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Geheimoperation Artemis: Es war die größte Kinderporno-Site der Welt - und die Polizei steckte dahinter

Fast ein ganzes Jahr lang betrieb die Task Force Argos eine Kinderporno-Website. Die australische Sondereinheit sah zu, wie Kinder vergewaltigt werden. Mehr noch: Sie verbreitete selbst pornografisches Material, enttarnte damit allerdings mehrere Produzenten und Konsumenten. Geschichte einer Operation im Darknet.

Im Kampf gegen Kinderpornografie führte die australische Polizei eine verdeckte Operation durch

Im Kampf gegen Kinderpornografie führte die australische Polizei eine verdeckte Operation durch. In ihrem verlauf wurden Benjamin Faulkner (l.) und Patrick Falte (r.) festgenommen und zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Am 15. April 2016 erblickte im Darknet eine neue Seite das Licht der Welt: "Childs Play". Was sich unter dem perfiden Titel verbarg, war eine Kinderpornografie-Seite. Mit einem einzigen Ziel: Kinderpornografie zu verbreiten und zu konsumieren. Schnell stieg der Newcomer zu einer der größten Plattformen seiner Art auf. Mehr als 1.000.000 Profile wurden angelegt. 

Der Betreiber der Website operierte unter dem ominösen Pseudonym WarHead. In der Anonymität des Darknets wähnte er seine Identität sicher verborgen. Doch wie so vieles in den Tiefen der digitalen Unterwelt war auch diese Annahme trügerisch. Im Herbst 2016 machte sich nämlich Einar Otto Stangvik auf die Suche nach der Person hinter dem Nickname. Nach vielen gescheiterten Versuchen fand der Computerexperte der norwegischen Zeitung "Verdens Gang" schließlich das, wonach er suchte: eine Schwachstelle in der Software hinter der Website. Man brauchte lediglich die richtige Frage zu stellen und schon spuckte das System die entsprechende IP-Adresse heraus.

Und Stangvik stellte die richtige Frage. Der Server antwortete und gab seinen Besitzer preis: Das Web-Hosting-Unternehmen "Digital Pacific" mit Sitz in . Ein sensationeller Erfolg. 

Die große Überraschung

Doch der Anbieter eines Web-Hosting-Services haftet nicht für die Inhalte, die über seine Server laufen. Er stellt lediglich den Raum dafür bereit. Die Betreiber von "Childs Play" waren immer noch nicht gefunden. Nun wusste die Zeitung "Verdens Gang" immerhin, wo sich ihr Server befindet.

Das Blatt konfrontierte "Digital Pacific" mit ihrer Entdeckung. Firmenchef Andrew Koloadin reagierte schockiert und versprach alles in seiner Macht stehende zu tun, um die Betreiber der Kinderporno-Seite zu finden, wie die norwegische Zeitung nun in einem ausführlichen Bericht bekannt gegeben hat.

Koladin hielt Wort. Ein paar Tastenschläge später hatten die Journalisten die Antwort: Der Server, über den "Childs Play" betrieben wurde, wurde von der Task Force Argos in Brisbane angemietet, einer Sondereinheit der australischen Polizei, die sich auf die Jagd nach Pädophilen spezialisiert hat.

"Um unser Ziel zu erreichen, werden wir alles tun"

Es stellte sich heraus: Seit Oktober 2016 lief unter dem Decknamen Artemis eine Geheimoperation. Die Task Force Argos, das U.S. Department of Homeland Security, die in Kanada und Europa arbeiteten an einem Ziel: Die Betreiber von "Childs Play", die Kinderpornografie-Produzenten und die Sexualstraftäter zu identifizieren und zur Verantwortung zu ziehen. Dazu infiltrierten die Behörden die Website und übernahmen die Kontrolle darüber.

Dass jemand diesen Coup bemerken würde - damit rechneten sie nicht. Und so waren die Beamten der Task Force Argos nicht wenig überrascht, als die Journalisten der "Verdens Gang" sie im australischen aufsuchten und nach einer Erklärung verlangten.

"Wir haben ein Ziel: den sexuellen Missbrauch von Kindern zu stoppen", zitiert das norwegische Blatt nun aus dem Gespräch mit den Ermittlern. "Um unser Ziel zu erreichen, werden wir alles tun, was innerhalb der Gesetzgebung nur möglich ist", erklärte Jonathan Rouse, Leiter der Sondereinheit, den Reportern.

Deal mit Task Force Argo

Und das australische Recht räumt den Behörden weitgehende Möglichkeiten ein, auch das Verbreiten von kinderpornografischen Inhalten. Und genau das taten die Ermittler der Task Force Argo, seit sie die Kontrolle über "Childs Play" übernommen hatten.

Um die laufende Operation nicht zu gefährden, trafen die Sondereinheit und die Journalisten schließlich eine Vereinbarung: Die "Verdens Gang" hält ihre Enthüllung zurück und bekommt dafür Einsicht in die Ermittlungsarbeit. Auf diese Weise konnte die Task Force Argo ihre Arbeit weitere sieben Monate im Verborgenen fortsetzten. Und "Verdens Gang" kann nun erzählen, wie es zu der Infiltrierung kam.

Ein vielversprechender Hinweis

Demnach sei die australische Polizei im Mai 2016 von einer europäischen Schwesternbehörde kontaktiert worden. Man habe einen Moderator der Kinderporno-Website "The Giftbox Exchange" verhaftet. Ob die Task Force Argo daran interessiert wäre, seinen Account zu übernehmen und unter seinem Pseudonym zu ermitteln? Die Task Force Argo war interessiert.

Doch der Verhaftete war lediglich ein Moderator, nicht der Betreiber. Und so konnten die Ermittler zwar das Treiben auf der Website überwachen, jedoch nicht die Plattform kontrollieren. Während die Ermittler auf der Suche nach Wegen waren, "The Giftbox Exchange" zu übernehmen, tauchte "Childs Play" auf. 

Da erreichte ein Hinweis eines fremden Geheimdienstes die australische Sondereinheit: Bei dem Betreiber von "The Giftbox Exchange" und "Childs Play" könnte es sich um ein und dieselbe Person handeln. Allem Anschein nach ein US-Amerikaner.

Die Spur des Geldes

In vielen Fällen der Internetkriminalität ist die Spur des Geldes die entscheidende. Auch wenn auf Kinderpornografie-Websites nur wenig Geld im Umlauf ist, so kostet das Anmieten eines Servers dennoch Geld. Im Fall von "The Giftbox Exchange" erfolgte die Zahlung mittels der digitalen Währung Bitcoin. Und so machte sich die amerikanische Homeland Security auf die Suche nach demjenigen, der hinter der Zahlung steckte. 

Es war einfacher als gedacht. Denn Crazymonk hatte den Fehler begangen, sich bei Bitcoin mit seiner persönlichen Email-Adresse zu registrieren. Die Spur führte zu einem 27-jährigen Mann aus Tennessee: Patrick Falte.

Google sieht alles

Doch er war nur einer von zwei Betreibern von "The Giftbox Exchange". Der zweite agierte unter dem Pseudonym "CuriousVendetta". Auch er beging einen Fehler, der die Ermittler auf seine Spur führte. Als auf der Kinderporno-Website ein technisches Problem aufgetaucht war, fragte er auf einem Forum um Rat. Die Homeland Security brauchte nur noch zu googeln, um auf ihn zu stoßen. Benjamin Faulkner hieß der Mann, der da das Netz um Hilfe bat. Ein junger Kanadier aus North Bay.

Nun standen die Behörden vor der Herausforderung, die Männer zu verhaften, bevor die beiden alle Beweise vernichten konnten. Sie warteten. Denn sie wussten: Patrick Falte und Benjamin Faulkner kannten sich persönlich und trafen sich auch von Zeit zu Zeit. Die Homeland Security fasste also den Plan: abwarten, bis es wieder zu einem Treffen kommt, um beide gleichzeitig festnehmen zu können. Mittlerweile sind sowohl Falke als auch Faulkner zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt.

Am 30. September 2016 überquerte Benjamin Faulkner die US-Grenze. Auch Patrick Falte machte sich auf den Weg. Beide checkten in ein Hotel in Virginia ein und die Falle schnappte zu. 

Task Force Argos verwandelt sich in "WarHead"

Es dauerte nicht lange bis beide auspackten: Benutzernamen, Passwörter, Verschlüsselungscodes. Insbesondere Benjamin Faulkner war laut den Ermittlern leicht zum Reden zu bringen. "Im Internet geben sie sich alle hart", erzählte Paul Griffiths, führender Ermittler der Task Force Argo, der "Verdens Gang" später. "Aber als ein Polizist die Tür aus den Scharnieren trat und eine Waffe auf ihn richtete, wurde dem Kanadier ganz schnell bewusst, dass er weit weg von Zuhause war". 

Während Faulkner noch vernommen wurde, landeten seine Angaben schon bei der Task Force Argo. Und der Anfangsverdacht bestätigte sich: Er betrieb nicht nur "The Giftbox Exchange", sondern auch "Childs Play", wo er unter dem Nickname "WarHead" auftrat

Die Sondereinheit hatte nun alles, um die Kontrolle über die Websites zu übernehmen. Die Task Force Argos verwandelte sich in "WarHead". Sie transferierten "Childs Play" auf einen Server in Sydney, um nach australischem Recht agieren zu können. 

Heiligt der Zweck die Mittel?

Vier Tage nach seiner Verhaftung kehrte "WarHead" auf "Childs Play" zurück. Nur dass nicht mehr Benjamin Faulkner hinter dem Pseudonym steckte, sondern der Ermittler Paul Griffiths. Die Operation Artemis begann.

Ein Jahr lang überwachte die Behörde die Plattform, identifizierte Nutzer und Täter. Um die Täuschung aufrecht zu erhalten, verbreitete die Polizei selbst Kinderpornografie. Die Behörde sah zu, wie Verbrechen geschehen und Kinder vergewaltigt werden - mit dem Ziel, so viele Täter zu fassen wie möglich. Doch nun wird die Frage laut, ob der Zweck alle Mittel heiligt.

In der Zeit, in der "Childs Play" von der australischen Polizei betrieben wurde, stieg die Plattform zur größten Kinderporno-Website der Welt auf. Im Januar 2017 liefen über die Seite 427.000 Konten. Bis September desselben Jahres waren es mehr als eine Million.

Nur zwei Wochen, nachdem die Task Force One, die Kontrolle übernommen hatte, veröffentlichte ein User auf "Childs Play" Bilder einer Vergewaltigung eines achtjährigen Mädchens. Bis August dieses Jahres wurde der Post 770.617 Mal angesehen - und die Polizei sah zu.

Lebenslange Strafen für Faulkner und Falte

Am 13. September 2017 wurde "Childs Play" schließlich vom Netz genommen. Griffiths hat nun eine Liste mit 60 bis 90 Namen, die seine primären Ziele sind. Laut der "Verdens Gang" haben die Behörden eines anderen Landes 900 Personen im Visier. Die kanadische Polizei gab an, ein Dutzend Kinder identifiziert und gerettet zu haben. Die Task Force Argos selbst will keine Zahlen nennen.

Und so bleibt es vorerst im Dunkeln, wie viele Täter durch die Operation Artemis verhaftet werden konnten oder noch verhaftet werden. Als das FBI 2015 eine ähnliche Operation durchführte, konnten nach Angaben der US-Behörde 870 Personen festgenommen und 259 Kinder gerettet werden.

Patrick Falte und Benjamin Faulkner mussten am 15. September vor ein Gericht in Richmond, Virginia, treten. Beide werden das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen. Sie wurden wegen Kindesmissbrauch und Betreiben eine Kinderpornografie-Seite zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

ivi
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