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Neuer Skandal an Odenwaldschule: "Eine echte Gefahr für die Kinder"

Hat sich nichts geändert? Vor vier Jahren wurde der massive sexuelle Missbrauch an der Odenwaldschule bekannt. Nun gibt es einen neuen Verdacht. Das Internat wird von der Vergangenheit eingeholt.

"Sie gibt nur das zu, was andere schon herausgefunden  haben". Die Vorwürfe an die Odenwaldschule wiegen schwer.

"Sie gibt nur das zu, was andere schon herausgefunden
haben". Die Vorwürfe an die Odenwaldschule wiegen schwer.

Der Kinderporno-Verdacht #link;http://www.stern.de/2104608.html;gegen einen Lehrer der Odenwaldschule# ruft die Kritiker wieder auf den Plan. Seit der Aufdeckung des jahrzehntelang vertuschten Missbrauchsskandals habe sich an dem Internat in der Nähe von Darmstadt nichts geändert. Die reformpädagogische Einrichtung informiere wieder nur scheibchenweise - und dies auch meist nur unter Druck.

Im Jahr 2010 hatte die damalige Schulleiterin rigorose Aufklärung versprochen, als nach und nach das Ausmaß des Missbrauchs in den 1970er Jahren bekannt wurde. Die Zahl der Opfer endete offiziell bei 132. Jetzt sieht sich die Schule wieder dem Vorwurf der Vertuschung ausgesetzt - Grund ist der Kinderporno-Verdacht gegen den 2011 eingestellten und inzwischen fristlos entlassenen Lehrer.

Odenwaldschule: keine Vertuschung

Nach Ansicht von Adrian Koerfer, dem Vorsitzenden des Opfervereins "Glasbrechen", versucht die Odenwaldschule erneut die Affäre zu verschleiern. "Sie gibt nur das zu, was andere schon herausgefunden haben", meint er.

Die Schule sieht das anders. Dass die Wohnung des Pädagogen am 9. April durchsucht wurde, die Schule dies erst am 19. April bekanntgab, ist für die Präventionsbeauftragte des Internats, Regina Bappert, kein Problem. "Das ist keine Vertuschung." Die fristlose Kündigung des 32-Jährigen habe erst unanfechtbar gemacht werden müssen.

Von der Durchsuchung der Lehrer-Wohnung hatten der "Mannheimer Morgen" online und der "Bergsträßer Anzeiger" im Blatt am Ostersamstag berichtet, an dem Tag, an dem die Odenwaldschule am Vormittag ihre Mitteilung verschickte.

Merkwürdiges und komisches Verhalten

"Wir wollten keine Formfehler begehen", sagt Bappert. "Wären wir gleich an die Öffentlichkeit gegangen und hätten zur Entlassung nichts genaues sagen können, hätte man uns vorgeworfen, wir würden mal wieder lavieren."

Das "Darmstädter Echo" berichtete jetzt, dass der entlassene Lehrer für Mathematik, Physik und Chemie schon seit Monaten unter Beobachtung der Schule stand. Schulsprecherin Gertrud Ohling-von Haken und Bappert bestätigen das, Schüler hätten den Pädagogen als "manchmal merkwürdig und komisch" beschrieben, laut Bappert bereits im Sommer 2013.

"Das ist ein Skandal, der ins gesamte Strickmuster der Odenwaldschule passt", meint Anwalt Thorsten Kahl, der sich für Missbrauchsopfer des Internats einsetzt. "Es wird immer nur scheibchenweise zugegeben, was schon bekannt ist." Das "Nicht-Zugeben", die "pädophile Struktur" der Schule sei "eine echte Gefahr für die Kinder". Anwalt Kahl wie Opfer-Vertreter Koerfer verlangen, die Odenwaldschule endlich zu schließen.

Hessisches Kultusministerium will abwarten

Der Landkreis Bergstraße forderte das Internat auf, "endlich zur Transparenz und Wahrheit" zu finden. Vom Fall des Lehrers habe die Behörde erst am 11. April erfahren - obwohl der Mann seit Sommer 2013 unter Beobachtung stand. "Wir gehen davon aus, dass wir 2013 hätten informiert werden müssen", sagte der stellvertretende Landrat Matthias Schimpf (Grüne).

Das hessische Kultusministerium will erst einmal abwarten, was aus den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Darmstadt gegen den Lehrer wird. Die Untersuchungen dürften ein halbes Jahr dauern, weil versteckte Porno-Daten erst einmal gefunden und geknackt werden müssen.

Joachim Baier/DPA / DPA