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Verfahren in München Mutter soll Sohn hundertfach missbraucht haben

Opfer Kind: Eine Mutter aus dem Großraum München soll ihren eigenen Sohn sexuell missbraucht haben (Symbolfoto)
Opfer Kind: Eine Mutter aus dem Großraum München soll ihren eigenen Sohn sexuell missbraucht haben (Symbolfoto)
© Colourbox
Es ist ein verstörender Fall: Eine Frau aus dem Großraum München soll ihren kleinen Sohn hundertfach sexuell missbraucht haben. stern.de liegt die Anklage vor.
Von Malte Arnsperger, München

Ein kleiner Junge soll jahrelang das Objekt sexueller Begierde seiner eigenen Mutter gewesen sein. Es sind schwere Anschuldigungen, die die Staatsanwaltschaft München I gegen die heute 53-jährige Medizinerin aus dem Großraum München vorbringt: Sabine D. (alle Namen von Betroffenen geändert) habe ihren Sohn Lukas jahrelang zum Teil schwer sexuell missbraucht, heißt es in der Anklage, die stern.de vorliegt. Die kindliche Unschuld des heute Neunjährigen, sein Vertrauen, soll sie für ihre Zwecke ausgenutzt haben.

Freund erstattet Anzeige

Die Anzeige eines Bekannten der Medizinerin bringt die Ermittler im Juni 2009 auf ihre Spuren. Der Bekannte beschreibt laut Anklage, wie sich Sabine D. in der Umkleidekabine eines Modegeschäftes von ihrem Sohn unter der Kleidung an die Brust fassen lässt. Der Mann geht zur Polizei, nachdem er durch den Ehemann von D. gehört hat, dass die Haushälterin der Familie ähnliche und noch weitergehende Vorfälle beobachtet habe. Die Ermittler sprechen nun auch mit der Haushälterin Carina F. Sie stellen das Verfahren jedoch im November 2009 ein, weil sie Zweifel an deren Aussagen haben. Der Ehemann Heinz W., selber Mediziner, könnte Carina F. beeinflusst haben, befürchtet die Staatsanwaltschaft. Denn mittlerweile will das Ehepaar Sabine D. und Heinz W. die Scheidung, streitet sich um das Sorgerecht für das Kind und um Geld.

Missbrauch vor der Haushälterin?

Doch nachdem der Anwalt von Heinz W. gegen die Einstellung Beschwerde einlegt, wird Carina F. im März 2010 nochmal vernommen. Sabine D. wird kurz danach festgenommen und sitzt eineinhalb Monate in Untersuchungshaft. Denn plötzlich schenkt die Staatsanwaltschaft der Haushälterin mehr Glauben. Neue Informationen hätten ergeben, dass eine "konspirative Absprache" wohl doch nicht stattgefunden habe, teilte die Staatsanwaltschaft damals stern.de mit. Heute will sie sich nicht mehr dazu äußern.

Carina F., die von Juni 2003 bis April 2006 im Haushalt der Familie tätig war, schildert in den Vernehmungen bizarre und verstörende Dinge aus dem Alltag: November 2003, Lukas ist noch nicht mal drei Jahre alt. Carina F. sieht laut Anklage, wie Sabine D. ihren Sohn im Wohnzimmer auszieht. Dann habe die Mutter das Glied ihres Kindes zur Erektion gebracht. Die Haushaltshilfe will dagegen protestiert haben, sei aber ignoriert worden. In den Folgejahren bis Mai 2006 soll Sabine D. den Jungen immer wieder missbraucht haben. So soll sie den Penis des Jungen in den Mund genommen haben sowie sich von ihm die Brust gestreichelt haben lassen.

Dieses Streicheln will auch eine andere Haushälterin beobachtet haben, allerdings ohne sexuelle Erregung bei Sabine D. Insgesamt wirft die Staatsanwaltschaft Sabine D. 273-fachen sexuellen Missbrauch von Kindern vor, davon 41 Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs. Bei einer Verurteilung drohen der Frau bis zu zehn Jahren Gefängnis, die Mindeststrafe liegt bei zwei Jahren Haft. Die Anwälte von Sabine D. waren trotz wiederholter Kontaktversuche nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Verfahren soll im Mai beginnen

Das Verfahren, das am 11. Mai vor der 20. Strafkammer des Landgerichts München I beginnen soll, wird wohl ein aufwendiger Indizienprozess. Denn Sabine D. bestreitet die Anschuldigungen rundherum. Es könne sein, dass Lukas ihr nach dem Abstillen mal an die Brust gefasst habe. Dies habe sie jedoch nicht gewollt und ihm verboten. Vielmehr beschuldigte Sabine D. ihren Mann, hinter den Vorwürfen zu stecken, um das Sorgerecht für das Kind zu bekommen. Dies nahm sie jedoch wieder zurück. Sabine D. behauptete auch, ihr Mann habe den Sohn sexuell missbraucht und illegale Waffen besessen. Die Ermittlungen dahingehend wurden bereits eingestellt.

Aus der Anklage ergeben sich einige Fragen. So wird das Gericht klären müssen, inwieweit die Hauptbelastungszeugin wirklich glaubhaft ist. Die Staatsanwaltschaft weist in ihrer Anklage zudem darauf hin, dass sich Carina F. nicht mehr genau daran erinnern kann, wie oft der Missbrauch stattgefunden habe.

Es gibt außerdem weitere Details, die Sabine D. entlasten könnten. So hat das Kind laut Anklage ausgesagt, sein Vater sei der Urheber der Vorwürfe. Allerdings gehen die Ermittler davon aus, dass der Junge unter dem Einfluss seine Mutter steht und keine eigenen Erlebnisse berichtete. Auch liegen die angeblichen Vorfälle bereits einige Jahre zurück, konkrete Erinnerungen sind möglicherweise nicht vorhanden oder verblasst. Der Junge selber, der seit rund einem Jahr bei einer Pflegefamilie lebt, wird als Nebenkläger in dem Prozess auftreten, könnte aber eine Aussage gegen seine Mutter verweigern.

Massiver Streit zwischen Eheleuten

Zumindest teilweise fragwürdig ist auch die Rolle des Vaters. Er selber gibt an, von dem Missbrauch nichts mitbekommen zu haben, da dies stets während seiner Arbeitszeiten stattgefunden habe. stern.de hatte er im Frühjahr 2010 versichert, er habe nicht weggeschaut: "Diese Dinge fanden statt, als ich nicht dabei war." Wahrscheinlich, so denkt W., habe sich seine Frau vor der Haushälterin sicher gefühlt. Verdächtig sei ihm das Verhalten seines Sohnes erst vorgekommen, als ihm Lukas öfter zwischen die Beine gegriffen habe. Die Staatsanwaltschaft weist jedoch auf zwei Videoaufnahmen von Heinz W. hin. Zu sehen sei, wie Lukas seiner Mutter im Jahr 2004 an die Brüste greift, ohne jedoch ein Zeichen sexueller Erregung bei Sabine D. Deshalb geht die Staatsanwaltschaft auch nicht von einem strafbaren Handeln des Mannes aus.

Heinz W.'s Anwalt Johannes Hock sagte stern.de, seinem Mandanten sei es wichtig, dass sich Sabine D. vor Gericht verantworten muss. "Es ist aber eine sehr schwere Situation für ihn. Denn er selber hat von dem angeklagten Missbrauch nichts mitbekommen, ärgert sich aber, dass er es nicht bemerkt hat. Zudem muss mein Mandant als Zeuge im Prozess gegen die Frau aussagen, die er geliebt und 1996 geheiratet hat." Von Liebe ist aber zwischen dem Noch-Ehepaar keine Spur mehr, wenn man Anwalt Hock glaubt. Er beschreibt einen regelrechten Zermürbungskrieg gegen seinen Mandanten, der offensichtlich weit über die erwähnten Anschuldigungen hinausgeht. So habe Sabine D. versucht, ihren Mann mit guten Worten und Geld auf ihre Seite zu ziehen, ihm dann aber wieder gedroht. Hock: "Dieses widersprüchliche Verhalten ist der hilflose Versuch dieser Frau, sich zu retten."

Wichtig sei Heinz W. nun vor allem die Zukunft seines Sohnes, dem es aufgrund der Geschehnisse nicht gut gehe. "Ich gehe davon aus, dass mein Mandant in Kürze das alleinige Sorgerecht für den Jungen bekommen wird."


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