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Mordfall Levke: "Er war einfach nicht gesegnet"

Marc Hoffmann hat den Mord an der achtjährigen Levke gestanden, ein Hilfsarbeiter ohne Job - und liebevoller Vater. Bestimmt war sein Leben von starken Frauen. Porträt eines Muttersöhnchens.

Was von ihr bleibt, ist dieses schmale Grab mit weißem Stein. Darauf ihr Name und das Wort "unvergessen", ein eingravierter Engel und Zahlen, die ein kurzes Leben umschreiben: 16. November 1995, 6. Mai 2004. Die kleine Levke starb mit acht Jahren.

Was von ihm bleibt, ist diese Tat. Der Mörder und das Mädchen lebten in zwei getrennten Welten. Nur ein Zufall konnte sie zusammenführen: Ein Mädchen, das seinen Wohnungsschlüssel in der Schule vergisst, ein Vater, der sich um wenige Minuten verspätet, ein Mann, der in seinem dunkelblauen Honda Civic ziellos durch die Gegend fährt, wie er es oft tut, wenn er nichts mit sich anzufangen weiß.

Er sieht das Mädchen allein vor dem Elternhaus am Karkweg in CuxhavenAltenwalde stehen. Schulterlanges, blondes Haar, einen Meter zwanzig klein, es trägt eine Brille, eine blaue Jacke mit roten Streifen, eine bordeauxfarbene Cordhose und hat Schulranzen und Sporttasche bei sich. Der Mann hält an. Ein Mittag im Mai.

Im Dezember, 31 Wochen später,

wird ein Polizeikommissar in sprödem Amtsdeutsch sagen, der Mann habe das Mädchen "unter Vorspiegelung falscher Tatsachen" in sein Auto gelockt. Er fuhr mit ihm in ein 30 Kilometer entferntes Waldstück, verging sich an dem Kind, tötete es, warf Jacke, Schulranzen und Sporttasche in den Wald und brachte die Leiche dahin, wo er sich auskennt, in die Gegend, in der er aufwuchs, nach Attendorn in Nordrhein-Westfalen, 400 Kilometer entfernt.

Er trug das tote Kind in den Fichtenwald Reper Höhe und legte es dort ab. der Karkweg in Cuxhaven ist eine kerzengerade Straße, eine freundliche Wohngegend, hier leben Familien mit Kindern, hier leben Vater und Mutter zusammen, hier haben die Menschen Arbeit, gehen am Wochenende in die Kirche.

Die Welt des Marc Hoffmann, nicht einmal 40 Kilometer Luftlinie entfernt, sieht anders aus. Er lebt in der Deichstraße 97 in Bremerhaven. Hier wohnen zumeist alte Frauen und Arbeitslose, man weiß nicht viel voneinander. Hier lebt Marc Hoffmann mit seiner älteren Tochter Laura, 10, im dritten Stock, 70 Quadratmeter, 300 Euro kalt. Gerade fünf Tage vor dem Mord an Levke ist er in das Haus eingezogen, nachdem ihn seine Frau Anja mit der gemeinsamen zweijährigen Tochter verlassen hat. Nun ist er zum ersten Mal auf sich allein gestellt. Ein Mann von 30 Jahren, ein Mann, der sein Leben lang von Frauen beherrscht wurde, erst von der Mutter, dann von der Ehefrau.

Marc Hoffmann kommt am 1. August 1973 in Plettenberg im Sauerland zur Welt, er hat keine Geschwister. Als er sieben Jahre alt ist, zieht die Familie in das Haus der Großeltern nach Nuttmecke. Opa Erwin und Oma Ilse bewohnen die erste Etage, der zugezogenen Verwandtschaft überlassen sie das Erdgeschoss. Ein Ort mit nicht mal zehn Häusern und einer schmalen Straße. Einmal stündlich hält ein Bus an der überdachten Haltestelle und fährt in die sieben Kilometer entfernte Kreisstadt Attendorn. Ab acht Uhr abends ist auch diese Verbindung abgeschnitten.

Marc Hoffmann ist dicker

als die anderen Kinder, er hat einen Hüftschaden und X-Beine, er stottert, wird gehänselt, stottert dann noch mehr und wird ausgelacht. Er möchte Räuber und Gendarm spielen, aber die anderen haben keine Lust. Der Junge läuft dann weinend zu seiner Mutter Elke, einer Krankenschwester, die sich vor ihren kleinen Marc stellt und den ganzen Ort zusammenschreit, wenn ihrem Sohn übel mitgespielt wird. Sie liebt ihr einziges Kind abgöttisch.

Der Vater ist ein stiller Mensch, ein ehemaliger Seemann, der seiner Frau gern das Reden überlässt. Bei der Mutter fühlt sich Marc sicher und verstanden, sie hält ihm die Welt vom Leib. Er ist schon 14, da packt sie ihm noch seinen Schulranzen und wählt seine Kleider aus.

Wenn die Kinder von Nuttmecke mit dem Fahrrad zum Konfirmandenunterricht über die Landstraße in den Nachbarort radeln, gibt Mutter Elke sogar die Formation vor. Marc muss in der Mitte fahren, einige Mädchen bilden die schützende Flanke. Die Mama verfolgt den straff organisierten Pulk, bis er außer Sichtweite ist. "Sie hatte immer Angst, dass ihm irgendwas passieren könnte", erinnert sich eine Nachbarin. "Wenn es um ihren Marc ging, wollte sie nichts dem Zufall überlassen."

"Sie hat ihn gehütet wie ein rohes Ei, ihm alle Entscheidungen abgenommen", sagt Thorsten Justin, der einzige Freund, den Marc aus Kindertagen hat. "Sie nahm ihm damit die Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu entscheiden. Schon früher wusste er manchmal nicht, wann Schluss ist. Er hat gar nicht begriffen, dass er jemandem wehtut. Dann hat er immer gesagt: War keine Absicht."

Die beiden Männer

kennen sich seit der Grundschule. "Wir waren wie zwei Außenseiter, die zueinander finden, ich hatte den Grips, er die Kraft. So konnten wir uns gegen die anderen zur Wehr setzen." Irgendwann ahnte Justin, "dass das mal bös endet. Hoffi hatte zu viele Nachteile an sich. Er war einfach nicht gesegnet".

Auch nicht, was Intelligenz und Ehrgeiz angeht. Marc Hoffmann wird mit sieben Jahren eingeschult, bleibt in Grund- und Hauptschule sitzen, verlässt 1989 als 16-Jähriger ohne Abschluss die Hauptschule nach der achten Klasse. Er hängt drei Jahre lang herum und arbeitet ab 1992 elf Monate lang als Wegewärter beim Attendorner Bauhof, jätet Unkraut, mäht Rasen, schneidet Hecken. Schnell gilt er als faul und langsam. Er "hat zu wenig Motivation gezeigt", schreibt ihm sein Vorgesetzter in die Beurteilung.

Sein Scheitern nimmt er zur Kenntnis, nicht mehr, er ist schon lang in sich hineingefallen. Sitzt stundenlang vor seinem Computer, reagiert sich mit Panzerschlachtsimulationen und Gewaltspielen ab, schießt virtuelle Gegner über den Haufen. Seit er mit 14 Jahren seinen ersten Videorecorder bekommen hat, liebt er Gewalt- und Horrorfilme. "Er liebte zu sehen, wenn das Blut spritzt", sagt Thorsten Justin.

Das Mamakind, das keiner mag, geht irgendwann los, fängt Frösche und nagelt sie im Wald an die Bäume oder schneidet ihnen die Beine ab, um zu sehen, wie weit sie ohne Schenkel hüpfen können. Aus Badreinigern mischt er Gebräue, die er Mäusen unter das Fell spritzt, um zu sehen, wie sie verrecken.

Er nimmt das Luftgewehr

seines Großvaters, zieht in die Wälder und schießt Vögel von den Bäumen, der Hoffi. Sein Großvater besitzt noch mehrere Gaspistolen, Marcs Vater hat eine Winchester sowie eine Smith&Wesson. Als Marc zwölf ist, bekommt er seine eigene Gaswaffe, an der er immer wieder herumbastelt, um die Schusskraft zu erhöhen. "Irgendwann", sagt Thorsten Justin, "fing er an, seine Waffe ,Baby" zu nennen." Mit Hingabe schmiert er sie mit Waffenfett ein.

Mädchen wollen von Marc nichts wissen. Aus Opa Erwins Geheimversteck holt der Junge sich Heftchen wie "Praline" und "Weekend", später schaut er harte Pornofilme und befriedigt sich dabei. Andere junge Männer prahlen mit ihren ersten sexuellen Erlebnissen, da hat Marc Hoffmann noch keine Frau berührt. Er schämt sich, weil er von Geburt an nur einen Hoden hat. Im Schwimmbad verhöhnen ihn die anderen als "Einei".

Was für ein Triumph, als er die Führerscheinprüfung besteht. Er kauft sich einen Nissan Micra, fährt durch die Gegend, einfach so, ohne Ziel. Unterwegs zu sein, im eigenen Wagen, das wird für Hoffmann zur großen Leidenschaft. Er fährt schnell, er fährt waghalsig. Auf der Strecke von Attendorn nach Windhausen über Keseberg nach Plettenberg fährt er seinen ersten Wagen gegen den Baum. Es folgen ein Golf, ein Nissan Sunny und ein Ascona, Typ C. Mit 20 Jahren hat er vier Autos kaputtgefahren.

Nach seiner Zeit als Heckenschneider

und Unkrautjäter geht Marc Hoffmann zur Bundeswehr. Die Uniformen! Das Schießen! Stolz berichtet er daheim von seinen Auszeichnungen als Schütze. Jetzt muss er nicht mehr Vögel vom Ast schießen. Er liebt es, in der Uniform umherzustolzieren. Nach dem Ende der Bundeswehrzeit lernt er eine fünf bis sechs Mann starke Gruppe von Neonazis aus Plettenberg kennen, den Anführer nennen sie Hille, ein großer, stämmiger Kerl, kahlgeschoren, in Bomberjacke und Springerstiefeln. Hoffi grölt schon mal ausländerfeindliche Sprüche mit, doch im Grunde ist er zu weich, ist nicht mehr als nur ein Mitläufer.

Als er 20 ist, lernt Hoffmann die um ein Jahr jüngere Sarah aus einem Nachbardorf kennen. Jetzt schläft er das erste Mal mit einer Frau, schon bald wird sie schwanger. "Ein Betriebsunfall" nennt er das, doch er will das Kind unbedingt haben.

Im Februar 1994 lässt er auf einer seiner Spritztouren eine 17-jährige Anhalterin in seinen Suzuki-Jeep einsteigen, fährt mit ihr in ein abgelegenes Waldstück und vergewaltigt das Mädchen, das gegen den massigen, schweren Mann keine Chance hat. Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre Jugendhaft ohne Bewährung, doch er ist geständig, hat keine Vorstrafen, und man bescheinigt ihm eine "positive Sozialprognose". Der Richter hält ihm ein "von Reue geprägtes Geständnis" zugute. Er kommt mit zwei Jahren auf Bewährung davon.

Mutter Elke stellt sich

wie gehabt vor ihren Sohn. Den Nachbarn, die mitbekommen haben, dass Marc Ärger mit der Polizei hat, erzählt sie, der Junge habe eine Fußgängerin angefahren. Die Freundin Sarah trennt sich von Marc. 1995 verlässt die ganze Familie Hoffmann das Dörfchen Nuttmecke. Marc nimmt seine Tochter Laura mit.

Die Familie zieht nach Bremerhaven in die Sonnenstraße 10. Mutter Elke pflegt ihren schwerkranken Mann bis zu seinem Tod, er stirbt an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Der Sohn versucht sich in einer Lehre als Gas- und Wasserinstallateur, doch es fehlt an Talent und Willen. Marc Hoffmann scheitert zweimal an der Abschlussprüfung und bricht die Lehre ab.

Im Jahr 1995 tritt er in den freiwilligen Fahrdienst des Deutschen Roten Kreuzes Bremerhaven ein und wird zu unregelmäßigen Einsätzen am Wochenende eingeteilt. Viel passiert bei diesen Diensten nicht, stundenlang steht er mit seinen Kollegen bei Fußballspielen oder Rockkonzerten herum, man sitzt im Wagen, hört Polizeifunk ab, vertreibt sich die Zeit mit Nichtstun. Genau die Art von Beschäftigung, die ihm liegt. Und er hat Uniformen! Eine weißrote Uniform und eine graue für Einsätze des Katastrophenschutzes, für den er ebenfalls eingeteilt ist.

Bei Übungen kann er in Springerstiefeln und voller Montur herumlaufen, den Gürtel mit Wasserflasche, Klappspaten und Spitzhacke um die Hüften geschnallt, den weißen Hartplastikhelm auf dem Kopf und die ABC-Maske vor dem Gesicht. Die Kollegen bewahren ihre Uniformen im Spind auf und legen sie erst vor dem Einsatz an, Hoffmann kommt schon uniformiert zur Tür herein. "Er fühlte sich sehr wohl in seiner Kluft, er sah immer aus wie geleckt", sagt einer, der fünf Jahre mit ihm Einsätze fuhr.

In Bremerhaven kennt niemand

die Vergangenheit von Marc Hoffmann, niemand weiß, dass er wegen Vergewaltigung verurteilt ist. Marc Hofmann lernt die 16 Jahre alte Anja kennen, die zu ihm in die Wohnung zieht. Bekannte wundern sich über das Paar, das vor der Geburt der gemeinsamen Tochter Sophie-Andrea heiratet. "Anja ist gertenschlank, größer als Marc. Und sie hatte die Hosen an", sagt eine Bekannte.

Die Mutter versteht sich nicht mit der Schwiegertochter und zieht aus. Im Jahr 2000 findet Hoffmann einen Job bei einer Bremer Sicherheitsfirma, kann wieder Uniform anlegen und in Bussen Fahrscheine kontrollieren. Das vom Sicherheitsdienst angeforderte polizeiliche Führungszeugnis enthält keinen Eintrag. Die Vergangenheit bleibt Vergangenheit.

Zu diesem Zeitpunkt

stößt Hoffmann wieder auf eine 17-Jährige. Er trifft sie, als er Fahrkarten kontrolliert und lädt sie zu einer Spritztour ein. Sie wird später aussagen, er sei über sie hergefallen, es sei ihr aber gelungen zu entkommen. Die junge Frau ist auf dem geistigen Niveau einer Sieben- bis Achtjährigen, das Verfahren wird eingestellt.

Noch hält die Beziehung zu Anja, glücklich sind sie beide nicht. Anja beklagt sich bei Freunden, Marc fahre ständig durch die Gegend und gebe das ganze Geld für Benzin aus. Sie hat ihn auch im Verdacht, andere Mädchen zu treffen. "Er hatte eine Schwäche für ganz junge Mädchen, Anja wusste das", sagt eine Bekannte. "Sie glaubte außerdem, dass er in die Van-Heukelum-Straße geht." Hier befindet sich der Baby-Straßenstrich von Bremerhaven.

Marc Hoffmann bleibt auch in Bremerhaven der Hoffi von einst. Ein träger Mensch, der wie weggetreten vor dem Computer sitzt und sich in Spielen wie "Medal of Honor" den Weg freischießt. Er lebt zwischen Familie, Security und den kleinen Fluchten im Auto. Im Juni 2003 verliert er seinen Job.

Anja Hoffmann trennt sich

im Frühjahr dieses Jahres von ihrem Mann, die gemeinsame Tochter, inzwischen zwei Jahre alt, nimmt sie mit. Es scheint, als nähme Marc dies, wie immer, teilnahmslos zur Kenntnis.

Wenige Wochen später trifft er in Cuxhaven-Altenwalde auf ein achtjähriges Mädchen, das vor dem Elternhaus auf den Vater wartet. Blondes Haar, einen Meter zwanzig klein. Ein Mittag im Mai.

Oliver Link und Christian Parth/Mitarbeit: Gerd Elendt/Kuno Kruse/Kerstin Schneider

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