stern vor Ort Die Rückkehr


Keine spektakulären Ruinen - dennoch eine zerstörte Stadt. Zwölf Meter hoch stand die Elbe im sächsischen Wehlen. Die Menschen hier werden besonders hart um Hilfe kämpfen müssen. Doch sie lassen sich nicht unterkriegen.

Wolfgang ist weg. Seit fünf Tagen hat ihn keiner mehr gesehen. Wolfgang war ein Außenseiter in dem 850-Seelen-Dorf, das sich "Stadt Wehlen" nennt. Arbeitslos und ohne einen Funken Hoffnung. Draußen an der Elbe hat Wolfgang gewohnt, noch weit hinterm Friedhof. Direkt am Fluss stand die Laube, in der er hauste. Allein, seit seine Frau ihn vor Jahren verlassen hatte. Die Laube war das Einzige, was dem 50-Jährigen geblieben war. Bis die Elbe sich vor zwei Wochen über das Häuschen hermachte, tagelang ihre braune Brühe darüber wälzte. Nicht einmal das Dach konnte man mehr sehen.

Mit einem Strick unterm Arm in den Wald

Für Wolfgang war das zu viel. Eine Nachbarin hat gesehen, wie Wolfgang in den Wald ging. Mit einem Strick unterm Arm. Sie hat sich nichts dabei gedacht. In Wehlen haben sie jetzt andere Sorgen. Erst nach Tagen fiel jemandem auf, dass Wolfgang fehlte. Da erinnerte sich die Frau an den Nachbarn mit dem Seil.

Klaus Tittel, der Bürgermeister von Wehlen, ist mit Wolfgang zur Schule gegangen. Tittel glaubt, dass sein Klassenkamerad Selbstmord begangen hat. "Aber die Polizei hat keine Zeit ihn zu suchen", sagt er, "und wir auch nicht."

Das klingt hart, ist es aber nicht. Der Tittel Klaus, wie ihn seine Wehlener nennen, ist ein bäriger Kerl mit Vollbart, Fußballerwaden - und mit weichem Herz. Als er am Montag nach der Flut die Freiwillige Feuerwehr Trochtelfingen empfängt, die mit 28 Mann aus Baden-Württemberg nach Sachsen geeilt ist, muss Tittel mitten im Satz weinen.

Wehlen hat "nur" unter Wasser gestanden

Keine spektakulären Ruinen hat die Wasserwand in Wehlen hinterlassen, keine aufgerissenen Häuser, vor die man Politiker aus Berlin und Brüssel führt, um Geld locker zu machen. Wehlen hat "nur" unter Wasser gestanden. 163 Häuser, viele bis in den ersten Stock. Und die Häuser sind alt, viel Fachwerk, gebaut aus Holz, Steinen, Asche und Lehm. Mit der Bauaufsicht ist der Bürgermeister von Haus zu Haus gegangen. Hat aufgequollene Fußböden und hängende Holzdecken inspiziert. "Unbedingt abgerissen werden muss keins", sagt er. "Aber bei vielen käme ein Neubau nicht so teuer wie die Reparatur."

Und nun wimmelt Wehlen, vor der Flut ein idyllisches Touristenörtchen in der Sächsischen Schweiz, wie ein Ameisenhaufen, in den ein böser Riese aus Übermut hineingetreten ist.

Im Fachwerkhaus der Karschkes, seit 1808 in Familienbesitz und nach der Wende renoviert, hat die Elbe die Möbel geholt, Türen und Fenster schließen nicht mehr. Die Karschkes, beide um die siebzig, schlafen im feuchten Obergeschoss auf Sofas. Die Bauaufsicht hat zum Abriss geraten.

Kein Satz ohne Tränen

Aus der alten DDR-Gebäudeversicherung haben die Karschkes Hochwasserschäden herausnehmen lassen, als die Allianz die Police übernahm. »Die Beiträge waren eh hoch genug«, sagt der Alte. Seine Frau bringt keinen Satz ohne Tränen zu Ende. "Wir haben nichts mehr." Für einen Neuanfang fühlen sie sich zu alt. Dieter Karschke, Ur-Wehlener, starrt auf den Fluss, der sich an seinem Fenster vorbeiwälzt. Eine Wohnung in der Stadt will er mieten, weit weg vom Wasser. Was wird aus dem Grundstück mit dem Elbblick? "Das kauft kein Mensch mehr nach dem Hochwasser", sagt er.

Über dem Eingang des Lebensmittelgeschäfts am Marktplatz schwingt sich, umrankt von Weinreben, eine Inschrift: "In Sturm und Wetter ist Gott mein Retter." Sozialismus und Hochwasser konnten ihr nichts anhaben. Thomas Karsch, Lebensmittelhändler in der dritten Generation, dem der Fluss die Ware weggerissen hat, ist dennoch dankbar: "Wir leben noch, und unser Haus steht auch noch."

Der sehnige Endvierziger in Jeans und T-Shirt wieselt durch seinen Laden. Erklärt den Freiwilligen, wie sie den Kachelofen wegmeißeln sollen. Schreit auf, als sich ein Mülltransporter im Rückwärtsgang der Fassade bedrohlich nähert. Weist Feuerwehrleute zum Schlammschöpfen in den Keller ein.

Seine Verkäuferinnen hat Karsch nicht entlassen. Er ist wild entschlossen, weiterzumachen wie vor der Flut. Sechs Tage in der Woche, im Sommer sieben, Einheimische und Touristen mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Frisch- und Trockensortiment, Tiefkühlkost. Alles, was man in einem ordentlichen Lebensmittelgeschäft erwarten kann.

"Ich zahle die eine Hälfte und Sie die andere"

Rewe, seinen Hauptlieferanten, bittet er, ihm gebrauchte Tiefkühltruhen und -schränke kostenlos abzugeben. "Ich will alles im Haus selber machen. Aber ich bin finanziell nicht in der Lage, neue Ware zu bezahlen", barmt er. 100 000 Euro würde die Neubelieferung des Lebensmittelladens kosten. Als Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt vergangene Woche Wehlen besichtigte, hat Karsch ihm einen Finanzierungsvorschlag unterbreitet: "Ich zahle die eine Hälfte und Sie die andere." Der Ministerpräsident habe sich gewunden wie ein Furz im Taschentuch, erzählen Wehlener, die dabeistanden.

Vergessen fühlen sich die Dörfler hier unten am Fluss. Im Fernsehen findet Wehlen nicht statt. Die TV-Teams und Fotografen drängeln sich in Dresden, wenn es hochkommt noch in Pirna. Oder in Weesenstein, wegen der dramatischen Bilder. Wehlen ist ein Ort, der gefunden werden will. Eine einzige Straße führt von der Hochebene runter ins Elbdorf. Eine Sackgasse.

Christopherus in kurzen Hosen

Auch der Finanzminister des Freistaates hat den Weg gefunden. Einer seiner Mitarbeiter kommt von hier. Huckepack hat der Tittel Klaus den fülligen Finanzminister durchs Wasser getragen. Ein Christopherus in kurzen Hosen und Gummistiefeln. Tittel würde den Dr. Metz wahrscheinlich auf dem Rücken bis nach Dresden tragen, wenn er auf den Rückweg einen Sack Geld für Wehlen mitnehmen könnte. Der Schatzkanzler scheint allerdings begriffen zu haben, wo geholfen werden muss. "Das Problem sind nicht die Dresdner Kunstschätze", sagt Horst Metz. "Die sind so berühmt, dafür bekommen wir Spenden aus aller Welt. Das Problem sind die Schäden in der Provinz. Die hoch verschuldeten Gewerbebetriebe, die unversicherten Hausbesitzer, die alles verloren haben. Denen müssen wir helfen."

Gut gesprochen. Doch bis zum vergangenen Wochenende ist kein Pfennig von Bund und Land in Wehlen angekommen. Einstweilen hilft der Ort sich selbst. Im Lehrerzimmer der Dorfschule tagt pausenlos der Krisenstab aus Bauhofleiter, Feuerwehrchef und Bürgermeister. "Na, ihr Etappenhengste", frotzelt der eintretende Bauunternehmer aus Heidenau. Zwei Bagger und vier Lastwagen hat er im Einsatz. Er hofft, dass ihm der Landrat den Katastropheneinsatz bezahlt. "Schnell und unbürokratisch", sagt er. Alle lachen.

An Aufbau ist noch nicht zu denken

Der Krisenstab koordiniert den Einsatz der Feuerwehren, teilt die freiwilligen Helfer ein. Organisiert die Hepatitis-Impfung der Dorfkinder. Sucht Zwischenlager für Zehntausende Tonnen quatschnassen Sperrmüll, der aus den Häusern gerissen werden muss, damit er trocknen kann. An Aufbau ist in Wehlen noch nicht zu denken. Abriss ist das Gebot der Stunde.

Wie bei den Heimbolds in der Rosenstraße. Im April 2001 haben sie ihr Haus für 85 000 Mark gekauft und drei Ferienwohnungen darin eingebaut. Kostenpunkt: 300 000 kreditfinanzierte D-Mark. Im Internet warben sie mit Bildern von freundlichen Fremdenzimmern. Am 3. August, zur Einschulung der jüngsten Tochter, sind sie fertig geworden, gaben ein Fest für Freunde und Verwandte. Elf Tage später kam die Elbe und zerstörte den Traum vom Glück.

Thomas Heimbold und seine Frau Kerstin geben nicht auf. Gemeinsam mit den Eltern reißen sie alles, was sie im letzten Jahr eingebaut haben, wieder raus. Bereiten den Bau für einen Neuanfang vor. Die Heimbolds wissen, dass das nur mit Zuschüssen klappen kann. Neue Kredite, selbst wenn sie die erhielten, könnten sie nicht bezahlen. Von der Versicherung haben sie nichts zu erwarten.

Prinzip Hoffnung

Hochwasserschäden sind ausgeschlossen. Was bleibt, ist das Prinzip Hoffnung und die Hilfe der Eltern. Opa Alfred, dessen Familie im Februar 1945 beim Großangriff auf Dresden schon einmal alles verloren hat, packt mit an. Oma Inge spachtelt die nassen Tapeten von den Wänden. "Es muss wieder losgehen", sagt der Rentner. "Nächstes Jahr muss es geschafft sein."

Es sind die aktivsten Wehlener, die es am härtesten getroffen hat. Menschen, die sich nach dem Zusammenbruch der Ost-Ökonomie nicht aufs Jammern verlegten, sondern ihr Schicksal in die eigenen Hände nahmen, eine Perspektive für sich und ihre Kinder gesucht und gefunden haben. Wenn diese Menschen jetzt aufgäben, stünde es um Wehlen schlimmer als nach der Wende.

"Hier gibt es bald viel für uns zu tun"

Auf der anderen Elbseite, im Ortsteil Pötzscha, hat Thomas Mate für seine vierköpfige Familie ein 400 Jahre altes Haus am Fluss restauriert. Unten Elbsandstein, oben Lehmfachwerk, mit Holz verschalt. Das Wasser stieg bis ins erste Stockwerk. Frau, Kinder und seinen Vater hat der 29-Jährige mit dem Schlauchboot gerettet, weil die Elektroanlage das Wasser im Erdgeschoss zum Kochen brachte. Thomas Mate ist Feuerwehrmann und Bauunternehmer. Seine acht Mitarbeiter hat er nicht entlassen. "Hier gibt es bald viel für uns zu tun«, glaubt er. Und hofft, mit dem Geld, das er beim Aufbau verdient, auch sein eigenes Haus wieder hinzukriegen. »Es dauert nur einfach länger jetzt."

Sie haben mit und vom Strom gelebt, die Leute von Wehlen. Als Schiffer, als Fischer, als Pensionswirt oder Hotelier. "Man muss mit dem Fluss groß geworden sein, um ihn zu verstehen", sagt Bürgermeister Tittel, der in der Rosenstraße geboren wurde, mit Blick auf die Elbe. An Tittels Rathaus hängt eine Latte mit den Markierungen der Hochwasser vergangener Jahrhunderte. Als die Wehlener vorletzte Woche eine neue Rekordmarke anbringen wollten, staunten sie. 1845 nämlich, kaum zu glauben, stand die Elbe noch 30 Zentimeter höher im Dorf als 2002. Und die Altvordern haben damals auch nicht aufgegeben.

Ausgerechnet die Russen

Eine Woche nach dem Hochwasser nehmen die Wehlener sogar den Fluss wieder in Besitz. Und ausgerechnet die Russen helfen. Zwei schwimmende Bergepanzer hat Präsident Putin, einst KGB-Mann in Dresden, an die Elbe geschickt. Die harten Burschen vom Zentralen Russischen Luftbeweglichen Rettungsteam ziehen den stählernen Fähranleger auf dem Pötzschaer Ufer zurück in den Fluss.

Am Ponton auf der Wehlener Seite aber scheitern sowohl die Russen als auch ihre deutschen Kollegen vom THW. Er liegt verkantet auf der Kirchhofmauer. Aber der Tittel Klaus wäre nicht Bürgermeister, wenn er vor diesem Problem klein beigäbe. Mit dem THW-Laster schafft er Strohballen von einem Bauern im Oberland herbei. Die sollen den Aufprall des Anlegers abfedern. Dann bittet er die "Sachsenwald" um Hilfe. Das Wehlener Dampfschiff, Baujahr 1914, hat das Hochwasser auf dem Fluss einfach ausgeschwommen. Schiffer Bernd Frenzel lässt sein Tau an dem Ponton am Ufer befestigen. Die "Sachsenwald" nimmt Anlauf. Volle Kraft voraus. 220 Pferdestärken straffen das Seil. Ein kurzer Ruck, und der Anleger rumst von der Kirchhofmauer, gleitet knirschend zurück in die Elbe. Jubelschreie schallen über den Fluss.

Die Elbe begibt sich wieder in ihr Bett

Dann wird es endlich still in Wehlen. Es ist acht Uhr abends. Die Müllschlepper sind für heute verschwunden. Die Notstromaggregate abgeschaltet. Aus der Asche der Holzfeuer steigt dünner Rauch in den blauen Himmel. Orangefarben leuchten die Felsen der Bastei in der Abendsonne. Die Elbe hat sich wieder in ihr Bett begeben. Aus einem Ponton, den die Russen aus dem Strom gezogen haben, flattert eine Fledermaus. Sie muss in einer Luftblase unter Wasser überlebt haben. Taumelnd fliegt sie zur Kaimauer, klammert sich kopfüber daran fest. Als sie sich ein wenig erholt hat, flattert sie weiter. Zum Glück gibt es nach dem Hochwasser eine Menge Mücken in Wehlen. Die wird die Fledermaus fangen, um wieder zu Kräften zu kommen.

Werner Schmitz / Mitarbeit: Johanna Metz print

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