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Zehn Jahre Mordfall Kercher: Amanda Knox - der "Engel mit den Eisaugen" will Normalität

Zehn Jahre sind seit dem rätselhaften Mordfall Meredith Kercher vergangen. Amanda Knox, als "Engel mit den Eisaugen" einst Hauptverdächtige, strebt Normalität an - und spricht gar von einer Rückkehr nach Italien.

Amanda Knox im Gericht von Perugia - Zehn Jahre nach dem Mord will der Engel mit den Eisaugen Normalität

Amanda Knox am 24.9.2011 im Gericht von Perugia: Es waren Blicke wie dieser, die den "Engel mit den Eisaugen" für viele verdächtig machten.

Das gewöhnliche Haus im Grünen in einer hübschen italienischen Universitätsstadt ist immer noch Anziehungspunkt für Sensationslustige: Hier in Perugia wohnten die britische Austauschstudentin Meredith Kercher und die US-Studentin Amanda Knox. Kercher wurde in der Nacht vom 1. auf den 2. November vor zehn Jahren vergewaltigt und halb nackt mit durchschnittener Kehle gefunden. Knox wurde für den Mord vier Jahre in ein italienisches Gefängnis gesperrt. Nach einem acht Jahre langen Justizdrama unter maximaler Weltöffentlichkeit wurde die inzwischen 30-Jährige 2015 endgültig freigesprochen. Bis heute ist nicht geklärt, wer Kercher umgebracht hat.

Knox, wegen ihres Aussehens "Engel mit den Eisaugen" genannt, war von Anfang an im Zentrum des Interesses. Zehn Jahre später hat sie einen Weg gewählt, der nicht ohne Fallen ist: Den der größtmöglichen Öffentlichkeit. Die Geschichte von ihrer ungerechtfertigten Verurteilung soll überall gehört werden. Sie engagiert sich nicht nur für Opfer von Justizirrtümern, gibt Interviews und hat ein Buch und eine Doku über ihr Schicksal veröffentlicht. In Sozialen Netzwerken postet sie zudem massenhaft private Fotos von sich, ihrem Freund Christopher Robinson und ihren Katzen. Man sieht Knox als Rotkäppchen verkleidet im Schwarzwald, Knox im Zoo und Knox beim Essen und Lesen.


Privatleben inszeniert auf Instagram

Wie passt das zusammen, wenn jemand jahrelang der Sensationsgier der Öffentlichkeit ausgesetzt war und dies auch immer wieder angeprangert hat und sein Privatleben nun für jeden sichtbar in Szene setzt? Sie wolle endlich wieder ein Leben wie jeder andere Mensch auch leben, sagte Knox, die wieder in den USA wohnt, dem Magazin "People". "Langsam kann ich wieder zum Rest der Menschheit gehören, weil ich nicht mehr gejagt werde." Sie hätte nach dem Mord auch verschwinden können, "und niemand hätte mehr von Amanda Knox erfahren", sagte sie. "Aber ich denke, das ist der falsche Weg."

Mit ihrem Freund, einem Schriftsteller, wohnt Knox in Seattle und arbeitet als Journalistin, als die sie sich auf ihrer Homepage zeigt. Sie freue sich darauf, mit ihm ein Baby zu haben, erzählte sie. Hinter Gittern hätte sie diesen Wunsch fast aufgegeben. In einem anderen Interview sagte sie, dass sie auch Todesdrohungen bekommen würde. Sie könne nichts daran ändern, wenn Menschen sie für eine "Femme fatale" halten würden.

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Inhaftierter Rudy Guede hält sich für Sündenbock

Aber auch wenn sich das Scheinwerferlicht vor allem auf Knox konzentriert hat: An der Geschichte sind viele Personen beteiligt, die mit dem Fall auch zehn Jahre danach noch nicht abgeschlossen haben. Raffaele Sollecito, der damalige Freund von Knox, wurde zusammen mit ihr verurteilt und freigesprochen. Er kämpft in Italien immer noch um Entschädigung und seinen Ruf. Es bleibe eine "offene Wunde, die sich wahrscheinlich nie schließen wird", sagte zuletzt sein Vater Francesco Sollecito der Nachrichtenagentur Ansa.

Und dann ist da Rudy Guede, der einzige, der wegen des Mordes noch in Haft sitzt. Am Tatort wurden seine DNA-Spuren gefunden, später wurde der Ivorer in Deutschland festgenommen und sitzt mittlerweile in Viterbo bei Rom eine 16 Jahre lange Gefängnisstrafe ab. Er hält sich für den Sündenbock. Eine Revision lehnte ein Gericht jedoch dieses Jahr endgültig ab.

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Amanda Knox in Perugia nicht willkommen

In Perugia wurde das Haus, in dem der Mord passierte, mittlerweile verkauft. Die Menschen sind froh, dass ihre Stadt aus dem Scheinwerferlicht verschwunden ist. Der zuletzt von Knox geäußerte Wunsch, eines Tages in die Stadt in Umbrien zurückzukehren, um das Kapitel endgültig zu schließen, kam in Italien allerdings nicht gut an. Auch nicht bei der Familie des Opfers: "Die Tat hat starke Spuren in Perugia hinterlassen. Spuren, die immer noch nicht verschwunden sind", sagte der Familienanwalt Francesco Maresca, "deshalb wäre eine Rückkehr von Amanda Knox unangemessen."


dho/Annette Reuther und Barbara Munker / DPA