Nach erneuten Zusammenstößen zwischen kurdischen Kräften und Regierungstruppen in der nordsyrischen Stadt Aleppo hat die Übergangsregierung dort eine "begrenzte Militäroperation" angekündigt. Die Führung in Damaskus wirft den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) vor, in Aleppo Wohngebiete, Verkehrsstraßen und Sicherheitskräfte anzugreifen.
Die Operation erfolge auf Grundlage "einer lokalen Entscheidung sowie einer öffentlichen Forderung von Anwohnern", hieß es in einer Erklärung der Übergangsregierung. Ziel sei es, die Sicherheit wiederherzustellen und Zivilisten zu schützen. Es ging um die gezielte Bekämpfung von bewaffneten Gruppen, nicht von Zivilisten.
Zuvor gab es Berichte, wonach die syrische Armee die zwei kurdisch kontrollierten Stadtviertel der Großstadt Aleppo zum Sperrgebiet erklärt und mit Artillerie beschossen habe. Die Bewohner konnten die Bezirke Scheich Maksud und Aschrafijeh bis zum Nachmittag (15.00 Uhr Ortszeit, 13.00 Uhr MEZ) über zwei "humanitäre Korridore" verlassen. Zahlreiche Menschen, darunter auch Familien mit Kindern, ergriffen die Flucht, wie Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP berichteten.
Syrien durch Assad-Regime tief gespalten
Seit dem Umbruch in Syrien Ende 2024 streben die neuen Machthaber in Damaskus eine Zentralregierung für das Land an. Das nordsyrische Aleppo von der neuen islamistischen Übergangsregierung kontrolliert. Nur die Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafijeh standen bisher noch unter der Kontrolle kurdischer Einheiten, die Verbindungen zu den mehrheitlich kurdischen Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) und anderen kurdischen Milizen haben.
Das Land wurde durch die jahrzehntelange Herrschaft der Assad-Familie und den fast 14 Jahre dauernden Bürgerkrieg tief gespalten. Unter den ethnischen Minderheiten in Syrien stellen Kurden die größte Gruppe. Sie leben vor allem im Nordosten in einem selbstverwalteten Gebiet. Dort liegen auch die meisten Öl- und Gasreserven des Landes. Seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 genossen sie dort de facto Autonomie. Beim Sieg über die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien 2019 spielten die von den USA unterstützten SDF eine entscheidende Rolle.
Im März vergangenen Jahres hatten sich die Kurden und die Übergangsregierung auf eine Eingliederung der bisher autonomen Institutionen in die staatlichen Strukturen geeinigt. Der Vereinbarung nach sollten auch die kurdischen Kämpfer in die Armee eingegliedert werden. Bis heute wurde die Vereinbarung nicht umgesetzt. Zum Jahresende 2025 lief eine Frist aus. Bis dahin sollten Mechanismen zur konkreten Umsetzung ausgehandelt werden. Bisher treten die Verhandlungen auf der Stelle. Die Kurden ihrerseits fürchten sich vor erneuter Diskriminierung. Sie bevorzugen eine dezentrale Staatsordnung, um ihre Rechte nicht wieder zu verlieren.
Gefechte zwischen Regierungstruppen und kurdischen Kämpfern
Am Montag und Dienstag war es in Aleppo zu Gefechten zwischen Truppen der Übergangsregierung und kurdischen Kämpfern gekommen, am Dienstag gab es nach Berichten syrischer Staatsmedien neun Tote. Am Mittwoch kam es weiter zu vereinzelten Zusammenstößen. Schulen, Hochschulen, Behörden und der Flughafen der zweitgrößten Stadt Syriens blieben geschlossen.
Die SDF beschuldigten mit der Regierung verbündete Gruppierungen, sie angegriffen zu haben. Mindestens sieben Zivilisten seien seit dem erneuten Aufflammen der Gefechte am Dienstag getötet worden. Mehr als 50 Menschen seien verletzt worden. Panzerbeschuss und Drohnenangriffe dauerten weiter an. Die Übergangsregierung gab an, dass bei SDF-Angriffen gestern drei Zivilisten getötet wurden. 15 weitere seien verletzt worden. Darunter seien auch Kinder, hieß es.
Die syrische Armee erklärte, sie betrachte alle Militärstellungen der SDF in Scheich Maksud und Aschrafijeh als "legitime militärische Ziele". Der hochrangige Kurden-Vertreter Ilham Ahmed warf der Übergangsregierung in Damaskus vor, einen "völkermörderischen Krieg" gegen die Kurden zu führen. Er rief sie dazu auf, einen "Weg der Vernunft" einzuschlagen und "Probleme durch Dialog zu lösen".
Nach kurdischen Angaben ständen die Stadtteile Scheich Maksoud und Aschrafija unter vollständiger Belagerung. Die Einfuhr von Lebensmitteln, medizinischer Hilfe werde blockiert. Das syrische Militär erklärte die beiden Stadtviertel ab 15 Uhr (Ortszeit) als "militärisch gesperrte Zone". Dort gelte dann eine Ausgangssperre.
Seit Assads Sturz hat die Sorge um die Rechte und die Sicherheit von Minderheiten in Syrien zugenommen. Die islamistische Regierung in Damaskus mit dem früheren Dschihadisten Ahmed al-Scharaa an der Spitze steht im Verdacht, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht ausreichend zu schützen.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde aktualisiert.