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Bremische Bürgerschaft: Kein Geld für Flüchtlinge - aber für Designer-Stühle

Während in Bremen eine Flüchtlingsunterkunft wegen "unzumutbarer Zustände" geschlossen wird, will die Stadt 260.000 Euro ausgeben - um den Abgeordneten in der Bürgerschaft bequemere Stühle zu kaufen.

Die Stühle des Anstoßes: Wie unerträglich sind die Zustände in der Bremer Bürgerschaft?

Die Stühle des Anstoßes: Wie unerträglich sind die Zustände in der Bremer Bürgerschaft?

Dunkelrot sind sie, um die 50 Jahre alt, eckig - und offensichtlich furchtbar unbequem: Die Stühle in der Bremischen Bürgerschaft sorgen an der Weser derzeit für heftige Diskussionen. Die Bremer Politiker finden ihre Sitzgelegenheiten ungemütlich, schon seit Jahren klagen sie darüber. Nun wollen sie die Stühle durch neue ersetzen - laut "Weser-Kurier" für gut 2000 Euro pro Stück. Bei 130 Sitzgelegenheiten würde sich die Rechnung somit auf stolze 260.000 Euro belaufen. Das Problem: Bremen muss eigentlich eisern sparen. Und erst vor wenigen Tagen hat die Polizei eine Unterkunft geschlossen, in der die Stadt Flüchtlinge untergebracht hatte. Grund der Schließung: "unzumutbare Zustände".

Während es also an der einen Stelle am Notwendigsten fehlt, wird andernorts geklotzt. Die Stühle stammen noch aus den 60ern, sie sind genau auf die Architektur des Gebäudes abgestimmt, was auch Denkmalschützer auf den Plan gerufen hat. Die neuen Sessel, befanden sie, müssten in Farbe und Art zum restlichen Erscheinungsbild passen.

Mehrmals trafen sich die Spitzen der Parteien zum Probesitzen und stimmten sich mit Architekten und Denkmalpflegern ab. Schließlich einigte man sich auf einen Stuhl der Marke "Eames Aluchair". Der soll in Sachen Komfort, Formgebung und Farbe allen Ansprüchen gerecht werden, aber doppelt so teuer sein wie mögliche Alternativen. Auch der Steuerzahlerbund hat sich bereits zu Wort gemeldet. Eine Viertelmillion Euro für kaum genutzte Stühle bei der schlechten Bremer Haushaltslage - da gehe "das rechte Maß verloren", kritisierte er.

Auch im "Weser Kurier" wurde die Sache kritisch kommentiert. Unter anderem veröffentlichte die Zeitung eine Karikatur des Cartoonisten Til Mette, mit der er die Unverhältnismäßigkeit der Stuhlpreise angesichts der Flüchtlingsproblematik aufs Korn nimmt. Prompt erhielt der Karikaturist eine verschnupfte Email eines Abgeordneten: Er lade ihn ein, "in der März-Sitzung auf meinem 'bequemen' Sessel drei Tage Plenum zu sitzen", schrieb er. Mette ist nicht abgeneigt. Er nehme das Angebot gerne an, kündigte er schon an - "auch um zu testen, ob man nicht evtl. aus den alten Sesseln wenigstens kleine Flüchtlingsbettchen machen könnte."

Carina Braun