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14-seitiger Fragebogen Tod von George Floyd: So werden die Jurymitglieder im Derek-Chauvin-Prozess ausgewählt

"Black Lives Matter"-Demonstration in Minneapolis
Sehen Sie im Video: Viele US-Amerikaner demonstrieren zum Prozessauftakt um George Floyds Tod.








Demonstranten in Minneapolis in den USA haben am Sonntag an den in Polizeigewahrsam gestorbenen 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd erinnert. Sie trugen eine Sargatrappe durch die Innenstadt. Am Montag beginnt im Bundesstaat Minnesota der Prozess gegen den mittlerweile entlassenen Polizisten Derek Chauvin, dem Mord zweiten Grades vorgeworfen wird, was etwa Todschlag in einem besonders schweren Fall entspricht. Darauf stehen bis zu 40 Jahre Haft. Im Mai 2020 hatte er Floyd bei einer Polizeikontrolle wegen Falschgelds neun Minuten lang das Knie auf den Hals gedrückt. So zeigt es ein Video, das von einem Passanten aufgenommen wurde. Darauf ist auch zu hören, wie Floyd mehrfach sagt, dass er keine Luft bekomme. Wenig später wurde sein Tod festgestellt. Die Aufnahmen hatten weltweit für Entsetzten und überall in den USA für Proteste gegen Polizeigewalt gesorgt.
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Die Bilder der Tötung von George Floyd im Mai 2020 gingen um die ganze Welt. Nun drohen Derek Chauvin als einem der Beschuldigten bis zu 40 Jahre Haft. Für den Prozess beginnt ab Montag das Auswahlverfahren für die Geschworenen. Potenzielle Juroren müssen hierzu einen 14-seitigen Fragebogen beantworten.

Der Tod des 46-jährigen Schwarzen George Floyd am 25. Mai 2020 war der Auslöser für die Black-Lives-Matter-Proteste. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie der Polizist Derek Chauvin sein Knie fast neun Minuten auf den Hals von Floyd drückt – bis dieser starb. Nun muss sich Chauvin als erster der vier angeklagten Polizisten wegen Mordes zweiten Grades und Totschlags zweiten Grades vor Gericht verantworten – dafür könnte er bis zu 40 Jahre hinter Gitter gehen. Die anderen drei ehemaligen Beamten sollen später in diesem Jahr gemeinsam vor Gericht stehen. Ab Montag beginnt der Auswahlprozess für die insgesamt 14 Geschworenen im Chauvin-Prozess.

Einspruchsrecht der Konfliktparteien

Aus einem Pool von Bürgern des Hennepin County im US-Bundesstaat Minnesota sollen für das Verfahren zwölf Geschworene und vier Ersatzleute ausgewählt werden. Um die Unvoreingenommenheit der Jury zu gewährleisten, müssen die potenziellen Mitglieder einen 14-seitigen Fragebogen ausfüllen. Darin wird zum Beispiel abgefragt, wie oft sie das Video vom gewaltsamen Tod des 46-Jährigen gesehen, oder ob sie an den daraus resultierenden Black-Lives-Matter-Protesten teilgenommen haben. Medienberichten zufolge sollen ab Montag jeden Morgen und Nachmittag vier Menschen einzeln befragt und ob ihrer Eignung beurteilt werden. Bei der Auswahl haben sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung ein Einspruchsrecht. Die Parteien könnten Richter Peter Cahill "aus einem wichtigen Grund" um die Entlassung eines potenziellen Geschworenen bitten, sollten sie bei der Befragung eine Befangenheit feststellen. Aber auch der Einspruch könnte wieder gekippt werden: Sollte eine Seite den Verdacht hegen, dass das mögliche Jurymitglied aufgrund des Geschlechts oder der Ethnie diskriminiert wurde, so könne gegen die Entlassung wiederum Einspruch eingelegt werden. Das Auswahlverfahren kann Wochen dauern – weswegen der eigentliche Prozess wohl nicht vor Ende März beginnen dürfte.

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Der Fragebogen: von Lieblingspodcast bis zu Trickfragen

In diesem Fall sei der vorgerichtliche Fragebogen detaillierter und persönlicher als in den meisten anderen Fällen, erklärt Valerie Hans, eine Geschworenenforscherin an der Cornell Law School, laut "BBC". Für gewöhnlich würden Anwälte nur Grundinformationen wie etwa den Familienstand oder den Beruf erfahren. Beim Chauvin-Prozess würden die potenziellen Geschworenen jedoch nach ihren "tiefsten Einstellungen zu einigen der wichtigsten politischen und sozialen Themen des Tages" befragt. Der "New York Times" zufolge haben sowohl Verteidiger als auch Kläger in der Regel Einfluss auf die Gestaltung des Fragebogens – die finale Ausrichtung bestimme jedoch der Richter.

Gleich zu Beginn werden die Teilnehmer dazu aufgefordert, ab sofort keine Nachrichten mehr zu lesen oder anzusehen, die in irgendeiner Weise mit dem Fall zu tun haben und niemanden von ihrer möglichen Rolle im Prozess zu erzählen. Erst nach Abschluss des Prozesses würde die Identität des potenziellen Jurors öffentlich gemacht. Auf den folgenden 13 Seiten wird detailliert auf die persönliche Einstellung und Erfahrungen des Befragten eingegangen. Selbst nach Hobbys und Lieblingspodcasts wird hier gefragt. Der Fragebogen gliedert sich dabei in sechs Kategorien: "Kenntnis des Falls", "Mediengewohnheiten", "Polizeikontakte", "persönlicher Hintergrund", "Meinungen bezüglich des Justizsystems" sowie "Prozessdauer und Diensttauglichkeit".

Einer der entscheidendsten Punkte dürfte das Wissen eines Jurymitglied über den Fall sein. Dabei sei es nicht das Ziel jemanden zu finden, der noch nie von George Floyd gehört hat, so die "New York Times". Jeder, der dies behaupte, könne als "inkompetent" oder "unehrlich" angesehen werden. Im Allgemeinen werde die Verteidigung nach politisch konservativen Juroren suchen. Wichtig sei auch die Frage: "Haben Sie mit einer Drogensucht zu kämpfen?". Da Floyd zum Zeitpunkt seines Todes Fentanyl und Methamphetamin in seinem Körper hatte, würden die Verteidiger wahrscheinlich argumentieren, dass er an einer Überdosis gestorben ist. Auch gebe es Trickfragen wie "Wollen Sie in diesem Fall als Geschworener dienen?" Antworte der Befragte mit "ja" liege der Verdacht der Voreingenommenheit nahe.

Quellen: Geschworenen-Fragebogen Hennepin County; "BBC"; "New York Times"

yks

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