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Trotz negativen Schufa-Leumunds: 80.000 arme Leute haben wieder ein Konto

In Deutschland gibt es Hunderttausende ohne Girokonto. Grund: Sie haben bei der Schufa das Prädikat "kreditunwürdig". Die Sparkasse sorgt für Abhilfe. Das "Konto für jedermann" kommt an.

Ein Leben ohne eigenes Konto - wie soll das gehen? Wie zahlt man da Monat für Monat die Miete und die Stromrechnung? In Deutschland gibt es Hunderttausende, die es wissen, weil sie jahrelang ohne Girokonto auskommen mussten. Die Betroffenen haben negative Schuf-Einträgen. Es sind also Bürger, die sich überschuldet haben und deshalb das Prädikat "kreditunwürdig" erhalten haben. Reicht der finanzielle Rückhalt nicht aus und wird die Bonität als schlecht eingestuft, verweigern Banken die Eröffnung von Girokonten. Sie müssen daher Zahlungen "cash" vornehmen. Ist das nicht möglich, müssen sie auf teure Barüberweisungen zurückgreifen. Ohne Girokonto ist es schwierig oder gar unmöglich, eine Wohnung und einen Arbeitsplatz zu bekommen, ja noch nicht mal einen ein Handyvertrag abzuschließen. Seit Jahren wird in Deutschland über ein Recht auf ein Girokonto diskutiert.

Die Sparkassen starteten vergangenes Jahr eine Initiative, um für Abhilfe zu sorgen. Seit Oktober bieten sie das "Konto für jedermann" an, das ausschließlich auf Guthabenbasis funktioniert. Überziehungen sind nicht möglich. Jeder, der möchte, kann wieder am bargeldlosen Zahlungsverkehr teilnehmen. Das Angebot der Sparkassen stieß im ersten halben Jahr nach seiner Einführung auf breite Resonanz. Seit dem Start wurden rund 80.000 "Bürgerkonten" eingerichtet, wie die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf eine Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage der SPD berichtet. Die Angaben beruhen auf Auskunft des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.

Die deutsche Kreditwirtschaft hatte sich nach SPD-Angaben 1995 dazu verpflichtet, allen Kunden, die wegen eines schlechten Leumunds bei der Schufa kein normales Girokonto bekommen, wenigstens ein "Konto für jedermann" einzurichten. Die Banken setzten das Vorhaben nur zögerlich um. Inzwischen gibt es zwar nach Angaben der Deutschen Kreditwirtschaft hierzulande mehr als zwei Millionen solcher Konten, etwa die Hälfte davon bei den Sparkassen. Nach Schätzungen der EU-Kommission hatten in Deutschland im Jahr 2011 aber immer noch 670.000 Menschen, die älter als 15 Jahre sind, kein Bankkonto.

Das seit Oktober angebotene Bürgerkonto geht in zwei Punkten über die Selbstverpflichtung der Branche hinaus: Bei den Entgelten ist die Sparkassen-Variante nicht teurer als normale Konten mit Überziehungsmöglichkeit. Das Unternehmen verpflichtete sich außerdem, Schlichtersprüche zu diesen neuen Konten anzuerkennen. Das heißt: Wenn ein Konto geschlossen werden soll, kann der Kunde Einspruch erheben. Die Entscheidung wird von einem Unparteiischen überprüft. Erhält der Bürger Recht, zieht die Sparkasse ihr Vorhaben zurück.

"Die große Zahl der bisher eingerichteten Basiskonten zeigt den enormen Bedarf für viele Menschen, die bisher unfreiwillig kein Girokonto bei ihrer Bank bekamen", sagte SPD-Finanzexperte Carsten Sieling der "Süddeutschen Zeitung". Verbraucherschützer und Politik kritisieren die Kreditwirtschaft seit längerem für zögerliche Angebote. Die Initaitive der Sparkasse war einhellig begrüßt worden. Die EU-Kommission will einen Anspruch auf ein Bürgerkonto europaweit durchsetzen.

tso