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US-Bundesstaat Tennessee: Dieser Mann saß 31 Jahre zu Unrecht im Gefängnis - jetzt erhält er die höchstmögliche Entschädigung

Die Hälfte seines Lebens verbrachte Lawrence McKinney hinter Gittern - wohl unschuldig. Nach seiner Freilassung kämpfte er jahrelang für eine Entschädigung. Nun erhält er die größte, die in seinem Bundesstaat je ausgezahlt wurde.

Lawrence McKinney saß von 1978 bis 2009 wegen Vergewaltigung im Gefängnis, ehe er von den Vorwürfen freigesprochen wurde

Lawrence McKinney saß von 1978 bis 2009 wegen Vergewaltigung im Gefängnis, ehe er von den Vorwürfen freigesprochen wurde

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Lawrence McKinney ist gerade einmal 22 Jahre alt, als sein Leben in Freiheit endet und eines hinter vergitterten Fenstern beginnt. Am 2. Oktober 1977 brechen zwei junge schwarze Männer in Memphis, Tennesse, in die Wohnung einer Frau ein und vergewaltigen sie. Nach der Tat lassen sie von ihrem Opfer ab und fliehen. Die Frau ist sich sicher, ihre Angreifer erkannt zu haben. Schließlich seien es "Jungs aus der Nachbarschaft" gewesen, wie sie der Polizei sagt. Einer davon ist Lawrence McKinney. Die Polizei nimmt ihn kurz darauf fest, bereits fünf Tage später steht die Anklage wegen Einbruchs und Vergewaltigung. 1978 identifiziert das Opfer auch vor Gericht beide Angreifer. Sie werden zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. 115 Jahre Gefängnis lautet das Urteil für den jungen Lawrence McKinney.

Zwar beteuert er vehement seine Unschuld, doch das Gericht sieht das anders. Sein starker Glaube habe ihm damals die Kraft gegeben, das alles auszuhalten, wird er später sagen. Aus Jahren hinter Gittern werden Jahrzehnte. Erst 2008 - nach gut 30 Jahren - kommt Bewegung in den Fall. Die DNA-Analyse hat entscheidende Fortschritte gemacht und Experten untersuchen das gesicherte Beweismaterial von damals aufs Neue. Unter anderem auf der Bettwäsche des Opfers finden sie drei verschiedene Genprofile: vom Lebensgefährten des Opfers, vom Mitangeklagten und von einer unbekannten dritten männlichen Person. McKinneys DNA ist nicht dabei. Im Jahr 2009 hebt ein Gericht das Urteil von 1978 auf. Nach 31 Jahren, neun Monaten, 18 Tagen und zwölf Stunden in Haft verlässt er das Gefängnis als freier Mann.

Lawrence McKinney und der Kampf um Entschädigung 

Einen Scheck über 75 US-Dollar erhielt er damals von den Behörden, um sein neues Leben in Freiheit zu starten. "Weil ich gar keinen Ausweis hatte, konnte ich den Scheck erst nach drei Monaten einlösen", berichtete er CNN. "Ich hatte keine Chance, mir eine Karriere aufzubauen oder ein Heim zu kaufen. Ich habe meiner 20er-, 30er- und 40er-Jahre verloren."

Wer nachweisbar zu Unrecht in Haft saß, kann den Staat auf Entschädigung verklagen. Dafür benötigt man in den USA aber eine offizielle Entlastung von den Behörden. McKinneys Urteil wurde zwar 2009 aufgrund der DNA-Beweislage aufgehoben und er aus der Haft entlassen. Um auf Kompensation zu klagen, ist aber eine ausdrückliche Erklärung seiner Unschuld durch den Gouverneur des Bundesstaates nötig, und die erhielt McKinney kurz nach seiner Freilassung zunächst nicht.

Der Bewährungsrat des Bundesstaates beschäftigte sich mit dem Fall, um anschließend eine Empfehlung an den Gouverneur auszusprechen. Einstimmig entschieden die sieben Ratsmitglieder damals gegen eine offizielle Entlastung. Die DNA-Beweise würden lediglich an McKinneys Schuld zweifeln lassen, nicht aber ausdrücklich seine Unschuld beweisen, so die Argumentation. Es sei schließlich nur ein Teil der Beweisstücke untersucht worden. Seine DNA könne aber auf anderen gewesen sein.

Zweifel an seiner Unschuld

Eines der Mitglieder des Rates verteidigte die Entscheidung später im "Tennessean". Demnach habe McKinney über die Jahre in unzähligen Briefen an das Bewährungskomitee Teile des Verbrechens eingestanden. Zudem habe ihn auch der Mitangeklagte explizit belastet und das Opfer ihn namentlich identifiziert. McKinney wurde 1977 kurz nach dem Verbrechen in der Wohnung des Mitangeklagten festgenommen und gab damals an, die Nacht dort gemeinsam mit dem Bekannten beim Trinken und Fernsehen verbracht zu haben. Sein mit ihm verurteilter Bekannter wurde durch die DNA-Analyse von 2008 zweifelsfrei mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht.

Aufgrund dieser Zweifel an seiner Unschuld stellte sich der Bewährungsrat auch 2016 erneut quer, als McKinney wieder eine offizielle Entlastung beantragte. Doch dieses Mal ignorierte der Gouverneur von Tennessee, Bill Haslam, die Einschätzung des Rates und entlastete McKinney offiziell von jeder Schuld an dem Verbrechen von 1977. Zwar sei es ein "komplexer Fall" und man könnte durchaus zu "unterschiedlichen Einschätzungen" kommen, sagte Haslam nach seiner Entscheidung im Dezember 2017. Er schließe sich aber der Auffassung des Gerichts von 2009 an, wonach McKinney nicht verurteilt worden wäre, wenn es die DNA-Beweise 1977 bereits gegeben hätte. "In den Augen des Justizsystems ist Mr. McKinney unschuldig."

Eine Million US-Dollar für McKinney

Damit war der Weg frei für eine Schadensersatzklage gegen den Bundesstaat. Am Mittwoch wurde der Klage stattgegeben und McKinney die maximal mögliche Summe von einer Million US-Dollar (rund 810.000 Euro) für die 31 Jahre Gefängnis zugesprochen. Zunächst bekommt er rund 350.000 US-Dollar direkt überwiesen, um seine Anwaltsrechnungnen und Schulden zu bezahlen sowie sich ein Auto zu kaufen, wie der "Tennessean" berichtet. Die übrigen 650.000 Dollar sollen ihm in einer Art monatlicher Rente von 3.350 Dollar bis zum Ende seines Lebens ausgezahlt werden. Je nachdem, wie alt er wird, könnte die Summe also die eine Million Dollar sogar überschreiten. "Das ist die größte Summe, die für so einen Fall jemals ausgezahlt wurde (in Tennessee, Anm. d. Red.)", wird sein Anwalt in Medienberichten zitiert. "Aber es saß auch niemand so lange zu Unrecht im Gefängnis."

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