Frostiges Ostsee-Spektakel Ein Ehrenamt wie im 19. Jahrhundert

Der Sonnenaufgang an der dänischen Wieck
Der Sonnenaufgang an der dänischen Wieck entschädigt für die frühe Stunde und gefrorene Nasen
© Christine Leitner / stern
Wenn es kalt wird, beginnt die Zeit der Eisbeobachter. Was machen die und warum? Unsere Autorin hat sich mit einem ans Meer gestellt – damit Sie es nicht müssen.

Morgens ist die Welt noch in Ordnung. Denkste, denke ich, während ich Stift und Block mit meinen Eisklötzen von Händen umklammere. Es ist 7.15 Uhr. Die Wetterapp meines Smartphones meldet minus acht Grad. Der Wind beißt in Wangen und Finger, während die Füße Halt auf dem vereisten Boden suchen.

Ich stehe am Hafen von Greifswald, den gefrorenen Fluss Ryck im Blick und das Café Eiszeit im Rücken, als meine Verabredung in ihrem Auto heranrollt: Heino Förste, Freund frostiger Vergnügen, mit einem Blick für Details im Unspektakulären. Förste ist ehrenamtlicher Eisbeobachter. Seit 15 Jahren schaut er dem Greifswalder Bodden beim Frieren zu und gibt seine Beobachtungen an das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie weiter. Im 21. Jahrhundert gibt es für alle Wettereventualitäten Satelliten und Modelle. Aber hier müssen Menschen hier noch hinausgehen, um Eis zu beobachten?

Heino Förste ist ehrenamtlicher Eisbeobachter für das BSH
Schon als Kind führte Heino Förste ein Wettertagebuch. Seit 15 Jahren schaut er Ryck und dänischer Wieck beim Zufrieren zu. Die Daten schickt der ehrenamtliche Eisbeobachter anschließend an das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrologie (BSH)
© Christine Leitner / stern

"Ich weiß nicht, was Sie sich vorstellen, diese Beobachtung ist nichts Aufregendes", hatte Förste mich eine Woche zuvor telefonisch gewarnt. Im beheizten Großraumbüro musste ich darüber schmunzeln – am windumtosten, aalglatten Kai nicht mehr.

Was die Farbe über das Eis verrät

In der Dämmerung rutschen wir über eine vollständig vereiste Slipanlage auf den Ryck. Während ich mich noch an dem Traum von Eislauffläche weide, hat Förste mit einem Blick alles gesehen, was er sehen muss: dass im Hafenbecken Niedrigwasser herrscht und man die Eisfläche mehr oder weniger bedenkenlos betreten kann. "Weiß-graues Eis mit leicht beschneiter Oberfläche, dürften mindestens 15 Zentimeter sein", schätzt er. Weil der Frost schon seit Tagen anhält, könnte das Eis vielleicht sogar 20 bis 30 Zentimeter dick sein. Aber das ist unerheblich. Dass Boote hier nicht fahren können, erkennt auch, wer Eisfarben nicht zu deuten weiß.

Da türmten sich die Eisberge auf der Ostsee, sodass sie über die Mole rutschten

Früher mussten die Eisbeobachter für diese Informationen Löcher bohren. Heute reicht ein Abgleich mit den Eiscodes. Die durchsichtige Eisschicht, klärt Förste mich direkt auf, heißt im Fachjargon dunkler Nilas und misst bis zu fünf Zentimeter. Darunter friert das Wasser dann Richtung Grund weiter bis maximal 50 Zentimeter, erzählt der Eisexperte auf dem Weg zur zweiten Beobachtungsstation.

Durch die niedrigen Temperaturen ist der Ryck knapp vor der Mündung vollständig gefroren
Die Ryck mündet bei Greifswald in die dänische Wiek. Durch die niedrigen Temperaturen ist der Fluss knapp vor der Mündung vollständig gefroren. Weißes und graues Eis bedeutet: Die Schicht ist mindestens 15 Zentimeter dick – wenn nicht sogar mehr
© Christine Leitner / stern

Die paar Hundert Meter Richtung Mole Wiek fährt Förste mit dem Auto. Eine willkommene Gelegenheit, um meinen Kugelschreiber wiederzubeleben. Die Tinte ist in den paar Minuten auf dem Ryck offenbar kristallisiert. Unterdessen redet der Eisbeobachter mit dem ruhigen, freundlichen Wesen ununterbrochen weiter: von seiner Eisbeobachtungsrunde am Vortag bei knackigen minus zwölf Grad – was nichts sei im Vergleich zum Jahrhundertwinter 1978/79. Von den ähnlich frostigen Bedingungen 95/96 und 2010. Oder 2012, als der historische Tiefstwert von minus 28,7 Grad in Ueckermünde gemessen wurde. "Da türmten sich die Eisberge auf der Ostsee, sodass sie über die Mole rutschten."

Blick auf die dänische Wiek: Am Ufer haben sich kleine weiße Eiswürfel aufgetürmt
Blick auf die dänische Wiek: Am Ufer haben sich kleine weiße Eiswürfel aufgetürmt
© Christine Leitner / stern

Leidenschaft und Beruf könnten bei Förste nicht weiter auseinander liegen: Zu DDR-Zeiten arbeitete er als Maschinist für Kernkraftwerke, heute verkauft er Autos. Dabei hätte er mit Wetter- und Meereskunde durchaus sein Geld verdienen können. Schon als Kind führte Förste ein Wettertagebuch. Den nötigen Notenschnitt für die Polytechnische Oberschule und damit fürs Abitur verfehlte er knapp. Damit hieß es Lehre statt Studium. Doch Eis und Wetter sind bis heute seine Leidenschaft.

An der Mole angekommen, blicken wir auf den fast vollständig grau-weiß gefrorenen Greifswalder Bodden. Nur auf einem kleinen Stück zwischen Mündung und Sperrwerk peitscht der Wind Wellen ins Wasser. Am Horizont kündet ein gelber Streifen vom bevorstehenden Sonnenaufgang. Ein Blick, und wir haben wieder alles gesehen. Weiter geht es über den Deich zum dritten und letzten Beobachtungspunkt an der Dänischen Wiek.

Ein Puzzle für Orts- und Wetterkenner

In Rostock sitzt Jürgen Holfort, grau melierte Haare und gleichfarbiger Fleecepullover, bereits am Schreibtisch und tippt "noch kurz" den aktuellen Eisbericht für die Nordsee zu Ende. Den Wandschrank seines Büros hat der Leiter des Eisdienstes am BSH mit Bildern von einer seiner Polarexpeditionen tapeziert. Plakate mit Globen, Eisbergen und Walen zieren die Wände. Dazwischen hängt der Geruch von Linoleum.

Am BSH in Rostock leitet Jürgen Holfort den Eisdienst
Am BSH in Rostock leitet Jürgen Holfort den Eisdienst. Hier zeichnen er und seine Kollegen mithilfe der Berichte ihrer Eisbeobachter und von Satelliten Eiskarten für die Schifffahrt
© Christine Leitner / stern

Holfort ist derjenige, der Förstes Beobachtungen auf Papier bringt – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber zunächst führt er mich durch ein Dickicht aus Satellitenbildern, Beschreibungen und Wettermodellen, anhand derer er auf einem Spezialcomputer die Eiskarten für die deutschen Küstenregionen zeichnet – eine Puzzlearbeit. "Wir malen die wirklich noch per Hand, aber nicht, weil wir altmodisch sind", versichert er. Seit 20 Jahren, so schätzt der Eisdienstleiter, sei man bemüht, die Malerei zu automatisieren. Doch bis heute liefern die Satellitenbilder dafür nicht genügend Material. 

Auf ihrer Umlaufbahn lichten die Trabanten die Ostsee nur lückenhaft ab. Wolken und nächtliche Dunkelheit vernebeln je nach Wetterlage zusätzlich die Sicht. Und manchmal können die Satelliten das Eis nicht vom Meerwasser unterscheiden, vor allem nicht, wenn das Eis noch jung und dünn und die See ruhig ist.

Wer durchs Eis fährt, sollte lieber aus dem Fenster schauen

Und genau an dieser Stelle kommen Dutzende ehrenamtliche Eisbeobachter wie Heino Förste in Spiel: Mit ihren Schilderungen von rund hundert Kontrollstellen an Nord- und Ostsee sowie Wetterprognosen vom Deutschen Wetterdienst kann Holfort die Satellitenbilder prüfen. "Einiges ist wirklich Interpretation", sagt er und deutet dabei auf weiße Schlieren auf einem schwarz-weißen Satellitenbild. Als Ortskundiger weiß er, welche Stellen windgeschützt sind und wo die Bedingungen für das Eis auf dem Meer optimal sind und wo weniger. Allerdings verrät das immer noch nichts über die Eisdicke, die für Schifffahrt von Bedeutung ist.

Mithilfe der Informationen, die Eisbeobachter Förste und andere nach Rostock schicken, zeichnen Holfort vormittags die Eiskarten. Ob ihm dabei schon mal eine Panne passiert sei? Holfort lacht: "Bestimmt! Aber wer durchs Eis fährt, sollte lieber aus dem Fenster schauen. Die Eiskarte gib nur einen groben Überblick darüber, welche Routen befahrbar sind." Manchmal kämen noch Informationen von Schiffen und Verkehrszentralen an – aber eben nicht immer. "Fehlen Daten, dann müssen wir die Karten vom Vortag nehmen und hoffen, dass sich das Eis nicht zu stark verschoben hat."

Die Eiskarten werden digital, aber händisch gezeichnet
Die Eiskarten werden digital, aber händisch gezeichnet
© Christine Leitner / stern

Ungefähr zwei Stunden ist der Eisdienstleiter jeden Tag mit Zeichnen beschäftigt – wenn die Daten gut sind. Künftig könnte es länger dauern, weil Eisbeobachter fehlen. "Es gibt halt nicht mehr so viele Leute, die sich darauf einlassen." Vor der Wende sei das noch anders gewesen, weil die Menschen in den DDR-Gebieten zum Eisbeobachten verpflichtet wurden.

Morgenstund hat Eis mit Gold im Mund

Heute lockt diese Aufgabe nur noch Menschen mit Leidenschaft. Menschen wie Heino Förste. "Manche suhlen sich ja regelrecht in ihren aktivistischen Ehrenämtern. Das ist nicht so meins. Meins ist die Stille." Obwohl es eiskalt ist, wirkt der Greifswalder sehr zufrieden. Ob es an der Natur liegt? Eine Untersuchung von Forschern der Concordia-Universität in Edmonton hat kürzlich ergeben, dass gezielte Naturbeobachtungen die Lebenszufriedenheit überdurchschnittlich steigern können. Vielleicht wäre das etwas, womit Jürgen Holfort werben könnte.

Zum Abschluss will ich von Förste wissen, wie er den Klimawandel an der Ostsee wahrnimmt. Die Antwort ist überraschend knapp: "Wir Menschen sollten uns nicht allzu ernst nehmen. So viel können wir auch wieder nicht ausrichten." In dem eisigen Stillleben, wo nur Schilf und Wind rauschen und die Sonne die Schäfchenwolken blutorange tunkt, will man das nur zu gern glauben.

Mit diesem Naturschauspiel werden die Eisbeobachter morgens für frühes Aufstehen und eisige Temperaturen entlohnt
Mit diesem Naturschauspiel werden die Eisbeobachter morgens für frühes Aufstehen und eisige Temperaturen entlohnt
© Christine Leitner / stern

Nach einer halben Stunde hat Förste alles gesehen, was er sehen musste. "Das Schöne ist ja, dass es so unspektakulär ist", sagt er noch mit einem letzten Blick auf das eisige Stillleben, das die Sonne gerade in pures Gold taucht. Dann ist es Zeit für die Arbeit.

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