"NEON"-Videoreportage Die mutigen Helden von Aleppo

Die NEON-Reportage "Die Trümmermänner" können Sie hier lesen.
Skript: Wenn die Kampfhubschrauber am Himmel von Aleppo auftauchen, beginnt für sie der Arbeitstag. Eine kleine Gruppe freiwilliger Helfer, die in der syrischen Stadt geblieben sind. Das Ziel der Männer: Zivilisten bergen nach Angriffen der Armee des Machthaber Baschar al-Assad. Carsten Stormer war für die Neon in Syrien und hat ihre Arbeit dokumentiert. Der Ablauf ist fast immer gleich: Ein schwarzer Punkt am Himmel. 20 Sekunden später schlägt die ein. Der Einsatzort der jungen Männer: immer da, wo der Rauchpilz in den Himmel ragt. Jeden Tag. Die Bombe ist in einem Wohnhaus eingeschlagen. Nach der Ankunft geht alles ganz schnell. Einige Menschen können die Helfer noch retten. Diesen Jungen nicht. Er ist höchstens elf oder zwölf Jahre alt. O-TON: Wir konnten ihn bergen, aber wir konnten ihn nicht ins Krankenhaus bringen. Er war zu schwer verletzt. Sein Herz hatte Verletzungen. Das ist das Blut eines Kindes. Khaled Hadscho führt die Truppe an, die sich selbst Civil Defence Force nennt, kurz CDF. Eine Mischung aus Notarzt, Feuerwehr und technischem Hilfswerk. Junge Männer zwischen 16 und 30. Vor dem Krieg hatten sie normale Berufe, arbeiteten wie ihr Anführer Khaled als Anwalt oder haben studiert. Heute sind sie Aleppos Trümmermänner. Ahmed Al-Radschab ist schon lange dabei. Was er täglich sieht, lastet auch auf ihm. O-TON: Die Fassbomben verursachen eine unglaubliche Zerstörung. Sechs Gebäude wurden zerstört, ebenso Geschäfte, fünf Menschen wurden getötet, fünf verletzt. Fassbomben sind Ölfässer, gefüllt mit Eisenschrott und Sprengstoff – Seit November 2013 wirft die syrische Luftwaffe in Aleppo täglich solche Sprengsätze ab. Auf Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser oder Märkte, auf die eigene Bevölkerung. 2000 Menschen sind laut der NGO »Syrian Observatory for Human Rights« durch derartige Angriffe im ersten Halbjahr 2014 in Aleppo getötet worden. Darunter fast 300 Frauen und 600 Kinder. Viel Leid, das auch Khaled Hadscho und sein Team vom CDF nicht verhindern können. Höchstens ein wenig mindern. In Aleppo kann man im Kleinen sehen, was mit Syrien im Ganzen passiert: Der grausame Krieg wird zum Dauerzustand. Den Osten der Stadt kontrollieren die Rebellen, den Westen die syrische Armee. Von der einstigen Wirtschaftsmetropole sind nur Ruinen geblieben. 3 Millionen Menschen wohnten hier. Heute sind es weniger als 300.000. Zwischen ihren Einsätzen machen die Männer Pause im ihrem Hauptquartier. Erholen sich von den lebensgefährlichen Einsätzen, soweit das überhaupt geht. Assads Kampfhubschrauber könnten jederzeit zurückkommen und haben selbst die Retter im Visier. Die Schusslöcher in der Windschutzscheibe zeigen, unter welchem Risiko die CDF für ein bisschen mehr Humanität kämpfen. Der nächste Bombeneinschlag. Die gleichen grausamen Bilder. Wieder war es eine Fassbombe. Der islamische Beerdigungsritus verlangt, dass der Körper eines Menschen vollständig begraben wird. Kein Hautfetzen, kein Organ soll zurückbleiben. Die Männer vom CDF suchen nach allen menschlichen Überresten, die sie finden können. Erst dann ist ihre Arbeit getan Am Abend kehrt endlich so etwas wie Ruhe ein. Nachrichten auf Facebook schreiben. Musik machen. Bis die nächste Bombe einschlägt und der Horror von vorne beginnt. Alltag in Aleppo.
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Millionen Syrer sind auf der Flucht. Doch was passiert mit denen, die blieben? In Aleppo versuchen ehemalige Kämpfer zu retten, was nicht mehr zu retten ist.
Von Carsten Stormer und Philipp Weber

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