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Stefan Arzberger vor Gericht: Der bizarre Fall des Star-Geigers

Stefan Arzberger ist einer der besten Geiger Deutschlands. Als er nach einem Konzert in New York eine transsexuelle Prostituierte mit aufs Hotelzimmer nimmt, beginnt der Albtraum seines Lebens.

Von Andreas Albes, New York

Stefan Arzberger bei einem Anhörungstermin im April

Stefan Arzberger bei einem Anhörungstermin im April

Saal 1116 des Obersten New Yorker Gerichts strahlt die ganze Allmacht der amerikanischen Justiz aus. Hohe Decken, dunkles Holz, Richter Ronald Zweibel, ein weißhaariger Mann mit sonorer Stimme, sitzt deutlich erhöht hinter seinem Pult, um ihn herum wuseln Aktenträger und bewaffnete Wachleute. Wer hier angeklagt ist, hat wenig zu sagen. Meist sprechen die Anwälte und Staatsanwälte, wobei sie genau beobachten, mit welchem Gesichtsausdruck Richter Zweibel ihren Ausführungen folgt. Als der Leipziger Violinist Stefan Arzberger gestern Vormittag gegen 10 Uhr den Raum betrat, setzte er so langsam einen Fuß vor den anderen, als könnte er dadurch unbemerkt bleiben. Dabei spielte er die Hauptrolle in Saal 1116.

Ein Klassiker der Boulevardpresse

Sein Fall ist inzwischen ein Klassiker in der deutschen und amerikanischen Boulevardpresse. Passiert ist die Geschichte bereits am 27. März. Arzberger, 42, ist einer der besten Geiger Deutschlands und spielt im Leipziger Streichquartett. Die Musiker sind auf der ganzen Welt gefragt. Nach einem Konzert in Washington sollte das Quartett in New York auftreten. Den Abend zuvor nahm Arzberger ein paar Drinks in diversen Bars. In einer lernte er eine Frau kennen. Zu zweit gingen die beiden in Arzbergers Hotel nahe dem Central Park. Was dann geschah, ist nun Gegenstand eines bizarren Strafverfahrens - und es bescherte Arzberger den größten Albtraum seines Lebens.

Die Frau, so stellte sich später heraus, war eine transsexuelle Prostituierte. Arzberger vermutet, dass sie ihm etwas ins Glas gemischt hatte, denn seine Erinnerungen an jene Nacht sind bruchstückhaft. Ein Überwachungsvideo zeigt, wie die Prostituierte nach 40 Minuten Arzbergers Hotelzimmer mit seinem iPad unterm Arm verließ. Wenig später stürmte der Musiker auf den Flur. Nackt und offensichtlich völlig von Sinnen. Er klopfte wahllos an verschiedene Türen, bis ihm eine 64-Jährige aus North Carolina öffnete. Nach ihrer Aussage stürzte sich der Geiger auf sie und würgte sie fast bis zur Bewusstlosigkeit. Doch sie konnte noch so laut schreien, dass die Hotelangestellten es hörten und die Polizei alarmierten. Ärzte stellten später Würgemale am Hals des Opfers fest.

Drogentests weisen keine K.-o.-Tropfen nach

Wenn man Arzberger beobachtet, kann man sich das alles schwer vorstellen. Er ist ein ruhiger, großer, gut aussehender Mann. Vorstrafen - keine. 30 Stunden saß er im Gefängnis. Danach wurde er gegen 100.000 Dollar Kaution auf freien Fuß gesetzt. Jetzt erwartet ihn ein Prozess wegen Körperverletzung und versuchten Mordes. Bis auf Weiteres darf er die USA nicht verlassen. Arzberger versucht indes zu beweisen, dass er kein Verbrecher ist, sondern selbst Opfer eines Verbrechens wurde. Ein psychiatrisches Gutachten soll belegen, dass er nicht zu Gewalt neigt und nur ausgerastet ist, weil er unter dem Einfluss von K.-o.-Tropfen stand. Bei den Drogentests allerdings konnten keine Spuren der in solchen Fällen typischen Substanzen in seinem Blut nachgewiesen werden.

Gestern vor Gericht nun gab es einen ersten Erfolg zu vermelden. Vor einigen Tagen bereits konnten Arzbergers Verteidiger die transsexuelle Prostituierte ausfindig machen, die den Musiker in jener Nacht aufs Zimmer begleitete. "Wir sind den Spuren der Kreditkarten nachgegangen, die sie unserem Mandanten gestohlen hat", so Richard Levitt, einer der Anwälte. Die Prostituierte wurde inzwischen von der Polizei festgenommen und ausführlich vernommen. Bei der gestrigen Anhörung ging es unter anderem darum, den Verteidigern eine Aufzeichnung dieser Aussage zugänglich zu machen. Von ihr hängt schließlich das Schicksal ihres Mandanten ab. Doch die Staatsanwaltschaft verweigert die Herausgabe des Videos.

Das unbarmherzige amerikanische Justizsystem

Arzbergers Fall ist nicht nur skurril, er zeigt auch wie unbarmherzig das amerikanische Justizsystem funktioniert. Im Vordergrund steht nicht, möglichst schnell die Wahrheit zu finden. Stattdessen stehen sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung wie in einem Wettkampf gegenüber. Jeder versucht dem anderen seine Informationen möglichst lange vorzuenthalten, um der Gegenseite im Prozess nur keinen Vorteil zu verschaffen.

Derweil klagt Arzbergers Opfer bereits vor einem Zivilgericht auf Schmerzensgeld. Doch welche Summe die 64-Jährige und ihre Anwälte dabei im Kopf haben, ist noch unbekannt. Es wird aller Wahrscheinlichkeit ein astronomischer Betrag sein. Wie hoch genau, hängt auch vom Fortgang des Strafverfahrens ab. Befeuert wird der Fall unterdessen von der konservativen amerikanischen Boulevardpresse, die nur wenig Mitleid mit Arzberger zeigt. Nicht nur, weil er die Frau verletzte, sondern weil er verheiratet ist und damit auch noch als Ehebrecher dasteht.

Arzberger verkauft Geige, um Anwälte zu bezahlen

Bei Gericht machte der 42-Jährige gestern einen niedergeschlagenen Eindruck. Die Einsamkeit in New York setzt ihm zu. "Es fällt mir schwer, alles zu verstehen, was da um mich herum passiert", sagte er. "Und das Schlimmste ist, dass ich nicht arbeiten kann." Das Leipziger Streichquartett hat inzwischen einen Ersatzmann engagiert. Aber nur mit mäßigem Erfolg. Die ersten Konzertveranstalter haben die Auftritte schon storniert, weil sie dem Publikum Arzberger versprochen haben. Für den Musiker kommt die enorme finanzielle Belastung hinzu. Er will jetzt seine italienische "Lavazza"-Geige aus dem Jahr 1725 verkaufen, um seine Anwälte bezahlen zu können.

In Leipzig unterstützen ihn die Kollegen vom Gewandhaus-Orchester. Freunde haben im Internet zu Spenden aufgerufen und bereits 25.000 Euro gesammelt. Auch seine Frau hält zu ihm und besucht ihren Mann regelmäßig in New York. So wie es aussieht, wird sie noch oft kommen müssen. Die nächste Anhörung hat der Vorsitzende Ronald Zweibel für Mitte August festgesetzt. Zweibel ist berüchtigt dafür, dass er Prozesse ewig hinzieht. Auf den Fluren des Gerichts erzählt man sich, dass es in ganz New York keinen Richter gibt, der sich mehr Zeit lässt. Zudem gilt er als Freund der Anklage. In einem Forum, wo Prozessbeteiligte Juristen bewerten, heißt es: "Die sadistischen Staatsanwälte lieben ihn, weil seine Urteile so maßlos sind."

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