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Missbrauch an Odenwaldschule: Weitaus mehr Opfer als bisher angenommen

Bild und Wirklichkeit könnten nicht schärfer auseinander gehen - romantisch schlängeln sich die kleinen Spitzdachhäuschen an einem hinauf, rote Fensterläden und Natursteinmauern sorgen für Rustikalität. Die Odenwaldschule war lange der Inbegriff für ein modernes Schulwesen. Heute ist die Schule ein Inbegriff für den Missbrauch von Schutzbepfohlenen. Und es könnte alles noch viel Schlimmer sein als bislang befürchtet.

Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ist nach Angaben eines Opferschutz-Vereins größer als angenommen. Über die seit vielen Monaten bekannte offizielle Zahl von 132 Betroffenen "haben sich allein bei uns noch mal 15 bis 20 gemeldet", sagte der Vorsitzende des Vereins "Glasbrechen", Adrian Koerfer. Auch an Juristen hätten sich noch weitere sexuell Missbrauchte gewandt.

In einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" wiederholte Koerfer eine schon mehrmals geäußerte Einschätzung. "Wir gehen von etwa 500 Betroffenen aus", sagte er. Es handele sich um eine "Hochrechnung". Philip von Gleichen, Vorstandsmitglied der Odenwaldschule, reagierte darauf kritisch. "Diese Äußerung kann man nicht nachvollziehen", sagte er.

Der Missbrauchsskandal an der Schule im hessischen Heppenheim war im März 2010 neu an die Öffentlichkeit gelangt. Die Taten an dem Elite-Internat liegen Jahrzehnte zurück und gelten als verjährt, als Tatzeitraum wurden immer wieder die Jahre zwischen 1965 bis 1985 genannt. Laut einer im Dezember 2010 veröffentlichten Untersuchung wurden 132 Schüler von ihren damaligen Lehrern sexuell missbraucht. Der Skandal hatte die bekannte Reformschule monatelang in den Schlagzeilen gehalten.

Neues Team, alte Interessen

Koerfer, der bis Mitte der 70er Jahre zur Odenwaldschule (OSO) ging, schreibt in einem Gastbeitrag der "FR": Das neue Führungsteam der einstigen Vorzeigeschule interessiere sich jedoch ebenso wenig für das wahre Ausmaß des Skandals wie das alte. "Ich muss bis heute erleben, wie sich die leitenden Gremien gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, aber für die OSO schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die notwendigen Konsequenzen entschieden haben." Im Vorstand des Trägervereins säßen Menschen, denen das Wohl der Schule wichtiger sei als das der Opfer.

Erstaunt habe Koerfer vernommen, dass die Schule angeblich eine halbe Million Euro für Prävention und Aufklärung ausgeben wolle. Der Opfer-Verein dagegen habe bislang gerade mal 55.000 Euro erhalten.

ono/DPA / DPA