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Entführtes Kind Ursula Herrmann: Ein toter Zeuge, ein zweifelhaftes Geständnis - die widersprüchlichen Ermittlungen zum Tod von Ursula Herrmann

Der Tod der zehnjährigen Ursula Herrmann erschüttert 1981 Deutschland. Jahrelang bleibt das Verbrechen ungesühnt. 2010 wird ein Mann zu lebenslanger Haft verurteilt, doch er bestreitet die Tat bis heute. Ein aktueller Zivilprozess könnte den Fall neu aufrollen.

Der Fall Ursula Herrmann erschütterte das beschauliche Eching am Ammersee 1981

"Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber sie mahlen gerecht", soll der Richter 2010 zu Werner Mazurek gesagt haben, bevor er ihn zu zu lebenslanger Haft verurteilte. So schildert es Mazurek dem ZDF. Gerecht? Mazurek teilt die Sicht nicht. Er beteuert bis heute seine Unschuld. Die 8. Kammer am Landgericht Augsburg ist sich dennoch sicher: Mazurek soll das Mädchen entführt haben, soll sie verbuddelt haben, soll die Familie erpresst haben. Nach jahrelangen Ermittlungen ist er, Werner Mazurek, der Schuldige im Fall Ursula Herrmann.

Harte Beweise gegen ihn fehlen. Es ist die Summe der Indizien, die Mazurek zum Schuldigen werden lässt. Das Gericht gründet sein Urteil hauptsächlich auf ein Gutachten über ein altes Tonbandgerät. Und auf das Geständnis eines Mannes, der zu Prozessbeginn bereits lange tot ist - der seine eigene Aussage ohnehin längst zurückgezogen hatte, und der jahrelang als nicht glaubwürdig eingestuft wurde. Die Geschichte der Ermittlungen ist weniger eine von klaren Fakten als eine Geschichte von Mutmaßungen, Zweifeln und Widersprüchen. Sie lässt sich am besten in zwei Phasen erzählen:

Phase 1: Die ersten Ermittlungen, die ersten Verdächtigen

Der Fall beginnt fast 30 Jahre zuvor, im September 1981. Die zehnjährige Ursula Herrmann wird entführt und in einer mit Verpflegung und Belüftungssystem ausgestatteten Kiste im Wald vergraben. Die Entführer wollen zwei Millionen Mark Lösegeld erpressen, melden sich mit mysteriösen Schweigeanrufen bei der Familie. Nur die Erkennungsmelodie des Radiosenders Bayern 3 ertönt. Dazu schicken sie Briefe mit Lösegeldforderungen. Doch der Plan geht schief. Das Belüftungssystem in Ursulas Kiste versagt, das Mädchen erstickt bereits wenige Stunden nach ihrer Entführung. 19 Tage später wird die Leiche in dem hölzernen Gefängnis gefunden.

+++ Hier lesen sie den ersten Teil dieser Geschichte zum Verschwinden, der versuchten Erpressung und dem Tod von Ursula Herrmann +++

Von Anfang an überschattet behördliches Fehlverhalten die Ermittlungen. Ein Oberstaatsanwalt spricht später von einem "Spurenvernichtungskommando" am Tatort. Ein Beamter steigt noch in dem Waldstück in die Holzkiste, in der Ursula starb. Viel zu früh geben die Ermittler detaillierte Informationen über Tatort sowie Kiste und deren genauen Inhalt an die Presse weiter. Was ansonsten als Täterwissen wichtig für die Ermittlungen gewesen wäre, wird so wertlos.

Das Grab des Entführungsopfers Ursula Herrmann, aufgenommen 2009

Das Grab des Entführungsopfers Ursula Herrmann, aufgenommen 2009

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Werner Mazurek und Klaus P. schnell im Fokus

Trotzdem sind schnell einige Verdächtige im Ort ausfindig gemacht. Eben jener Werner Mazurek zum Beispiel, zum Tatzeitpunkt 31 Jahre alt, ein Kfz-Mechaniker und Fernsehtechniker. Sein kleines Technikgeschäft musste er gerade schließen, der Bank schuldet er rund 130.000 D-Mark. Ein anonymer Hinweis bringt die Beamten auf seine Spur, doch bei einer wird nichts gefunden, was ihn mit dem Verbrechen in Verbindung bringt. Mazurek hat aber kein Alibi für den Tatzeitpunkt, erscheint den Beamten bei Befragungen verdächtig und wird schließlich im Januar 1982 festgenommen. In Zeitungen wird über die Festnahme berichtet, wenig später kommt Mazurek wieder frei, weil keine Beweise gegen ihn vorliegen.

Einige Zeugen wollen zudem Klaus P., einen ortsansässigen Alkoholiker und Tagelöhner, in den Tagen vor der Entführung mit seinem Spaten auf dem Moped gesehen haben. P. ist für die Beamten kein Unbekannter, saß von April bis Mai 1981 eine kurze Haftstrafe wegen Trunkenheit am Steuer ab. Ende Februar 1982 befragen ihn die Ermittler. Gegen Ende des Gesprächs belastet er Mazurek schwer. P. gibt an, in dessen Auftrag mehrere Tage ein Loch im Wald ausgehoben und später eine Kiste darin gesehen zu haben. 1000 Mark und einen Farbfernseher habe Mazurek ihm dafür versprochen. Das Geständnis wird nicht protokolliert, die Beamten fahren mit ihm in den Wald und wollen sich die Stelle zeigen lassen. Doch P. findet sie nicht und widerruft rund drei Stunden nach dem Geständnis nahezu alles, was er gesagt hat. Er habe sich das nur ausgedacht, Mazurek habe ihn nur einmal nach einem Spaten gefragt, mehr nicht. Festgehalten wird dieses widerrufene Geständnis erst später durch ein Gedächtnisprotokoll der anwesenden Beamten.

Sämtliche von P. genannten Details waren zuvor in der Presse zu lesen. Sie konnten also nicht mehr als Täterwissen eingestuft werden. Er selbst führt später unter anderem an, er habe die Belohnung von 30.000 kassieren wollen für seine Hinweise. Als er festgestellt habe, dass er sich ja selbst belaste und das Geld daher gar nicht bekomme, sei er dann davon abgerückt. Den Namen Mazureks habe er nur genannt, weil er zuvor in der Zeitung von dessen Festnahme erfahren hatte. 

Im November 1981 wäre Ursula Herrmann elf Jahre alt geworden, doch sie starb wenige Wochen vorher

Im November 1981 wäre Ursula Herrmann elf Jahre alt geworden, doch sie starb wenige Wochen vorher

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In dieser Kiste stirbt die zehnjährige Ursula Herrmann 1981

In dieser Kiste stirbt die zehnjährige Ursula Herrmann 1981

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Ermittler schenken Geständnis keinen Glauben

Entsprechend schenken die Ermittler den Ausführungen des Klaus P. damals nicht viel Beachtung. Einer der Beamten nennt ihn 1982 in einem Bericht "psychopathischer Alkoholiker". Ein anderer Polizist attestiert ihm, unter Wahnvorstellungen zu leiden. Wiederum ein weiterer Beamter beschreibt, P. habe manchmal einfach alles gesagt, was man hören wolle.

In den kommenden Wochen, während er wegen eines Diebstahls in Untersuchungshaft sitzt, befragen die Beamten P. noch mehrmals. Den Polizisten zufolge spricht er immer wieder über das Geständnis, wiederholt Details, stellt Dinge anders dar, unterstreicht dabei aber immer wieder, dass es ja alles ausgedacht gewesen sei. Bei einem Termin im März 1982 gibt er an, Vögel pfeifen und Engel singen zu hören. Der damals zuständige Oberstaatsanwalt beschreibt P. als einen notorischen Alkoholiker, der völlig wirr gewesen sei und für ihn als Zeuge nicht in Frage komme. P. habe immer wieder etwas anderes gesagt und sich in einem Satz widersprochen.

Die Ermittlungen gegen Mazurek und P. erweisen sich als Sackgasse. Die Polizei wendet sich anderen Tatverdächtigen zu. Über die Jahre gibt es Verhöre, teilweise auch Festnahmen. Eine Anklage wird aber nicht erhoben. Gegen niemanden. Rund zehn Jahre nach der Tat stellen die Behörden die Ermittlungen ein. Klaus P. stirbt 1992.

Phase 2: Der Prozess oder die Angst vor der Verjährung

Zu Beginn des neuen Jahrtausends kommt neuer Wind in die Ermittlungen. Erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge verjährt nach 30 Jahren, in diesem Fall also 2011. Neben anderen zwischenzeitlich Tatverdächtigen rückt auch Werner Mazurek wieder in den Fokus. 2007 zapfen die Ermittler seine Telefone an. In einigen aufgezeichneten Gesprächen, von denen dem stern Abschriften vorliegen, spricht er auch über die Verjährung und explizit über den Fall Herrmann, er belastet sich dabei allerdings nicht direkt. Interesse an der Verjährung könnte er auch haben, wenn er unschuldig ist.

Ein Nachbau der Kiste und das rote Fahrrad von Ursula Herrmann bei einer Pressekonferenz 2008

Ein Nachbau der Kiste und das rote Fahrrad von Ursula Herrmann bei einer Pressekonferenz 2008

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Mazurek war wenige Monate nach der Tat nach Schleswig-Holstein gezogen. Dort findet die Polizei bei einer Hausdurchsuchung 2008 ein Tondbandgerät - und zwar eines, wie es die Erpresser damals nutzten. Mazurek will es vor Kurzem auf einem Flohmarkt gekauft haben, kann dies jedoch nicht beweisen. Bei einer früheren Hausdurchsuchung im Ort des Verbrechens im Jahr 1981 wurde kein solches Gerät bei ihm gefunden. 2008 wird Haftbefehl beantragt, 2009 startet ein Indizienprozess.

Das Gericht spricht ihn 2010 des erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge schuldig. Entscheidend dabei ist der inzwischen verstorbene Klaus P. und sein fast 30 Jahre altes zurückgezogenes Geständnis. Jahrzehnte lang schlummerte es in den Akten, ohne dass ein Staatsanwalt darauf eine Anklage gegen Mazurek aufbaute. Doch das Gericht stuft es 2010 als glaubwürdig ein.

Der Tote ist nun Hauptbelastungszeuge. Befragt werden kann er logischerweise nicht. Das Gericht wischt im Urteil, das dem stern vorliegt, jeden Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit weg. Zwei der beiden Polizisten von damals hatten im Prozess ihre Einschätzungen zum Zeugen revidiert. Klaus P. sei kein alkoholkranker Psychopat sondern ein grandioser Schauspieler und habe ein hervorragendes Gedächtnis. Das Gericht urteilt, die "hohe Detaildichte" spreche gegen eine erfundene Geschichte. Zudem habe P. - ob der Spatenfahrten selbst im Visier der Ermittler - kein Motiv gehabt, Mazurek fälschlich zu belasten.

Das zweite wichtige Indiz gegen Mazurek ist das bei ihm gefundene Tonbandgerät. Eine Sachverständige des LKA Bayern legt vor Gericht dar, dass es sich bei diesem "wahrscheinlich" um das Gerät handle, mit dem damals die Tonfolge für die Erpresseranrufe aufgenommen wurde. Es habe zwei kleine Defekte und sie könne sich "nicht vorstellen, dass es noch viele Geräte gäbe, die ein ähnliches Ergebnis brächten", heißt es im Urteil.

Zudem wird ein am Tatort gefundenes Fernglas vom Gericht Mazurek zugeschrieben. Einen Beweis dafür gibt es nicht, lediglich Aussagen von Zeugen, die mal so ein ähnliches Fernglas bei ihm gesehen haben wollen. Außerdem verfüge er über die handwerklichen Fähigkeiten, die Kiste zu bauen. Sein Motiv sei die Geldnot gewesen. Keines der Indizien ist für sich genommen stichfest. In der Summe reicht es für das Gericht jedoch aus, Werner Mazurek im März 2010 schuldig zu sprechen. Er muss lebenslang ins Gefängnis. Der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil später. Seit 2008 sitzt der heute 67-Jährige in Haft.

Werner Mazurek (r.) wird 2010 wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt

Werner Mazurek (r.) wird 2010 wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt. Er bestreitet die Tat bis heute.

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Aktuelle Zivilklage als letzte Hoffnung

Sein letzte Hoffnung ist ein aktueller Zivilprozess. Michael Herrmann, der Bruder von Ursula, ist nicht vollends überzeugt, dass der Richtige im Gefängnis sitzt, wie er dem stern bereits 2015 erzählte. Auch weil er die Wahrheit ans Licht bringen will, verklagt er Mazurek vor einem Zivilgericht zu Schadensersatz wegen psychologischer Folgeschäden durch den Prozess. Damit dieser aber dafür verantwortlich gemacht werden kann, muss das Zivilgericht ebenfalls dessen Schuld feststellen. Sollte das Gericht zu einer anderen Überzeugung kommen, müsste zwar nicht automatisch auch der Strafprozess neu aufgerollt werden. Es könnte aber für entsprechenden öffentlichen Druck sorgen. 

Mazureks Anwalt hat inzwischen ein Gutachten erstellen lassen. Demnach könne es nicht ausgeschlossen werden, dass das Geständnis von Klaus P. erfunden ist. Ein weiteres Gutachten soll auch die These widerlegen, dass das bei Mazurek gefundene Tonbandgerät "wahrscheinlich" für die Erpresseranrufe verantwortlich ist. Doch das Zivilgericht stellt sich quer, will das Gutachten aus dem Strafprozess übernehmen. Beide Parteien, der Bruder des Opfers und der verurteilte Mazurek, beantragen, dass die LKA-Sachverständige zu dem Tonbandgerät vernommen werden soll. Am Donnerstag wird die Kammer am Landgericht Augsburg dazu entscheiden.

Über Werner Mazurek, den Mann der seit 2008 in Haft sitzt, aber seine Unschuld beteuert, lesen Sie morgen mehr. Dem Fall Ursula Herrmann widmet der stern in dieser Woche drei Geschichten - über die Tat, den Prozess, und über Mazurek. Den ersten Teil lesen Sie hier.