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Sommersonnenwende: Das Spiel mit dem Feuer

Die Externsteine im Teutoburger Wald sind ein wunderschönes Naturkunstwerk - und zur Sommersonnenwende ein Treffpunkt für Neonazis: In ganz Deutschland missbrauchen NPD und freie Kräfte den altgermanischen Kult zu Propagandazwecken.

Von Caroline Kieke

Die Sonnenwendfeiern an den Externsteinen in Nordrhein-Westfalen sind "sehenswerte, außergewöhnlich stimmungsvoll-mystische archaische Events vor wildromantischer Kulisse", schwärmt ein Internetnutzer in einem Reiseforum. Antifaschistische Bündnisse hingegen riefen im Vorfeld offen zum Widerstand gegen ein vermutetes dortiges Treffen der regionalen Neonazi-Szene auf. Tatsächlich strömen jährlich rund eintausend Menschen in den Teutoburger Wald, um zu Füßen der Felsformation den längsten und den kürzesten Tag des Jahres zu feiern. Sie sind Anhänger neuheidnischer und esoterischer Gruppen oder genießen, oft verkleidet und musizierend, das Bad in der Menge. Der kultische Ort und das symbolische Datum ziehen jedoch auch Neonazis an, die in dem Naturkunstwerk eine altgermanische Kultstätte sehen.

"Zwischen Esoterik und Rechtsextremismus besteht tatsächlich eine Schnittmenge" bestätigt Georg Schuppener, Herausgeber des Buches "Sprache des Rechtsextremismus". Von Hause aus Germanist beschäftigt sich Schuppener seit Jahren mit dem modernen Rechtsextremismus. Im Grunde würden esoterische Ansätze und das rechtsextremistische Weltbild Antworten auf gleiche Fragen geben, indem sie Sinnstiftung bieten. Schuppener zufolge legten die Antisemiten und Rassentheoretiker Guido von List und sein Schüler Lanz von Liebenfels Anfang des 20. Jahrhunderts sogar eine esoterische Grundlage für die völkische Ideologie der Nazionalsozialisten.

Auch Neuheiden und Esoteriker stehen auf die Feuerpartys

Doch nicht jeder Träger eines germanischen Symbols wie beispielsweise des kriegerischen Thorhammers ist als rechtsextrem einzustufen. Denn neuheidnische Anschauungen sind erst dann verfassungsfeindlich, wenn sie mit der rassistischen Verherrlichung der angeblichen "Ahnen" einhergehen und die Gleichwertigkeit menschlichen Lebens ablehnen.

So wie in Pretzien: In dem Ort in Sachsen-Anhalt verbrannte vor zwei Jahren Mitglieder der lokalen rechtsextremen Szene auf einer Sommersonnenwendfeier eine Ausgabe des Tagebuchs der Anne Frank. Auch dieses Jahr mobilisieren NPD-Ortsverbände und freie Kameradschaften ihre Anhänger zu diesem Termin - antifaschistische Kräfte kndigen Proteste dagegen an. Tatsächlich ist das Fest in seiner heutigen Form ein Konstrukt des Nationalsozialismus - eine propagandistisch ausgerichtete NSDAP-Erfindung und ein Lieblingskind von Reichsführer SS Heinrich Himmler. Die zur Sommersonnenwende aufgeführten Thingspiele wurden zum kultischen Höhepunkt des Sommers erklärt, die Hitlerjungen und der Bund der Deutschen Mädchen mit Ritualen wie dem Feuersprung auf Krieg gepolt.

Volkshetze im Gewand der Brauchtumspflege

Der rechtsextreme Missbrauch der Sommersonnenwende zur Mitgliederwerbung und Volkshetze wird aber noch kaum thematisiert. Aufgewacht ist man aber in Sachsen: Hier stellt der jüngste Verfassungsbericht klar, dass die Kameradschaftsszene in letzter Zeit verstärkt auf heidnische Bräuche sowie germanische Mythologie zurückgreift. Auch Schuppener untersuchte zahlreiche Originaltexte der Neonazi-Szene und betont, dass die verkürzte Aneignung des germanischen Kulturerbes einen gefährlichen Missbrauch darstellt. So bezieht sich die einschlägige Musik- und Subkulturszene besonders oft auf die nordgermanischen Kriegsgötter Odin und Thor. Die kriegerischen mythologischen Figuren ließen sich besonders leicht im Sinne des menschenverachtenden Sozialdarwinismus der Rechtsextremen instrumentalisieren, wonach nur der Stärkere ein Recht auf Leben besitzt, so Schuppener.

Die Strategie hinter der Wiederbelebung germanischer Traditionen ist laut Schuppener die Unterwanderung gesellschaftlicher Strukturen. Die Kameradschaften ködern mit Freizeitangeboten vor allem junge Leute und bieten ihnen simple Deutungsangebote für eine zunehmend komplexe Welt. Statt dröger Schulungen stehen soziale "Events" wie sportliche Wettkämpfe, das Erntedankfest oder eben die Sommersonnenwende auf dem Programm. Es wird gesungen, es werden politische Treueschwüre abgegeben und, meist wenig haltbare, Bezüge zur nordischen Mythologie hergestellt. Zu Lagerfeuerromantik und Zusammengehörigkeitsgefühl gesellt sich dazu noch der Reiz des Verbotenen.

Die germanische Kultur ist tabuisiert

Denn nach Überzeugung von Georg Schuppener sind die Glaubenswelten der Germanen seit ihrer Aneignung durch das Hitler-Regime ein gesellschaftliches Tabuthema. "Schauen Sie mal in die Schulbücher, Sie werden kaum etwas über Glaube und Leben der Germanen darin finden." Rechtsextreme Akteure besetzen das Thema und legen es demagogisch aus. Unterschiedliche Deutungen dieses an und für sich wertfreien Kulturguts sind in der Öffentlichkeit faktisch nicht wahrnehmbar.

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