HOME

Geplante Exekution von Teresa Lewis: Der gnadenlose Staat

Sie sitzt seit 2003 in einer Todeszelle. Am Donnerstag soll Teresa Lewis durch eine Giftspritze sterben. Die geplante Exekution wirft ein Schlaglicht auf die umstrittene Hinrichtungspraxis der USA.

Von David Weyand

Steak, Hamburger oder Scampis - ihr letztes Mahl dürfen sie frei wählen. Auch ein Gebet steht ihnen noch zu. Nach Jahren, manchmal erst nach Jahrzehnten ist dann aber für Todeskandidaten im US-Bundesstaat Virginia die Zeit der Hoffnung endgültig vorbei. In einer sterilen Kammer werden Arme und Beine mit Gurten auf einer Liege fixiert. Anschließend mischt der "Henker" durch eine zuvor in die Vene geschobene Kanüle den giftigen Cocktail ins Blut. Läuft alles nach Plan, wird der Verurteilte erst bewusstlos, bevor der Atem aussetzt und schließlich der Herzstillstand folgt. Fünf Minuten dauert es, bis das Leben erlischt. Geht etwas schief, kann es auch sein, dass der Todgeweihte sein Bewusstsein wieder erlangt und qualvoll miterleben muss, wie die Medikamente seine Atmung lähmen. Der Todeskampf kann Minuten dauern. In Florida musste ein Delinquent 2006 sogar über 30 Minuten leiden, bevor er starb.

Auch der 41-jährigen Amerikanerin Teresa Lewis droht jetzt ein solches Schicksal. Seit 2003 sitzt sie im Todestrakt des Hochsicherheitsgefängnisses von Greensville im US-Bundesstaat Virginia. Am kommenden Donnerstag um 21 Uhr (24. September 03.00 Uhr MESZ) soll sie mit einer Giftspritze getötet werden.

Lewis hatte zugegeben, 2002 zwei Komplizen angeheuert zu haben, um ihren Mann und ihren Stiefsohn zu ermorden. Dann habe sie tatenlos in der Küche gesessen, während die tödlichen Schüssen fielen und ihr Mann langsam verblutete. Das Urteil ist äußerst umstritten, da Lewis nur über einen sehr geringen IQ verfügt. Nach Ansicht ihrer Anwälte grenzt ihr Geisteszustand an eine Behinderung, was ein Todesurteil ausschließen müsste. Zudem wird bemängelt, dass die Komplizen, die die Tat letztlich ausführten, mit lebenslangen Haftstrafen davongekommen sind. Doch am Freitag lehnte Virginias Gouverneur, Bob McDonnell,ein Gnadengesuch von Lewis Anwälten ab.

Lewis wäre die erste Frau in Virginia seit 98 Jahren, an der die Todesstrafe exekutiert werden würde. Und die zwölfte Frau, die seit der Wiederaufnahme der Todesstrafe in den USA im Jahr 1976 hingerichtet werden würde. Insgesamt starben seitdem 1226 Menschen, davon 1052 durch eine Giftspritze. Aber auch auf dem elektrischen Stuhl, durch den Strang oder durch ein Erschießungskommando wurden bereits Todesurteile vollstreckt.

Viele Verurteilte zu Unrecht in Todeszelle

Es gibt in den USA keine eindeutige Gesetzeslage, wann eine Person zum Tode verurteilt werden muss. Verhängt werden kann diese Strafe nur für Mord in Verbindung mit anderen Schwerverbrechen wie Raub oder Vergewaltigung. Manche Staaten verhängen sie aber auch für Landesverrat, Drogendelikte oder Sexualstraftaten, wenn diese zum Tode eines Menschen geführt haben. Über das tatsächliche Strafmaß entscheidet eine Jury. "Für die gleiche Tat bekommen Täter in den USA aber nicht immer auch die gleiche Strafe", sagt Sumit Bhattacharyya, der USA-Experte von Amnesty International Deutschland. Auffällig sei auch, dass in Todestrakten fast nur Menschen sitzen, die einen Pflichtverteidiger hatten. Straftäter mit Wahlverteidigern kämen meist mit milderen Strafen davon. Das Rechtssystem fälle an der Stelle keine konsistenten und verwertbaren Urteile, sagt er.

Und in manchen Fällen wurde etwa durch DNA-Test nachgewiesen, dass die vermeintlichen Täter seit Jahren unschuldig im Knast saßen. 130 Verurteilte wurden deshalb von 1973 bis 2009 wieder freigelassen. Anzunehmen ist also, dass in der Vergangenheit viele Menschen auch zu Unrecht hingerichtet wurden. Eine furchtbare Vorstellung. Abgesehen von den juristischen Fragen, kritisiert Bhattacharyya deshalb die Todesstrafe an sich: "Das ist eine grausame Strafe und spricht gegen jegliche Menschenrechte". Offenbar sehen das auch immer mehr Amerikaner so. Studien besagen, dass die Zustimmung zur Todesstrafe seit ein paar Jahren kontinuierlich sinkt. Dennoch: Von den 50 Bundesstaaten der USA haben 35 die Todesstrafe in ihren Strafgesetzbüchern stehen, 33 von ihnen haben solche Urteile bereits vollstreckt. Anfang 2010 saßen insgesamt 3261 Menschen in amerikanischen Todeszellen, unter ihnen etwa 50 Frauen. Die meisten Vollstreckungen gibt es in Texas, dann folgt Virginia.

USA schlechtes Vorbild

Ein starkes Argument der Gegner sind auch die hohen Kosten. Wegen langer und aufwändiger Verfahren, teurer Anwälte und den extremen Sicherheitsmaßnahmen kostet die Vollstreckung eines Todesurteils bis zu zehnmal so viel wie eine lebenslange Haftstrafe. New Jersey hat auch aus diesem Grund 2007 die Todesstrafe abgeschafft, genauso wie New Mexico 2009. Nevada könnte in nächster Zeit folgen, hofft Sumit Bhattacharyya. Fakt ist jedenfalls, dass die Zahl der zum Tode Verurteilten zurück geht. Bereits zum siebten Mal in Folge wurden 2009 mit 106 Personen weniger Menschen verurteilt als noch im Jahr zuvor. 52 Vollstreckungen gab es im Jahr 2009, etwa die Hälfte weniger als noch zehn Jahre zuvor.

Solange diese Praxis aber fortgesetzt wird, "haben die USA eine ganz schlechte Vorbildfunktion für andere Staaten", sagt Bhattacharyya. Dies schwäche auch ihre eigene Position, wenn sie Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern kritisierten, wie beispielsweise im Falle der von Steinigung bedrohten Iranerin Sakineh Ashtiani. Weltweit wenden noch 58 andere Staaten die Todesstrafe an, darunter auch Japan, der Iran und China. 2001 Mal wurde sie 2009 vollstreckt. Allerdings fehlen Daten aus China. Experten schätzen, dass alleine hier über 1000 Menschen derart sterben.

Obwohl es in den USA immer mehr Bestrebungen und Anzeichen dafür gibt, die Todesstrafen abzuschaffen, wird es mit Sicherheit noch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, damit Menschen wie Teresa Lewis nicht mehr der qualvolle Tod durch eine Giftspritze droht.