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Katholischer Orden: Brutale Nonnen unter barmherzigen Schwestern

Die Schweiz erschüttert ein Skandal um missbrauchte und misshandelte Kinder in der Obhut eines katholischen Ordens. Unabhängige Experten legten das ganze furchtbare Ausmaß offen.

Von Thomas Schmoll

Jungen und Mädchen wurden über Jahrzehnte in Schweizer Kinderheimen von Nonnen geprügelt, missbraucht und tyrannisiert

Jungen und Mädchen wurden über Jahrzehnte in Schweizer Kinderheimen von Nonnen geprügelt, missbraucht und tyrannisiert

Kommissionspräsidenten haben allgemein den Ruf, Fachidioten zu sein, die gefühlsarm bis gefühlskalt ihrer Arbeit nachgehen. Nicht so Magnus Küng. Der Schweizer erlaubte es sich kürzlich, öffentlich Emotionen zu zeigen. Der Verkündung der Ergebnisse einer zweijährigen Studie stellte er "etwas ganz Persönliches" voran. Er bekannte: "Ich habe beim Lesen manchmal richtig Herzklopfen bekommen und mir eine Träne aus den Augen gewischt. Ich war oft wütend auf die Menschen, welche solches tun konnten und auf die damalige Gesellschaft, auf die Behörden und auf die Kirche, welche alle einfach weggeschaut haben."

Küng, von Beruf Rechtsanwalt, leitete die unabhängige Expertenkommission, die die ungeheuerlichen Vorgänge in schweizerischen Kinderheimen durchleuchtete, die unter der Leitung des Ordens der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz standen. Die Untersuchung auf Veranlassung der Nonnen bezog sich auf die Zeit zwischen 1928 und 1970. im Fokus stand die Erziehungsanstalt Rathausen nahe Luzern.

"Der Wahrheit ein Stück näher gekommen"

Auslöser ist der 2009 erstmals ausgestrahlte Dokumentarfilm "Das Kinderzuchthaus" von Beat Bieri, der das jahrzehntelang tabuisierte Thema öffentlich machte. Er schaffte es, dass sechs frühere Bewohner des Heimes ihr Schweigen brachen und einen Stein ins Rollen brachte, der die Alpenrepublik schwer erschütterte. Sie berichteten in bewegenden Interviews über sexuellen Missbrauch, Dunkelzellen ohne Bett, prügelnde Nonnen, Schwerstarbeit und sogar Selbstmorde aus Verzweiflung. Nicht alle Aussagen konnte die Kommission verifizieren. Ihr Vorsitzender meint: "Die absolute Wahrheit kann nie erlangt werden, aber wir sind mit diesem Bericht der Wahrheit sicher ein wesentliches Stück näher gekommen."

Das dunkelste Kapitel der Erziehungsanstalt Rathausen dauerte bis Mitte der fünfziger Jahre. Rund 3500 verwaiste, unehelich gezeugte oder in Armut geborene Jungen und Mädchen verbrachten in dem Heim von 1883 bis 1989 ihre Kindheit teils oder vollständig. Wer es verließ, schwieg. Geführt wurde die Anstalt von einem katholischen Priester, der sich auf "göttliches Recht" berief. Die Klosterschwestern übernahmen die Erziehung der Kinder. Eine Weisung der Ordensführung von 1926 lautete so: "Körperliche Strafen sollen stets mit großer Vorsicht gegeben werden. Das Schlagen auf den Kopf, auf den Mund oder auf den Rücken, Reißen an den Ohren und Haaren ist für Ordensschwestern unwürdig." Eine unbekannte Zahl von Nonnen ignorierte die Vorgabe. Sie schikanierten stattdessen ihre Schützlinge in grausamer Weise.

Zeuge spricht von tagtäglichem Missbrauch

"Die institutionelle Schuld der weltlichen und kirchlichen Behörden ist klar belegt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es in den verschiedenen Heimen Täter und Täterinnen gab, welche systematisch den Kindern abscheuliches Leid zufügten", lautet das Fazit der Kommission, die sich darum offenkundig bemühte, weder zu richten noch zu entschuldigen, sondern zu erklären. So versuchte das Gremium, auch die Situation der Nonnen zu erkunden und zu gewichten und die Vorgänge in den Kontext der Zeit zu setzen. Ihre Ausbildung war mangelhaft, Prügel bis weit in die Nachkriegszeit Bestandteil von Erziehung. "Strafexzesse passierten in der Regel nicht systematisch, (...) sondern vielmehr als Notwehr von buchstäblich heillos überforderten Schwestern." Die Kommission stellt Aussage gegen Aussage. Ein Zeitzeuge sagte: "Wir ehemaligen Kinder wurden allnächtlich durch die diensttuende Nachtschwester sexuell missbraucht." Ein ehemaliger Mitbewohner wiederum erklärt: "Das ist alles erlogen, eine reine Schikane." Ein dritter gibt an: "Teilweise habe ich gelöscht. Das ist einfach wie weg."

Das Gutachten beruht auf "55 verwertbaren Stellungnahmen" früherer Heimkinder, darunter 23 ehemalige Zöglinge aus Rathausen. 23 Schwestern wurden befragt, die nur über die Situation der Nachkriegszeit Auskunft geben konnten. Sie sagten demnach aus, "dass sie schlimme Strafen für kindliche Vergehen (...) weder selbst erlebt noch selbst praktiziert haben". Die Kommission spricht von Nonnen, "welche unter misslichsten Verhältnissen Gutes für diese Kinder leisteten". Und: "Auf eine Kurzformel gebracht: Es gab unter den Schwestern Wohltäterinnen, Täterinnen und Opfer." Der "pädagogische Auftrag" habe zwischen drei Ansprüchen gelegen: der religiösen Erziehung, der Qualifizierung für die Arbeitswelt bzw. den Haushalt sowie der Verwahrung der Kinder. "Das konnte - wie in Rathausen - zu einer pädagogisch giftigen Mischung mit krankmachender Überforderung, Vernachlässigung und Gewaltanwendung geraten." Der Erziehungswissenschaftler Anton Strittmatter sagte in einem "persönlichen Schlusswort", er habe Trauer, Wut und Entsetzen über die Täter empfunden, sehe aber auch das Leiden der Nonnen, ihr Gefangensein in unauflöslichen Zwickmühlen, Klagen über Erschöpfungszustände, Nervenzusammenbrüche und ständige Erkrankungen.

"Die Beweislage ist einfach zu dürftig"

Für Suizide aus Verzweiflung fand die Kommission keine Beweise. Im Falle einer Zwölfjährigen allerdings konnte sie nicht ausschließen, dass das Mädchen in Folge von Misshandlungen starb. Jedoch: "Die Beweislage ist einfach zu dürftig." Unabhängig davon komme der - längst verjährte - Straftatbestand der unterlassenen Hilfe in Betracht. Statt es sofort zum Anstaltsarzt zu schicken, "wurde das Kind sechs Tage lang bis zu seinem Tod im Heim behalten". Als ausreichend dokumentiert oder zumindest plausibel erklärt betrachtet die Kommission, dass Kinder und Jugendliche sexuellen Übergriffen durch Erwachsene und Mitbewohnern ausgesetzt waren. "Bezüglich Übergriffe durch Schwestern gibt es keine robusten Beweise weder für noch gegen die Annahme, dass auch sie sich an Kindern vergriffen haben." Allerdings dürften auch nicht alle Zeitzeugenaussagen darüber frei erfunden sein. "Plausibel ist schließlich, dass es, namentlich in Fällen von sexuellen Übergriffen durch Direktoren oder andere Priester, eine Mitwisserschaft, in einzelnen Fällen gar eine erzwungene Gehilfenschaft bei Schwestern gegeben hat."

Das Kloster Ingenbohl - Mutterhaus des Ordens - hatte die Einrichtung der Kommission betrieben mit dem Ziel, "mögliche Wege in Richtung Versöhnung und Befriedung zu suchen". Die katholische Einrichtung nannte das Ergebnis ein "bedeutsames Mahnmal" und erklärte: "Wir bitten um Verzeihung für das Leid, das wir als einzelne Schwester, als Ordensleistung und als Gemeinschaft mit unserem Verhalten verursacht haben."

Stillschweigende Allianz der Täter

Auffällig ist, dass sich der Ingenbohler Schlussbericht in der Härte der Aussagen deutlich von dem Gutachten der Historikerkommission unterscheidet, die die Vorwürfe gegen den Orden im Auftrag der Luzerner Kantonsregierung ebenfalls untersuchte. Sie hatte ihr Ergebnis im Sommer präsentiert. In ihrem Endbericht heißt es zu Misshandlungen: "Einige der angewendeten Strafpraktiken werden heute als Foltermethoden aufgeführt, wie das 'Unterwasserdrücken' (Waterboarding - die Red.) des Kopfes oder das Einsperren in dunkle verliesähnliche Räume." Auch ist darin von harten Arbeitseinsätzen in der Landwirtschaft die Rede. Zum sexuellen Missbrauch wird betont: "Die Übergriffe wurden durch Frauen und Männer an Knaben wie an Mädchen begangen. (...) Die weitgehende Negierung möglicher Übergriffe ließ Täter und Täterinnen quasi unkontrolliert agieren, ja führte zu stillschweigender Allianzbildung, gegen die die Kinder nicht ankamen."

Doch in der Tendenz sind beide Untersuchungen sehr dicht beieinander. Ehemalige Heimbewohner haben schmerzhafte Wochen, Monate oder gar Jahre in den Anstalten verbracht. Nicht alle wollen das wahrhaben und ignorieren die dramatischen Vorgänge weiterhin komplett. Auf der Webseite der Stadt Ebikon heißt es zu Rathausen: "Mit dem Heimaufenthalt sollten Entwicklungsdefizite in den Bereichen des Zusammenlebens, des Gefühllebens und der intellektuellen Fähigkeiten aufgeholt werden." Von Missbrauch oder Misshandlungen steht da nichts.

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