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Kinder in Syrien: Diese Bilder sind ein stummer Hilfeschrei

Es war nicht leicht, diese Fotostrecke zusammenzustellen. Und es wird für Sie nicht leicht sein, sie anzusehen. Doch ein Jahr nachdem das Bild des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi für Entsetzen sorgte, leiden weiter Tausende Kinder unter dem Syrienkrieg - und die Welt soll sehen, was sie ihnen antut.

Weinendes Mädchen wartet in einem provisorischen Krankenhaus in Duma auf seine Behandlung

Weinend wartet dieses verletzte Mädchen in einem provisorischen Krankenhaus in Duma auf seine Behandlung. Zuvor soll die von Rebellen kontrollierte syrische Stadt aus der Luft bombardiert worden sein (23. August 2016).

Heute vor einem Jahr ging das Bild des toten syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi um die Welt: Der Dreijährige war auf der Flucht aus Kobane über die Türkei nach Griechenland im Mittelmeer ertrunken. Am 2. September 2015 wurde sein Leichnam mit dem Gesicht im Sand in der Nähe des türkischen Ferienortes Bodrum gefunden. Die Fotos von dem kleinen Körper am Strand und auf dem Arm eines Polizisten sorgten weltweit für Bestürzung.

Auch die Aufnahme des kleinen Omran aus Aleppo, der blutend und staubbedeckt in einem Krankenwagen sitzt und apathisch ins Leere schaut, erschütterte viele Menschen. Der Fünfjährige sei "das wahre Gesicht" des Syrien-Konflikts, hieß es aus dem US-Außenministerium. Der Künstler Chaled Albaih aus dem Sudan zeichnete ein Bild, das Omran neben Aylan zeigt. Darüber schrieb er auf Englisch: "Die Wahl für syrische Kinder". Unter Omrans Bild steht: "Wenn du bleibst", unter Aylans Bild: "Wenn du gehst".

"Die Welt kümmert sich nicht. Es gibt nur leere Worte"

Geändert haben die Fotos von Aylan und Omran für die Mädchen und Jungen in Syrien nichts. Bis heute tobt dort der Krieg und raubt ihnen ihre Kindheit, ihre Eltern, Geschwister und Freunde und im schlimmsten Fall ihr Leben. Es gebe "tausende Geschichten von verletzten Kindern, denen Arme oder Beine abgerissen wurden", dennoch werde sich nichts ändern, klagte der Kinderarzt Abu al-Baraa aus Aleppo gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. "Die Welt kann jeden Tag Videos von Kindern auf YouTube sehen, die bei Angriffen getötet werden oder unter Trümmern liegen. Aber die Welt kümmert sich nicht darum. Es gibt nur leere Worte."

Die Verbitterung des Arztes aus der umkämpften Stadt ist nur allzu verständlich. Rund 3,7 Millionen syrische Kinder wurden nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef seit Beginn des Bürgerkriegs im März 2011 geboren. Sie kennen nichts anderes als ein von Krieg und Angst geprägtes Leben. Insgesamt sind 8,4 Millionen Kinder, 80 Prozent aller syrischen Kinder, vom Bürgerkrieg betroffen, entweder in Syrien selbst oder als Flüchtling in einem anderen Land.

Laut der Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die sich auf ein großes Netz an Informanten vor Ort stützt, wurden seit 2011 fast 15.000 Kinder im syrischen Bürgerkrieg getötet. Die meisten seien bei Bombenangriffen ums Leben gekommen, dutzende verhungert oder wegen der mangelhaften Gesundheitsversorgung in den belagerten Gebieten gestorben. Andere seien durch Giftgasangriffe getötet worden.

Kinder hungern, werden inhaftiert und gefoltert

Fast die Hälfte der 600.000 Syrer, die in belagerten Regionen leben, sind nach Angaben von Unicef Kinder. Um zu überleben, sind einige gezwungen, Tierfutter oder Blätter zu essen. Mindestens 1433 Kinder wurden laut Human Rights Watch seit Kriegsbeginn inhaftiert, nur 436 von ihnen seitdem wieder freigelassen. Mindestens hundert minderjährige Jungen wurden im Gefängnis gefoltert, wie Fotos des unbekannten syrischen Fotografen mit dem Pseudonym Cesar zeigen, der Bilder von gefolterten Häftlingen außer Landes schmuggeln konnte. Unter den Opfern war der 14 Jahre alte Ahmed al-Musalmani, der 2012 festgenommen wurde, weil Soldaten auf seinem Handy ein regierungskritisches Lied fanden. Ahmed starb im Gefängnis.

Das Schicksal der Kinder im syrischen Bürgerkrieg zerreißt einem das Herz. Beim Zusammenstellen der Aufnahmen für diese Fotostrecke kamen mir mehrmals die Tränen. Deshalb - auch wenn Abu al-Baraa nicht an die Wirkung der Bilder glaubt: Um das Leiden der schwächsten und hilflosesten Kriegsopfer zu stoppen, darf nichts unversucht bleiben. Die Welt muss sehen, was sie den Kindern antut. Damit am Ende niemand sagen kann, er hätte nichts gewusst.


mit AFP