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Schockierender Kriminalfall in Russland: Zum Familienausflug gehörte Mord dazu

Den Nachbarn erzählten sie von Campingtrips, doch das Ziel ihrer Ausflüge war blutig. In sechs Jahren hat eine Familie aus Russland Dutzende Menschen getötet.

Von Jens Wiesner und Ellen Ivits

Sie stachen zwei Mädchen die Augen aus, schossen einem Siebenjährigen in den Kopf und töteten seine Schwester mit 37 Messerstichen. Mit unvorstellbarer Grausamkeit ist eine Familie jahrelang mordend durch Russland gezogen, bis zu dreißig Opfer sollen auf ihr Konto gehen. Die Details der Bluttaten jagen Schauer über den Rücken. Noch unfassbarer aber macht die Gleichgültigkeit der "Mörderfamilie", wie russische Medien Inessa Tarwerdijewa, ihren Freund Roman Podkopajew und Viktoria, Inessas Tochter aus erster Ehe, nennen. "Das Morden wurde Alltag. Wir gingen zum Raubüberfall wie andere Leute zum Arbeiten ins Büro", erzählte Tarwerdijewa nach ihrer Festnahme vor wenigen Tagen völlig ruhig im Verhör. Gefühle - Fehlanzeige.

Die Geschichte erinnert an das US-amerikanische Gangsterpärchen Bonnie und Clyde: Nach außen hin gaben der 35-Jährige und seine 46-jährige Partnerin die ganz normale, bürgerliche Familie. Er war Zahnarzt, sie arbeitete als Kindergärtnerin. Doch hinter der Fassade der Normalität schlummerte eine kriminelle Energie, die selbst hart gesottene, russische Ermittler schockierte. "Bislang sind neun Morde bewiesen", sagt Galina Gagalajewa vom Ermittlungsausschuss der südrussischen Millionenstadt Rostow am Don. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass die Familie noch mehr Opfer auf dem Gewissen hat.

"Blick in den Abgrund"

Bereits im Jahr 1998 habe das Paar aus Rache den Ex-Mann von Inessa, einen Wachmann, erschossen, berichten örtliche Medien. "Die Folgenlosigkeit des Mordes hat die beiden wohl zu weiteren Bluttaten motiviert", sagte ein Ermittler. Vor sechs Jahren, im Juli 2007, sei die Familie dann dazu übergegangen, regelmäßig auf Einbruchstour zu gehen. Schmuck, Wodka, Elektronik - kaum etwas, das sie nicht raubt und dafür mordet. "Wir töteten Polizisten wegen ihrer Waffen und andere Leute wegen ihres Geldes", erzählt Tarwerdijewa den schockierten Beamten. Als Campingtrips geplant, brechen Inessa Tarwerdijewa, Roman Podkopajew und Viktoria Tarwerdijewa von ihrem Wohnort in der Stavropol-Region zu Raubzügen ins benachbarte Rostow auf. Zu dritt brechen sie in Wohnungen ein, überfallen Taxifahrer, Händler, Polizisten und Jäger und töten, wer sich ihnen in den Weg stellt.

Dabei sei die Familie extrem skrupellos vorgegangen und habe auch Kinder ermordet, die als Zeugen hätten aussagen können, heißt es in dem Untersuchungsbericht. "So etwas hat es in Russland noch nicht gegeben", sagte ein Justizmitarbeiter der russischen Zeitung "Nowaja Gaseta". Er sprach von einem "Blick in den Abgrund". Gedeckt wird das Trio von einem Schwager, der bei der Polizei arbeitete. Er soll Spuren verwischt und mit seiner Frau die Beute versteckt haben. Beide wurden ebenfalls festgenommen. Die gemeinsame 13-jährige Tochter von Inessa und Roman sei hingegen unschuldig, erklärte Justizsprecherin Gagalajewa. Das Mädchen sei bei Verwandten untergekommen.

Eklatantes Polizeiversagen

Die Lokalpresse kritisiert unterdessen "stümperhafte" Fehler der Ermittler. Als die Polizei in der Nähe eines Tatorts drei Messer gefunden habe mit Inschriften wie "Meiner liebsten Verbrecherin", die Roman für Inessa anfertigen ließ, hätten die Ermittler diese Spur nicht verfolgt. "Die Täter sind äußerst perfide vorgegangen, aber bei einer besseren Ermittlungsarbeit durch die Polizei könnten wohl einige Opfer noch leben", meinte die Zeitung "Komsomolskaja Prawda".

Ein 26-Jähriger habe gar zwei Jahre unschuldig in Untersuchungshaft gesessen für einen Totschlag, den 2009 in Wirklichkeit die "Mörderfamilie" begangen habe. Inessa Tarwerdijewa hat die Tat mittlerweile nicht nur gestanden, sondern im Rahmen einer Tatortbegehung auch nachgespielt, die vom beliebten TV-Sender Channel One gezeigt wurde. Von Reue ist bei der Mutter, die sich bei der Ortsbegehung in blauer Jogginghose und Pantoffeln zeigt, nichts zu spüren. "Ich bin die geborene Verbrecherin", prahlt sie in dem Video. Dann legt Inessa mit einer Pistolenattrappe auf das Gesicht einer Menschenpuppe an - und drückt ohne eine Gefühlsregung ab.

Doch auch "geborene Verbrecher" machen Fehler: Das Ende mit Schrecken kommt am 8. September, rund sechs Jahre nach dem ersten gemeinsamen Familienmord. Um 4 Uhr morgens geht bei der Polizei ein Anruf ein, der ein verdächtiges Auto meldet. Zwei Beamte rücken aus und werden in einem Waldstück auf Taschenlampenlicht aufmerksam. "Suchen sie nach uns?", schreit ihnen ein Mann aus einer Gruppe von Menschen entgegen. Es ist Roman Podkopajew. Er erschießt einen Beamten, wird dann selbst tödlich getroffen. Viktoria Tarwerdijewa wird durch einen Bauchschuss verletzt festgenommen. Stunden später fassen die Ermittler auch Inessa. Der blutige Feldzug der "Mörderfamilie" ist vorbei. Endlich.

mit Agenturen
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?

Von:

und Jens Wiesner