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Prozess in Gießen: "Die Grenze zur Psychopathin erreicht" – Dreifachmörderin verurteilt

Eine Frau tötet binnen weniger Wochen drei Menschen. Für die Staatsanwaltschaft Gießen ein beispielloser Fall – der beinahe nicht vollständig aufgeklärt worden wäre. Jetzt fiel das Urteil.

Die Angeklagte im Gießener Dreifachmordprozess flankiert von ihren Anwälten

Das Gießener Gericht ist davon überzeugt, dass die 36-Jährige innerhalb weniger Wochen drei Menschen umgebracht hat (Aufnahme vom Prozessbeginn)

DPA

Schwarzer Pullover, hellblauer Hemdkragen, Seitenscheitel: Brav wirkt die Frau, die auf der Anklagebank des Landgerichts sitzt. Doch für die Richter im hessischen Gießen ist sie eine gefährliche "Dreifachmörderin", die binnen fünf Wochen einen 79-Jährigen in und zwei Frauen in Nordrhein-Westfalen aus Habgier getötet hat. Das Gericht verhängte deswegen eine lebenslange Freiheitsstrafe. Zudem erkannte es eine besondere Schwere der Schuld, was eine vorzeitige Haftentlassung ausschließt, und ordnete Sicherungsverwahrung für die Angeklagte aus Aachen an.

Die 36-Jährige zeige sich gefühlskalt, habe "die Grenze zur Psychopathin" erreicht, sei gefährlich und fähig, weitere Taten zu begehen, sagt die Vorsitzende Richterin zur Urteilsbegründung und stützt sich dabei auch auf Aussagen eines Gutachters. Die Angeklagte nimmt die Worte still und äußerlich gefasst entgegen.

"Erdrückende Beweislage" in Gießen

Schweigend hatte sie auch die mehr als 40 Verhandlungstage des Indizienprozesses verfolgt. Das Gericht befragte mehr als 100 Zeugen und mehrere Sachverständige. Nun, ein Jahr nach Prozessbeginn, fasst die Vorsitzende zusammen: "In der Gesamtheit ist die Beweislage erdrückend." Unter anderem habe die Angeklagte kein Alibi und versucht, eines zu konstruieren. Sie habe teils Genspuren hinterlassen, bei Freundinnen verdächtige Andeutungen gemacht – und sei im Besitz von Wertgegenständen zweier ihrer Opfer gewesen.

Die Angeklagte soll im April 2016 zunächst in Gießen ihren früheren Nachbarn, einen 79 Jahre alten Zauberkünstler, in dessen Wohnung ermordet haben, um an Wertgegenstände zu kommen. Sie schlug zur Überzeugung der Richter auf den alten Mann ein und erwürgte ihn. Die Frau soll dann seinen Laptop gestohlen haben. Später legte sie ein Feuer, um die Spuren zu vernichten.

Ähnlich brutal soll sie im folgenden Mai in Düsseldorf eine 86-Jährige überwältigt haben. Die Angeklagte habe die Dame gewählt, weil diese auffälligen Goldschmuck getragen habe, führt die Vorsitzende aus. Die Seniorin wurde geschlagen und mit ihrem eigenen Halstuch erdrosselt. Dann kam ihre 58 Jahre alte Tochter hinzu, auch diese überwältigte die Angeklagte. Zudem, so das Gericht, gab sie der Frau ein Schlafmittel, das sie selbst konsumierte. Die 36-Jährige soll dann von der Frau die Geheimnummern für erpresst haben. Schließlich habe sie ihr Opfer erstickt - und wenig später mit den Karten Geld abgehoben.

Aus Sicht des Gerichts hat die Angeklagte getrieben von einer "äußerst prekären finanziellen Situation" und einer "krisenhaften Zuspitzung der Lebensumstände" getötet. Da war die Trennung von der Freundin, Probleme mit den Eltern, kein Job, der Konsum von Tabletten und eine "erdrückende Schuldenlast", wie die Vorsitzende auflistet. Für die ist dieser Fall "absolut besonders". Es sei ungewöhnlich, dass eine Frau drei Morde begehe. Zudem sei besonders, dass der Tatort teils manipuliert worden sei.

Ermittler räumten Fehler ein

Die Angeklagte inszenierte zur Überzeugung des Gerichts den Düsseldorfer Tatort als Familiendrama. Sie schrieb auf ein Rätselheft den Satz "Tut mir leid, Mama" – und brachte die Düsseldorfer Ermittler damit zunächst auf eine falsche Fährte. Diese nahmen an, dass die 58-Jährige erst ihre Mutter und dann sich selbst getötet hatte. Der Fall galt als erledigt. Die Wendung brachten erst Ermittlungen der Gießener Polizei, die die Angeklagte wegen des Mordes an dem 79-Jährigen im Visier hatte. Bei einer Wohnungsdurchsuchung fanden sie die EC-Karten sowie eine Schmuckschatulle der Düsseldorferinnen.

Für die Angehörigen sei es "sehr belastend" gewesen, dass die Polizei zunächst von einem Familiendrama ausgegangen sei, betont der Nebenklägervertreter. Sie hätten Indizien auf eine Gewalttat vorgetragen, ohne dass man diesen nachgegangen sei. Die Ermittler hatten im Verlauf des Prozesses Fehler eingeräumt.

Nach dem Ende des Prozessessagt der Sohn und Bruder der Düsseldorferinnen im Namen der Familie, "dass das Urteil den Schmerz und die Trauer in keiner Weise lindert". Aber es verringere die "Fassungslosigkeit". Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Carolin Eckenfels/DPA/wue