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Überwachungsvideo: Gefilmte Zärtlichkeiten empören Chinesen

Umarmen, küssen oder Nase putzen: Damit riskiert man, weltweit zum Gespött zu werden - zumindest in Shanghai. Das Video einer U-Bahn-Überwachungskamera ist dort ins Internet gelangt. Sehr zum Leidwesen des geflimten Liebespärchens.

Von Ellen Deng, Peking

Die beiden verabschiedeten sich an den Eingangsschranken der U-Bahn voneinander, küssten und umarmten sich heiß und innig, konnten nicht voneinander lassen... Jetzt kann man sie auf You Tube und chinesischen Websites dabei beobachten.

Man hört auf dem Video Stimmen, mutmaßlich von Sicherheitspersonal der U-Bahn in einem Überwachungsraum, die in Shanghaier Dialekt das Geschehen laut kommentieren und sich darüber amüsieren. Die Kamera bewegt sich, einer der Aufseher erteilt "Regie-Anweisungen": "Tiefer, näher drauf, ich kann die Zunge nicht sehen". Dann heißt es: "Mann, ist die geil!" und "sie sieht deutlich besser aus als ihr Freund". Ein Telefon klingelt, eine Frau sagt, sie wolle jetzt nicht abnehmen, sondern sich weiter auf die Szene konzentrieren.

Empörte Chinesen schreiben im Internet: "Diese Sicherheitsleute sind Freaks", "sie sind schamlos", "unmoralisch". Obwohl es auch einige Chinesen gibt, die es unpassend finden sich in der Öffentlichkeit "so zu küssen", richtet sich die Kritik vor allem gegen die, die das gefilmt und ins Netz gestellt haben. "Jeder ist voyeuristisch, jeder hört gern Gerüchte über das Privatleben anderer Leute", sagt eine Pekinger Büroangestellte, die jeden Tag mit der U-Bahn fährt. "Aber das geht zu weit! Die missbrauchen ihre Macht."

Bis zu 200.000 Kameras in Shanghai

2004 kündigte die Shanghaier Stadtregierung an, sie wolle 200.000 versteckte Kameras aufstellen, um ein "umfassendes soziales Kontrollsystem einzurichten". Damals schon fürchteten Bürger und Anwälte, dies könne zu Missbrauch führen. Niemand weiß, ob dieser Plan seither umgesetzt wurde oder nicht.

Die Shanghaier U-Bahn schweigt darüber, wer das Video an die Öffentlichkeit gebracht hat. Aufmerksame Shanghaier meinen erkannt zu haben, um welche Station es sich handelt. Ein Netzbenutzer, der sich Berns nennt, wirft nun ein anderes Problem auf: "Machen die Blogger, die das Video auf ihre Seite stellen und darauf die mutmaßlichen Sicherheitsleute kritisieren, nicht das Gleiche wie die? Sie sollten die Gesichter des Pärchens verfremden!"

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