Verwahrloste Mädchen Eltern verlieren Sorgerecht


Das Familiengericht Bremen hat die beiden verwahrlosten Mädchen, die die Polizei in einer völlig verdreckten Wohnung gefunden hatte, unter die Obhut des Staates gestellt. Die Beamten waren nur zufällig auf die beiden Kinder aufmerksam geworden, als sie in einer anderen Sache ermittelten.

Die fünf und acht Jahre alten verwahrlosten Mädchen aus Bremen sind am Freitag unter die Obhut des Staates gestellt worden. Das hat das Familiengericht nach einem Eilantrag der Sozialbehörde entschieden. Der Leiter des Amtes für soziale Dienste, Peter Marquard, sagte am Freitag auf einer Pressekonferenz: "Das Familiengericht hat uns jetzt mit der Vormundschaft beauftragt." In den kommenden Monaten werde geprüft, ob die Eltern in der Lage seien, sich um die Kinder zu kümmern. Vorerst dürften sie ihre acht und fünf Jahre alten Töchter allerdings nicht sehen.

Bereits im vergangenen November sollte den Eltern das Sorgerecht entzogen werden. Das Gericht hatte damals noch eine entsprechende Klage des Jugendamtes abgewiesen. "Die Rechtsposition des Jugendamtes ist seit heute eine andere", sagte der Leiter des Amtes für Soziale Dienste, Peter Marquard.

Keine Anzeichen für Misshandlungen

Die Situation in der Wohnung habe sich in den vergangenen zwei bis drei Wochen zugespitzt, so Peter Lohmann, Sprecher der Behörde. Die beiden Mädchen im Alter von fünf und acht Jahren waren am Mittwoch von der Polizei aus der völlig verdreckten Wohnung geholt worden.

"Der Gesundheitszustand der Kinder ist gut", sagte der Sprecher. Es gebe keine Anzeichen auf Misshandlungen. Nach der abgewiesenen Klage im vergangenen Jahr sei mit der Schule und dem Kindergarten der Mädchen eine Vereinbarung getroffen worden. Falls eines der Kinder fehle, sollte sofort das Jugendamt informiert werden.

Die Familie sei das letzte Mal im Februar aufgesucht worden. Danach habe es keine Anzeichen mehr auf eine akute Kindeswohlgefährdung gegeben. Auch von der Schule des älteren Mädchens seien eher Hinweise auf eine Besserung gekommen.

Vater nahm sich "Auszeiten"

Die "Bremer Nachrichten" berichteten, Mutter und Töchter hätten in einer 60 Quadratmeter großen Kellerwohnung gelebt. Der 53-jährige Vater habe sich für 14 Tage in seinen Schrebergarten zurückgezogen. Die Zeitung zitiert ihn mit den Worten: "Ich dachte, sie schafft das." Seine Lebensgefährtin habe 2001 ein schlimmes Erlebnis gehabt und sei mit dem Familienalltag immer wieder überfordert gewesen. Die Familienverhältnisse seien so schwierig gewesen, dass er sich immer wieder "Auszeiten" genommen habe, sagte der Vater dem Blatt weiter.

Allerdings habe er auch betont, er habe nach den Kindern gesehen - "und zwar täglich". Aufgefallen sei ihm indes nichts. Er habe die achtjährige Tochter einmal aufgefordert, sich einen sauberen Pulli anzuziehen. "Kinder machen sich nun mal schmutzig", sagte der 53-Jährige den "Bremer Nachrichten" zufolge weiter.

In der Wohnung im sozial schwachen Bremer Stadtteil Gröpelingen, in dem 2006 auch die Leiche des kleinen Kevin gefunden wurde, bot sich den Beamten am Mittwoch ein erschütterndes Bild: Überall lagen Fäkalien, Müll und verschimmelte Essensreste. An der Heizung war ein Hund angekettet, der Urin und der Kot zweier Katzen und eines Hasen lagen in den Räumen. Die Polizei werde weiter ermitteln, sagte ein Sprecher. Es lägen Straftatbestände vor wie eine Fürsorgepflichtverletzung.

Die oppositionelle CDU in Bremen wertete den neuen Fall als weiteres Indiz für das Versagen der SPD-geführten Sozialbehörde. 2007 nahmen die Fälle von Sorgerechtsentzug in Bremen drastisch zu. Gab es 2006 noch 56 Fälle in denen der vollständige oder teilweise Entzug der elterlichen Sorge gerichtlich angeordnet wurde, waren es ein Jahr später 126, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit.

DPA/AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker