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S. Steinitz: Emanzitiert: Irland sagt "Yes" - doch das Gift der Abtreibungsgegner tröpfelt weiter

Gegen den Widerstand katholischer Priester stimmen die Iren für die Möglichkeit der legalen Abtreibung. Doch an anderen Stellen Europas beginnt der Kampf gerade von Neuem.

Abtreibungsvoting Irland

"No to Baby Killers", steht auf dem Pappschild dieser Abtreibungsgegnerin in Dublin. Sie stört eine Aktion von Aktivisten, die sich (anders als es die No-Schilder vermuten lassen) für ein "Yes" einsetzen. 

DPA

Es war ein beispielloser Akt der Solidarität mit Frauen, die sich in einer persönlichen Zwangslage befinden – und ein Zeichen dafür, dass Irland aus den zahllosen menschlichen Tragödien, die das Abtreibungsverbot über die Jahrzehnte auslöste, gelernt hat. Für das Referendum sind Tausende aus allen Winkeln der Erde in ihre Heimat zurückgekehrt, um abzustimmen. Umfragen lassen ein lautes "Yes" erwarten, das Ergebnis soll heute Nachmittag bekannt gegeben werden.

Der Zusatzartikel Acht der irischen Verfassung dürfte damit Geschichte sein. Er reiht das Recht auf Leben für Ungeborene gleichauf mit dem von Geborenen. Das klingt vordergründig einleuchtend, wenn man ein katholisches Weltbild vertritt, nach dem das Leben mit dem Verschmelzen von Ei- und Samenzelle beginnt. In der Praxis bedeutet es jedoch in Irland bisher, dass selbst im Fall einer Vergewaltigung, von Inzest oder wenn der Fötus schwere oder lebensbedrohliche Fehlbildungen zeigt, die Betroffene bisher kein Recht darauf hatte, die Schwangerschaft zu beenden.

Erst 2012 starb eine 32-jährige Zahnärztin, weil bei ihr trotz einer beginnenden Fehlgeburt kein Abbruch vorgenommen wurde. Solange beim Fötus ein Herzschlag festgestellt werden konnte, waren den Ärzten die Hände gebunden. "Dies ist ein katholisches Land", sagte eine Hebamme überdies zu der gebürtigen Inderin. Die Frau erlitt in Folge einer Reihe medizinischer Fehler einen septischen Schock und starb Tage später. Ihr Name, Savita, schwebte wie ein mahnender Schatten über diesem Referendum.

Künftig sollen derartige Tragödien verhindert werden. Irinnen sollen auch nicht mehr ins Ausland fahren müssen, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Mindestens 3000, laut Amnesty International sogar über 4000 Frauen und Mädchen traten bisher jedes Jahr diesen Weg an. "Travel" nennt man das im Volksmund verschämt, und fast jede Frau kennt eine andere Frau, die es erlebt hat – die Angst, die Demütigung, die Einsamkeit auf ihrem schweren Weg. Erst im März wurde der Fall einer Zwölfjährigen bekannt, die für einen Schwangerschaftsabbruch nach England gebracht wurde. Die Alternative bedeutete für irische Mädchen und Frauen oft seelisches Trauma oder – gerade in kleineren Gemeinden – sozialen Abstieg und Stigmatisierung. Es ist ein seltsames Paradoxon wertkonservativer Systeme: Dieselbe Gesellschaft, die dir erklärt, du müsstest das Leben in deinem Bauch schützen, stößt dich in dem Moment aus, indem du es tust. 

Die Iren haben ihren Irrtum erkannt

Es waren die Iren selbst, die 1983 mehrheitlich für die Einführung des Zusatzparagrafen Acht stimmten. Damals gab es noch die berüchtigten "Magdalene Laundries", die Magdalenen-Wäschereien, in die auch ledige Mütter eingewiesen wurden, wo Frauen unter Zwangsarbeit und Gewalt litten. Die letzte Einrichtung dieser Art schloss erst 1996. Das irische Volk hat nun seinen Irrtum erkannt. Es hat sich mit seinem Ja für europäische Werte und für einen gerade beim Thema Abtreibung dringend nötigen differenzierten Blick auf das Recht auf Leben entschieden.

Laut einer Meinungsumfrage aus dem Jahr 2015 sind 81 Prozent der irischen Bevölkerung für die Möglichkeit einer legalen Abtreibung, wenn die Schwangerschaft Folge von Inzest ist, die Gesundheit der Schwangeren gefährdet oder der Embryo nicht überlebensfähig ist. Das klingt auf den ersten Blick wie ein großer Fortschritt, tatsächlich aber fehlt eine entscheidende Einsicht, nämlich, dass es keinen Sinn hat, überhaupt Auflagen zu schaffen, unter denen es erlaubt sein soll, eine Schwangerschaft zu beenden. Es bringt nichts, Frauen zum Gebären eines Kindes zu zwingen. Jeder Versuch, die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs per Gesetz oder mittels Moralkodex oder unter Behauptung einer göttlichen Gesetzgebung einzuschränken, führt unweigerlich zu persönlichen Tragödien und nationalen Traumata. Die Geschichte führt uns das immer und immer wieder vor Augen.

Der Kampf geht in Europa weiter

Während wir in Europa genüsslich reaktionäre Weltbilder in islamischen Ländern anprangern, erklären katholische Priester im Irland des Jahres 2018, dass eine Frau, die ihr Kind töte, bevor es das Sakrament der Taufe erhält, dessen Seele zu einem Schattendasein zwischen Himmel und Hölle verdamme. Kein Gesetz hindert sie daran, dieses Gift in die Herzen der Menschen zu tropfen. Und das Gift frisst sich durch Europa, immer noch und schon wieder, verbreitet von reaktionären, mitunter aus den USA finanzierten Organisationen, bestärkt von populistischen Regierungen, die sich von der Zuwendung zu konservativ-klerikalen Kreisen einen Machtausbau erhoffen. In Irland ist eine wichtige Schlacht gewonnen. In Polen dagegen hat der Krieg gerade erst wieder begonnen. Und es ist ein Krieg – ein Krieg um Macht, der einmal mehr über die Körper von Frauen und deren Recht auf Selbstbestimmung ausgefochten wird.

Es gibt ein berühmtes Protestplakat aus den USA: "I can't believe I still have to protest this shit – ich kann nicht glauben, dass ich gegen diese Scheiße immer noch demonstrieren muss", schrieb eine alte Dame anlässlich einer Demo für Frauenrechte auf ihr Plakat. Wir sollten uns darauf einstellen, dass jede Generation für das Recht auf Abtreibung von Neuem aufstehen wird müssen. Die entschlossene Mehrheit der Iren hat uns gerade gezeigt, wie das geht.

Zum Shitstorm? Zur Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.