-erschossen-und-ueberfahren-2124314.html;Wegen des vielen Verkehrs sei Deutschland für die Elche gefährliches Terrain#: "Viele werden überfahren", erklärt Kinser. Das sei ein Grund dafür, dass die Population nicht wachse. Auf der anderen Seite stellen die Elche wegen ihrer Körpermasse eine Gefahr für die Autofahrer dar. "Der Elch hat eine andere Dimension als ein Reh." Mit einem Gewicht bis zu 800 Kilogramm und einer Schulterhöhe von bis zu 2,30 Metern, sind sie die größte lebende Hirschart.

Der Naturschutzbund Nabu fordert angesichts wandernder Elche mehr "grüne Brücken". Die Landschaft müsse wieder durchlässiger für Tierarten mit großen Raumansprüchen gemacht werden. Die Wanderrouten der Elche seien vielerorts von Straßen unterbrochen.

Eine Wiederansiedelung ist gut möglich

Dass die Großhirsche hier wieder heimisch werden, halten Experten wie Andreas Kinser durchaus für möglich. Schließlich seien die Tiere bis zum 18. Jahrhundert in Deutschland verbreitet gewesen. Allerdings schrumpften die Bestände rasch - die behäbigen Tiere waren leicht zu jagen, ihr Fleisch galt als schmackhaft. Seit dem Zweiten Weltkrieg gilt der Elch in Deutschland endgültig als ausgestorben.

Um sich auf Dauer anzusiedeln, braucht der Elche unberührte, wasser- und waldreiche Lebensräume. Die findet er etwa im dünn besiedelten Brandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern oder in der Heide- und Teichlandschaft der Lausitz. Die Deutsche Wildtier Stiftung hofft, dass bald wieder mehr Riesen in freier Wildbahn zu sehen sind. "Wir freuen uns über die Rückkehr des Wolfes, über die Rückkehr der Biber. Warum sollten wir das beim Elch nicht auch tun?", sagt Kinser.

In Mecklenburg-Vorpommern werden laut Landesjagdverband fast in jedem Jahr ein bis zwei Elche gesichtet, meistens in Vorpommern. Sie kommen über die polnische Grenze und wandern gen Westen, "immer dem Wind entgegen", sagte der Sprecher des Landesjagdverbandes, Ulf-Peter Schwarz. Zuletzt wurde im August ein Elch in der Nähe von Ueckermünde gesichtet und fotografiert. Im April war hier vermutlich eine Elchkuh mehrfach gesehen worden. Im Oktober 2013 wurde ein junger Elch an der A20 angefahren und musste später eingeschläfert werden.

Die Bevölkerung muss vorbereitet werden

Berühmtheit erlangte der Elchbulle "Knutschi", der im September 2008 in Sachsen auftauchte und über Thüringen bis nach Hessen und Niedersachsen wanderte. Wenig später rief die Oberste Jagdbehörde ein Elch-Monitoring für den Freistaat ins Leben. "Nach Knutschi war es in den letzten Jahren aber sehr ruhig", berichtet der zuständige Wildbiologe Mark Nitze. Bis sich im August dieses Jahres ein junger Elchbulle in ein Dresdner Bürogebäude verirrte. Er wurde betäubt und in den Wäldern Ostsachsens ausgesetzt. Ein weiterer junger Elchbulle wurde im September in der Lausitz in der Nähe von Niesky gesichtet.

Der WWF bezeichnet die ostdeutschen Bundesländer als "Elch-Einwanderungsland". Der Umweltschutzverband warnt vor möglichen Konflikten. "Themen wie Monitoring, Wildschäden und Gefährdung für den Straßenverkehr müssen öffentlich diskutiert und thematisiert werden", erklärt ein Sprecher. Für die meisten Deutschen sei der Elch eine eher unbekannte Tierart. "Daher muss man die Bevölkerung informieren und mitnehmen."

mh/Christiane Raatz/DPA / DPA