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Stern Exklusiv

Bewegendes Gespräch: Mafia-Kronzeugin Maria G. bricht ihr Schweigen

Maria G. ist Mutter von fünf Kindern, lebte 20 Jahre an der Seite eines Mafiosos und arbeitete selbst für die 'Ndrangheta. Dann wurde sie Kronzeugin und musste untertauchen. Im neuen stern erzählt sie ihre Geschichte.

Maria G.

Maria G. vergangene Woche in einem Wald bei Stuttgart. Sie lebt nun wieder in Deutschland.

Maria G. – 35 Jahre alt und Mutter von fünf Kindern – ist eine der wichtigsten Kronzeuginnen gegen die italienische Mafia. Bislang trauten sich gerade mal eine Handvoll Frauen, vor Gericht gegen die Organisation auszusagen – zwei davon wurden ermordet. Jahrelang lebte auch Maria G. versteckt. Sie sagte in zehn Prozessen aus und half der Polizei, die Strukturen und das Innenleben der 'Ndrangheta zu verstehen. Vor einem Jahr verließ sie das italienische Zeugenschutzprogramm und zog nach Baden-Württemberg. Was bewegt so eine Frau? Im neuen stern erzählt sie die Geschichte ihres Lebens. Sie spricht dabei über Ehre und Verrat, um Gewalt und Todesängste.

Geboren wurde Maria G. einst in der Nähe von Stuttgart. Mit 16 Jahren musste sie in Kalabrien, der Heimat ihrer Familie, einen Mann heiraten, der zur 'Ndrangheta gehörte. So wurde Maria G. förmlich in die Mafia hineingestoßen und Zeugin vieler Gewalttaten. Sie arbeitete selbst als Drogenschmugglerin und fuhr Prostituierte zu Freiern. Dann entschied sie, erst Spitzel der Polizei und dann Kronzeugin zu werden.

"Wenn ich aussage, schaffe ich vielleicht den Ausstieg"

Sie sei damals ohnehin schon in Gefahr gewesen, sagt sie im Interview mit dem stern. "Ich hatte mich von meinem Mann getrennt, der Mitglied der Mafia ist. Dafür musste er mir 'eine Aktion machen'. So nennt man es bei der 'Ndrangheta, wenn jemand umgebracht wird. Mein Mann versuchte das auch, mehrfach. Es gab außerdem Brandanschläge auf mein Auto und auf meine Wohnung, mehr als zehnmal, manchmal im Abstand von wenigen Wochen. Ich dachte mir damals, gefährdeter kann dein Leben eh nicht werden, und wenn du aussagst, schaffst du vielleicht den Ausstieg."

Als Zeugin gegen die Mafia tauchte sie in Norditalien unter, gemeinsam mit ihrem neuen Mann und ihren fünf Kindern. Sie wechselte immer wieder den Wohnort. Doch die 'Ndrangheta fand sie. "An meinem Auto steckte ein Bild der Madonna aus Rossano", erzählt Maria G. "Das hinterlässt die 'Ndrangheta in der Regel, um einen Mord anzukündigen oder um sich zu einem Mord zu bekennen."

Sie weiß, sie kann der 'Ndrangheta nicht entkommen

Maria G. konnte fliehen und lebt nun in der Nähe von Stuttgart. Auch dort erhielt sie bereits Drohanrufe. Sie weiß, dass sie der 'Ndrangheta nicht entkommen kann. Aber sie sah keinen anderen Weg für sich und ihre Familie, dem Teufelskreis zu entfliehen. "Meine Kinder", sagt sie im stern-Gespräch, "hören zu Hause nichts von der Mafia, von Waffen und Drogen. Sie sind jetzt ganz normale Kinder. Das ist viel."

Viele Male sprach sie in ihrer neuen Heimat mit einem Team investigativer Journalisten: David Schraven, Chef des Recherchenetzwerks Correctiv, Maik Meuser, Moderator des RTL-Nachtjournals, und der stern-Reporter Wigbert Löer arbeiteten mit Maria G. ihr Leben auf. Mithilfe italienischer Kollegen recherchierten sie die Hintergründe in Kalabrien und ermittelten, wie die 'Ndrangheta und andere Organisationen in Deutschland vernetzt sind.

Im neuen stern spricht Maria G. zum ersten Mal über ihren bewegten Lebensweg. Das Buch "Die Mafia in Deutschland. Kronzeugin Maria G. packt aus" erscheint am 10. März. Der Fernsehsender RTL dokumentiert ihre Geschichte am Montag, 13. März um 22.15 Uhr. Das Recherchenetzwerk Correctiv veröffentlicht im Internet unter Correctiv.org/mafia ab nächsten Montag eine interaktive Karte mit den 'Ndranheta-Clans in Deutschland. Es wird deutlich, dass sich die Mafia keineswegs nur in Großstädten niedergelassen hat.

Das komplette Interview lesen Sie im neuen stern





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