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Aleppo: Ein Tag in der Hölle auf Erden

Der Osten von Aleppo geht im Bombenhagel unter. Etwa 250.000 Menschen sind dort eingeschlossen. Wie sieht ein Tag in dieser Hölle auf Erden aus? Der Versuch einer Antwort.

Ein Vater bricht zusammen, als seine Tochter tot aus den Trümmern eines Hauses im Ostteil Aleppos gezogen wird

Alltäglicher Horror in Aleppo: Ein Vater bricht völlig verzweifelt zusammen, als seine Tochter nach einem Luftangriff tot aus den Trümmern eines Hauses im Ostteil der Stadt gezogen wird.

"Stellen Sie sich ein Schlachthaus vor. Das hier ist schlimmer": Mit drastischen Worten hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon vor dem UN-Sicherheitsrat in New York die Lage in Aleppo beschrieben. Der von Rebellen kontrollierte Ostteil der Stadt ist seit Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Schätzungsweise 250.000 Menschen sind dort gefangen. Täglich werden sie von syrischen und russischen Kampfjets und Helikoptern bombardiert. Es sind die heftigsten Luftangriffe seit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2011. Wegen der Blockade fehlt es den eingeschlossenen Männern, Frauen und Kindern akut an Nahrungsmitteln, Trinkwasser und medizinischer Versorgung.

Einen Einblick in den täglichen Horror von Aleppo geben die Bilder, Videos und Meldungen, die über die Nachrichtenagenturen, sozialen Medien und einschlägigen Webseiten verbreitet werden. Die folgenden Tweets, Facebook-Postings und Nachrichten wurden alle innerhalb von nur 24 Stunden veröffentlicht - am Mittwoch, dem 28. September. Ihre Quellen sind häufig nicht objektiv, die Angaben kaum überprüfbar und die Ereignisse manchmal schon älter. Aber auch, wenn die Meldungen nicht den exakten Ablauf des 28. Septembers in Ostaleppo wiedergeben, verdeutlichen sie das Ausmaß des Schreckens, dem die Menschen dort Tag und Nacht ausgesetzt sind und zeigen, wie ein Tag in dieser Hölle auf Erden aussehen könnte.

+++ 2.13 Uhr: "Stoppt den tagtäglichen Völkermord" +++

Der Sky-Journalist Angelo Mangiante fordert auf Twitter ein Ende des "tagtäglichen Völkermordes" versehen mit den Hashtags #Syria und #Aleppo. Dazu stellt er einen Link zu einem Video, das zeigen soll, wie ein durch Napalm verbranntes syrisches Mädchen notdürftig versorgt wird. Bevor Sie auf den Link klicken, seien Sie eindringlich gewarnt: Der Anblick des verletzten und schwer geschockten Kindes ist kaum auszuhalten.

+++ 3.13 Uhr: Warum sterben so viele Kinder in der Stadt? +++

"Sie können nicht spielen, schlafen oder zur Schule gehen": Die "New York Times" verbreitet auf Twitter einen erschütternden Artikel, der erklärt, warum in Aleppo so viele Kinder getötet werden: "Unter den etwa 250.000 Menschen, die in der Bastion der Aufständischen in der geteilten nordsyrischen Stadt gefangen sind, befinden sich 100.000 Kinder, die verwundbarsten Opfer des verstärkten Bombardements durch die syrischen Kräfte und ihre russischen Verbündeten."

+++ 5.00 Uhr: Menschenrechtler postet Hilferuf aus Aleppo +++

Der Chef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch verbreitet auf Twitter einen Artikel der "New York Times", in dem ein Arzt die verzweifelte Lage in den Krankenhäusern von Aleppo schildert: "Uns gehen die Medikamente aus. Uns gehen die Beatmungsgeräte aus. Wir haben keine Babymilch mehr, vor allem für Neugeborene." Ein Bewohner der Stadt berichtet in dem Text, dass auch Nahrungsmittel knapp würden. "Jeder Tag ist schlimmer als der Tag davor. Jeden Tag, wenn ich mein Haus verlasse, denke ich, dass ich vielleicht nicht mehr zurückkomme."

+++ 9.00 Uhr: 15 Mitglieder einer Familie getötet +++

Al Jazeera meldet unter Berufung auf Anwohner, dass bei der Bodenoffensive der syrischen Streitkräfte 15 Mitglieder einer syrischen Familie im Osten Aleppos getötet worden seien.

+++ 9.32 Uhr Bombe trifft Wartende vor Bäckerei +++

Eine Bäckerei wird am Morgen durch einen Luftschlag zerstört. Die Nachrichtenagentur Reuters meldet später, bei dem Angriff seien sechs Anwohner, die für Brot angestanden hätten, getötet worden.

 +++ 12.08 Uhr: Kampfjet bombardiert Kliniken +++

Nachrichtenagenturen melden unter Berufung auf die in den USA ansässige Syrian American Medical Society (Sams) Luftangriffe auf die beiden größten Kliniken im Ostteil Aleppos. Ein Kampfflugzeug habe die Krankenhäuser am frühen Morgen "direkt" beschossen, heißt es. Die Kliniken M2 und M10, die von Sams unterstützt werden, mussten ihren Betrieb demnach vorübergehend einstellen. Damit seien im Ostteil Aleppos nur noch sechs Krankenhäuser in Betrieb. "Channel 4 News" postet ein Video, das den Moment zeigen soll, in dem eine der Kliniken getroffen wird. 

+++ 14.20 Uhr: Weißhelm-Chef befürchtet Massaker +++

Raed Saleh, der Chef der Organisation Syrischer Zivilschutz, die besser unter dem Namen Weißhelme bekannt ist, warnt vor dem völligen Zusammenbruch der Versorgung in Aleppo. Die "zivilen Einrichtungen werden nicht in der Lage sein, noch länger als einen Monat die Versorgung sicherzustellen", sagt Saleh der Nachrichtenagentur AFP. "Es wird kein Wasser und keinen Strom mehr geben, keinen Treibstoff, Krankenhäuser werden nicht mehr arbeiten können. Wenn es so weitergeht, rechne ich mit einem Völkermord."

Saleh befürchtet Massaker an der Zivilbevölkerung. Wenn die Menschen versuchen würden zu fliehen oder wenn Aleppo falle, seien die Bewohner den Angreifern ausgeliefert. Die Zivilbevölkerung würde "jede Gelegenheit" zur Flucht nutzen, aber es gebe keinerlei sichere Zuflucht und keinerlei Schutz. Die Weißhelme helfen den zivilen Opfern in Syrien. Vorige Woche wurden sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

+++ 16.51 Uhr: "New York Times" postet Video von Rettungsaktion +++

"Lauf in Richtung des Rauchs. Suche nach Überlebenden. Gehe weiteren Bomben aus dem Weg. Begrabe die Toten": Die "New York Times" zeigt in mehreren Videos den genauen Ablauf einer Rettungsaktion nach der Bombardierung eines Hauses, in dem vier Familien lebten.

+++ 17.08 Uhr: Ban Ki Moon vergleicht Aleppo mit Schlachthaus +++

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilt die Angriffe auf die Krankenhäuser in Aleppo als Kriegsverbrechen. "Stellen Sie sich ein Schlachthaus vor. Das hier ist schlimmer. Sogar ein Schlachthaus ist humaner", sagt Ban vor dem UN-Sicherheitsrat in New York. "Diejenigen, die immer zerstörerische Waffen benutzen, wissen genau, was sie tun."

+++ 17.26 Uhr: Unicef berichtet von 96 toten Kindern +++

Laut Unicef wurden seit Freitag mindestens 96 Kinder in Aleppo getötet. Weitere 223 seien verletzt worden, teilt die Kinderhilfsorganisation in New York mit. Das Gesundheitssystem im Osten Aleppos sei am Rand des Zusammenbruchs, nur noch rund 30 Ärzte seien verblieben und so gut wie keine Ausrüstung oder Medizin. "Die Kinder in Aleppo sind in einem lebendigen Alptraum gefangen", so Unicef-Vizechef Justin Forsyth. "Es gibt keine Worte mehr, mit denen man das Leid, das sie erleben, beschreiben könnte." Diese Angriffe auf Kinder seien durch nichts zu rechtfertigen. "Das Leid und der Schock bei den Kindern ist so schlimm, wie wir es noch nie gesehen haben."

+++ 17.45 Uhr: Weißhelme melden fast 1000 Tote in acht Tagen +++

Nach Angaben des Syrischen Zivilschutzes sind in den letzten acht Tagen fast 1000 Menschen in Aleppo getötet worden.

+++ 20.32 Uhr: Schulbetreiber stellt wegen Bomben Arbeit ein +++

"Russische Angriffe haben unsere Arbeit unmöglich gemacht. Sie greifen Zivilisten an und töten die Hoffnung": Das Middle East Institute meldet, die zivilgesellschaftliche Organisation Kesh Malek, die sich in Ostaleppo um den Betrieb von Schulen kümmert, habe wegen der Bombardierungen ihre Arbeit eingestellt.

+++ 23.30 Uhr: Weißhelme befreien kleines Mädchen aus Trümmern +++

Der Syrische Zivilschutz postet ein Video, das den Angaben zufolge die Rettung eines kleines Mädchens aus den Trümmern eines Gebäudes in Aleppo zeigt. Vier Stunden habe es gedauert, die einzige Überlebende eines Luftangriffs, bei dem 24 Zivilisten getötet wurden, zu befreien. 


+++ 1.08 Uhr: Familien schlafen in einem Raum, damit sie zusammen sterben +++

Die Journalistinnen Liz Sly und Louisa Loveluck beschreiben in der "Wasington Post" die Angst der Bewohner Aleppos, wenn die Nacht hereinbricht: "Familien kauern sich in der Dunkelheit zusammen, in einem Raum versammelt, damit sie nicht alleine sterben, während sie dem Dröhnen der Jets lauschen und auf das Fallen der Bomben warten."

Was wäre, wenn ...?

Die Lage in Aleppo ist zum Verzweifeln. Die schrecklichen Nachrichten und Bilder aus der "Hölle auf Erden" sind kaum zu ertragen. Und dennoch müssen sie verbreitet werden, denn sie zeigen, warum alles unternommen werden muss, um das Abschlachten der wehrlosen Männer, Frauen und Kinder so schnell wie möglich zu stoppen. Und wir alle müssen uns fragen, was der Journalist der niederländischen Zeitung "de Volkskrant", Sakir Khader, wenige Stunden vor Beginn dieses 28. Septembers auf Twitter postete:

Was, wenn

der Junge dein Bruder wäre

das Baby dein Kind wäre

das Mädchen deine Schwester wäre

Aleppo deine Stadt wäre ...